Denkanstöße – Materialien: Literatur-Tipps, Terminhineweise, Berichte …

Begegnung am Herd: Sternekoch Ömür Akkor kocht aus seinem Kochbuch in Blindenschrift beim Anatolia Festival in Mainz im Oktober 2014

 

 Schreibwettbewerb zum Thema: Begegnungen

 

Im letzten Jahr sind 12 Kurzgeschichten von Kindern und Jugendlichen in der Anthologie „Von cool bis uncool“ zur 1. Buchmesse Rheinland-Pfalz erschienen . Nun gibt es einen neuen Wettbewerb für Nachwuchsautoren von 10 bis 18, ausgeschrieben von Land Rheinland-Pfalz in Zusammenarbeit mit dem Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland e. V. im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und gefördert von der Lotto Rheinland-Pfalz-Stiftung gefördert.

 

Während die Geschichten in der ersten Runde lediglich einen Bezug zu Rheinland-Pfalz aufweisen sollten, sollen die Teilnehmer diesmal auch soziale/interkulturelle Kompetenz unter Beweis stellen. Das Thema des diesjährigen Wettbewerbs lautet „Begegnungen“. Egal, ob es sich bei der Geschichte um ein persönliches Erlebnis, ein Märchen, einen Kurzkrimi, eine Alltags- oder Fantasygeschichte handelt, im Mittelpunkt der Handlung muss die Begegnung mit einem oder mehreren „anderen“ Menschen stehen. Sei es mit Menschen anderer Hautfarbe, anderer Religion, Behinderten oder mit einer außergewöhnlichen Begabung.

Das Manuskript sollte zwischen 6 und 10 DIN-A-4-Normseiten (30 Zeilen à 60 Anschläge) oder bis zu max. 20.000 Anschläge umfassen und muss auf CD als Win/Word-Datei bis zum 31.12.2014 beim Büro der Buchmesse Rheinland-Pfalz im Medienhaus Pfalzfeld, Raiffeisenstr. 30, 56291 Pfalzfeld eingereicht oder gemailt werden an: schuelerwettbewerb@buchmesse-rlp.de. Beim Einreichen der Geschichten bitte unbedingt das unter http://www.buchmesse-rheinland-pfalz.de/schueler.inc.php als Download verfügbare Formular ausgefüllt mitschicken.

 

Der folgende Beitrag von drei Schülerinnen unterschiedlicher Schulen wurde im Oktober 2014 mit einem Preis ausgezeichnet:

 

„Als ich vom

wahren Weg

mich abgewandt“

Dante Alighieri, „Die Göttliche Komödie“

 

 

 

 

Ein Beitrag zum Wettbewerb

Junge Akademie

„Der religiöse Mensch…

Friedensengel oder Feuerteufel?“

(von Fiona 17 Jahre, Destiny 18 Jahre und Skye 17 Jahre)

Die Idee hinter unserem Beitrag

 

Als wir von dem Thema des Wettbewerbs erfuhren, war unser Interesse sofort geweckt: Die Beschäftigung mit der Frage, wie Religion Menschen beeinflusst, erscheint vor allem vor dem Hintergrund zumindest vordergründig religiös motivierter – auch gewalttätiger – Konflikte immer wichtiger.

In unserem Beitrag haben wir uns zunächst für einen szenisch angelegten Dialog (in schriftlicher Form) entschieden, den ein „Friedensengel“ und ein „Feuerteufel“ – als Sinnbilder für die friedensstiftende und die zerstörerische Seite der Religionen – miteinander über besagte Fragestellung führen.

Im Laufe dieses Streits betrachten sie aus der Ferne unterschiedliche, jeweils religiös motivierte Menschen, die ihre Thesen anderen Menschen gegenüber vertreten. Einige davon setzen sich für Frieden und Versöhnung ein, andere liefern religiöse Begründungen dafür, in den Krieg zu ziehen.

Zum Schluss geraten sie an einen Menschen, der zwar religiös ist, sich aber weder zu den Friedensengeln noch zu den Feuerteufeln zählt. Mit ihm gemeinsam finden sie den Ansatz einer Erklärung für den unterschiedlichen Einfluss, den Religion auf Menschen hat.

Ziel unseres Beitrags ist die Darstellung, dass die Interpretation und Ausübung von Religion immer von den Menschen, die sie praktizieren, abhängt und die Verantwortung für Frieden oder Krieg allein bei den Menschen liegt.

 

 

Das Zitat auf der Titelseite ist entnommen: „Die Göttliche Komödie“, Dante Alighieri, übersetzt von Otto Gildemeister, Phaidon Verlag, Essen 1983

Weit, weit entfernt, irgendwo im Nirgendwo: Ein Engel und ein Teufel treffen sich.

Engel: Grüß Gott!

Teufel: Nee, der mag mich nicht (grinst) Dafür aber die Menschen.

Engel: Fängst du schon wieder damit an?

Teufel: Womit denn?

Engel: Na damit, dass immer mehr Menschen dir verfallen. Außerdem stimmt das nicht. Es gibt immer noch sehr, sehr viele gläubige Menschen auf der Welt!

Teufel: Als ob Religion das Böse auf der Welt verhindern könnte; als ob Religion Kriege verhindern könnte…

Engel: Was meinst du denn damit? Religion ist aus dem Streben nach Frieden entstanden!

Teufel: Meinst du das ernst? Sind alle Glaubenskriege etwa an dir vorbeigegangen?

Engel: Noch nie, ich wiederhole: noch nie!, ist ein Krieg jemals durch Religion entstanden! Der Begriff „Glaubenskrieg“ ist daher falsch! Es waren immer die Menschen, die sie aus Streit, Missgunst und all dem, für das du stehst, ausgelöst haben. Sie hatten zwar vielleicht gute Absichten, aber ihre Methoden waren falsch! Mit den richtigen Mitteln können Menschen Kriege verhindern oder beenden!

Teufel: Ach ja? Dann beweis es! Beweise mir, wie Religion, pardon, religiöse Menschen Kriege verhindern und beenden können!

Engel: Sieh her!

Der Engel lässt eine Kristallkugel erscheinen. Anfangs verschwommen, dann zunehmend deutlicher, sieht man einen Friedensaktivisten, der gerade eine Rede hält.

Friedensaktivist: …denn was haben unsere Religionen gemeinsam? Wir dürfen nicht töten. Unter keinen Umständen!

Engel: Sehr richtig! (nickt zu den Worten und lächelt stolz)

Friedensaktivist:  Wie können wir die Regeln unserer eigenen Religion missachten, um sie zu verbreiten?! Wir alle, alle Menschen auf diesem Planeten, sind Geschwister. Doch der Ort, an dem Geschwister sich ohne jegliches Gewissen gegenseitig niedermetzeln und abschlachten wie minderwertiges Vieh wird niemals von Frieden erfüllt werden können.

Teufel: (spöttisch) Und wie wollt ihr das verhindern?

Friedensaktivist: Meine Brüder und Schwestern, ich sehe in eure Gesichter und weiß, was ihr euch fragt. Ihr fragt euch: Wie? Wie sollen wir unsere Mitmenschen dazu bringen, mit dem Krieg aufzuhören?

Teufel: Ja, dann erzähl uns doch deine Idee du schlaues Köpfchen!

Friedensaktivist: Wir können sie nicht mit Gewalt zum Frieden zwingen.

Teufel: „ Können“ schon…

Engel: Das sollte man aber aus moralischen Gründen nicht tun! Ansonsten wäre man ja genauso dämlich wie die Leute, die „Glaubenskriege“ anfangen. (unterstreicht das Wort „Glaubenskriege“ mit angedeuteten Anführungszeichen)

Friedensaktivist: Man kann sie nur überreden. Wir müssen sie darauf hinweisen, müssen ihnen zeigen, was sie mit ihrem Verhalten alles zerstören. Lasst uns alle auf unsere Gemeinschaft aufmerksam machen. Lasst uns der Welt zeigen, dass man auch in einer Gemeinschaft, die so unterschiedlichen Religionen angehörige Menschen beherbergt, glücklich sein und in Frieden leben kann. Denn eins verbindet uns: Unsere Hoffnung!

Teufel: Und die stirbt bekanntlich zuletzt… (diabolisches Grinsen)

Engel: Du hast nichts verstanden… (dreht sich beleidigt weg)

Der Teufel macht es ihm nach.

 

Nun sitzen sie, von der Kugel abgewandt, mit dem Rücken zueinander.

Teufel: Na gut, aber ich bin immer noch der Meinung, dass Religion Krieg fördert. Egal was du sagst, es ist einfach so!

Engel: He, ich meine nur, dass Religion nicht immer die Schuld an Kriegen trägt!

Teufel: Ist doch jetzt egal. Lass mal sehen, was bei so einem richtig Radikalen vor sich geht.

Sie wenden sich wieder der Kugel zu und schauen hinein.

Ein Geistlicher ist zu sehen, welcher gerade damit beschäftig ist, ein „Ave Maria“ zu beten.

Engel: Siehst du, der ist doch harmlos, das bisschen Beten schadet doch niemandem, oder?

Teufel: Tja, wenn es dabei bleiben würde…

Der Geistliche hält eine Predigt in einer Kirche und spricht offensichtlich über andere Religionen.

Pfarrer: „Und da sprach Jesus: Verbreitet meinen Willen, auf dass alle Menschen unter dem Himmel ihn teilen und so Frieden herrsche bis in alle Ewigkeit.“

Engel: Hey, die Stelle steht aber nicht so in der Bibel! (wirft einen Blick in die Bibel und diese dann frustriert hinter sich)

Teufel: Und genau das ist das Problem: Diese Fanatiker biegen sich die Worte so zurecht, dass es ihren Zwecken dienlich ist. Aber das ist in allen Religionen so…

Das Bild wechselt: Zu sehen ist jetzt ein religiöser Extremist.

Extremist: …und deshalb haben wir den Heiligen Krieg ausgerufen. Unsere Religion ist die einzig wahre und keine andere hat es verdient zu existieren! Es ist eine Ehre, in diesem Krieg zu sterben!

Der Teufel seufzt vielsagend.

Engel: Aber das ist doch einfach nur blöd, kein Mensch fällt auf so etwas Dummes herein!

Teufel: Tja, die Menschen sind besonders in Kriegsgebieten sehr verzweifelt, sie glauben schnell, was ihnen vorgespielt wird. Das eigentliche Problem ist, dass sie keine Alternativen haben, sie bekommen den ganzen Tag erzählt, wie schlecht andere Religionen sind; und irgendwann glauben sie das. Aber auch junge Manschen sind oft verwirrt und suchen Halt in der Religion; sie sind gefundenes Fressen für Radikale JEDER Religion.

Engel: Oh Mann, warum können die Manschen nicht einfach erkennen, dass es keinen Sinn hat sich zu bekriegen…

Teufel: Es sind Menschen! Die stursten Wesen des Universums! Haben die sich mal was in den Kopf gesetzt, bekommt man das nur sehr schwer wieder heraus.

Engel: Die spinnen doch…

Teufel: Das eigentliche Problem ist nicht die Religion, sondern die Menschen, welche diese ausleben. Radikale, die die Worte verdrehen; Fanatiker, die nicht akzeptieren können, dass es auch eine andere Meinung gibt. Doch lass uns einmal weiter sehen.

Das Bild zeigt Amerika, wo gerade mit der Missionierung begonnen wird.

Teufel: Siehst du, wie viel Blut für die Religion vergossen wird?

Engel: Gott, das ist ja grauenhaft!

Teufel: Jeder, der sich weigert, wird einfach umgebracht und das alles nur, weil seine Religion anders ist. Es sind regelrecht Kriege um die Religion geführt worden. Denk nur mal an die Kreuzzüge, Christenverfolgungen, Expansionskriege, Hugenottenkriege, die Judenverfolgung, die Konflikte zwischen Hinduisten und Muslimen in Indien oder den Nahostkonflikt…

Engel: Und das alles nur, weil es ein paar Leute gab, die ihre Religion für überwichtig hielten…

 

Engel und Teufel sitzen frustriert nebeneinander und starren gedankenverloren in die Kugel. Plötzlich flackert es darin und ein neues Bild taucht auf: Ein Mensch, der vor dem Fernseher sitzt, völlig vertieft in einen Film.

Engel: Wer ist denn das? Hast du den ausgesucht?

Teufel: Nein – ich dachte, du wärst das gewesen…

Der Mensch dreht sich unbehaglich um, als würde er sich beobachtet fühlen.

Mensch: Ist da jemand?

Engel: (verwundert) Das ist jetzt der Erste, der uns bemerkt…

Der Teufel winkt dem Menschen zu, der die Augen zusammenkneift und die beiden dann zu bemerken scheint.

Mensch: Wer seid ihr denn?

Engel: Nun, gewöhnlich nennt man uns Friedensengel…

Teufel: …und Feuerteufel. Wir beurteilen euch.

Mensch: Wen „uns“?

Engel: Euch religiöse Menschen. Du bist in unserer Kugel aufgetaucht, also musst du eigentlich einer Religion angehören. Bist du religiös?

Mensch: Ich denke, schon. Warum wollt ihr das wissen?

Teufel: Vielleicht kannst du uns dann ja eine Frage beantworten?

Engel: Genau, wir konnten uns bis jetzt nämlich einfach nicht einigen: Was macht die Religion aus euch? Macht sie euch friedlich oder sorgt sie dafür, dass ihr Kriege führt?

Mensch: Und das soll ich euch jetzt allgemein für die gesamte Menschheit beantworten?

Teufel: (seufzt) Zugegeben, vor dir hat es keiner hinbekommen; aber so langsam wollen wir den Streit hier beenden, also gib dir bitte ein bisschen Mühe.

Mensch: (überlegt) Wen habt ihr denn bis jetzt gesehen?

Engel: Friedensaktivisten…

Teufel: …und Extremisten der verschiedensten Religionen.

Mensch: Lasst mich einen Moment überlegen. Ich habe mir bis jetzt nämlich eigentlich keine Gedanken darüber gemacht, inwieweit Religion dafür verantwortlich ist.

Teufel: Irgendwie muss sie da doch mit drinhängen – schließlich berufen sich Radikale doch so gerne darauf.

Mensch: Nun, auf der einen Seite gibt es doch Menschen, die Religion nutzen, um Frieden zu stiften. (wendet sich dem Engel zu) Die sprechen eher für deine Seite. Und dann sind da diejenigen, die ihre Religion als Rechtfertigung für Kriege missbrauchen. (dreht sich zum Teufel um) Die sprechen für dich. Das sind diejenigen, die einen Absolutheitsanspruch für ihre Religion vertreten und meinen, ihre Form des Glaubens mit Gewalt „verteidigen“ zu dürfen. (hält kurz inne) Aber alle starten mit den gleichen Voraussetzungen; jedem stehen beide Richtungen offen…

Engel: Und was bringt euch dazu, euch für eine Seite zu entscheiden?

Mensch: Einflüsse von außen, aus unserer Umgebung. Und welche, die von innen, aus uns selbst kommen. Also kann dieselbe Religion Menschen in völlig verschiedene Richtungen führen, wenn sie sich ausschließlich an bestimmten Werten und Aussagen orientieren. Für die Schriftreligionen wurden die heiligen Bücher ja  auch schon vor mehreren tausend Jahren geschrieben – die kann man, wenn man sie wörtlich nimmt, in Teilen weder mit unserem Rechtssystem noch mit den Menschenrechten vereinbaren.

Teufel: Okay, mit der Darstellung kann ich mich anfreunden. Aber was ist dein Ergebnis?

Mensch: Religion bestimmt nicht, ob ein Mensch gut oder böse wird – oder, um es mit euren Worten auszudrücken, ob er „Friedensengel“ oder „Feuerteufel“ wird. Das bestimmt seine Interpretation seiner Religion und auch, ob er ihr einen Absolutheitsanspruch zubilligt. Könnt ihr euch damit zufrieden geben?

Teufel: Ja, geht in Ordnung. Vielen Dank auch. (zum Engel) Komm, lass uns einen trinken gehen – das ganze Denken hier wird mir zuviel.

Engel: Sekunde, ich komme gleich nach.

Der Teufel geht ab.

Engel: Danke, dass du dich auf die Diskussion eingelassen hast.

Mensch: Nicht der Rede wert.

Engel: Eine Frage habe ich noch…

Mensch: Nur heraus damit.

Engel: Wie kann man die Menschen dazu bringen, sich für die friedliche Seite zu entscheiden?

Mensch: Ich denke, man muss sie davon überzeugen, dass keine Religion die einzig wahre ist. Wenn sie davon ausgehen, Recht zu haben, müssen die anderen deswegen ja noch nicht automatisch im Unrecht sein. Wenn die Menschen das einsehen, gibt es keinen Grund mehr für Religionskriege.

Engel: Das klingt gut. Darüber würde ich gerne einmal nachdenken.

Der Teufel ruft aus dem Off nach ihm.

Engel: Ich muss dann auch mal los. Vielen Dank noch mal und auf Wiedersehen!

Mensch: Gerne doch. Jetzt bin ich auch einmal dazu gekommen, mir Gedanken darüber zu machen, was Religion für mich bedeutet.

Der Engel geht ab.

 *

 

 

Literatur-Tipp

Wir haben uns im Rahmen von schulischen und außerschulischen Projekten („Trialog der Kulturen“-Schulenwettbewerb der Herbert Quandt Stiftung, „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“), der Teilnahme an Schreibwettbewerben und Veranstaltungen, aber auch im „Unterricht nach Plan“ mit den verschiedensten Aspekten interkultureller/interreligiöser Verständigung auseinandergesetzt.

(Jugend-)Bücher spielten dabei eine wichtige Rolle, so dass wir uns im Laufe der Zeit zu regelrechten „Literaturscouts“ entwickelt haben. An dieser Stelle bedanken wir uns bei Verlagen, die uns – manchmal lange vor Erscheinen der Titel – Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt haben, bei den Autoren und Autorinnen – manche davon aus den eigenen Reihen -, die unsere Fragen beantwortet haben.

Am 1.9.2014 ist bei rotfuchs „Auf der richtigen Seite“ von William Sutcliffe erschienen, ein Roman für Jugendliche ab 12 Jahren über den Nahost-Konflikt. Der Originaltitel lautet „The Wall“ und das Thema ist die Mauer, die Israelis und Palästinenser voneinander trennt und dafür sorgt, dass die Nachbarn nichts übereinander wissen und auf der jeweils anderen Seite den Feind vermuten, der ihnen immer und überall nach dem Leben trachtet. Wer in der jüdischen Siedlung im Westjordanland aufgewachsen ist, in die es den 13-jährigen Joshua erst vor ein paar Jahren durch seinen Stiefvater verschlug, hat nie etwas anderes kennengelernt und hält es für gesichertes Wissen, selbst zu „den Guten“ zu gehören. Joshuas Vater wurde zwar bei Kämpfen getötet, doch die Werte, die er seinem Sohn vermittelt hat, sind für diesen noch gegenwärtig: Anders als für seinen strenggläubigen Stiefvater kommt es für Joshua nicht in Frage, sich selbst über andere zu erheben, noch dazu, wenn er überhaupt nichts über sie weiß. Auch wenn er selbst sich dabei in Gefahr begibt und bedrückend wenig ausrichten kann – sein innerer Kompass macht ihm immer wieder unmissverständlich klar, dass er sich seine Offenheit niemals nehmen lassen darf, wenn er überleben will, so dass er den Mut zur Begegnung aufbringt.

William Sutcliffe
Auf der richtigen Seite
Deutsche Erstausgabe
Aus dem Englischen von Christiane Steen
352 Seiten
ab 12 Jahren
€ 16,99 (D)/ € 17,50 (AT)/ sFr 24,50
ISBN: 978-3-499-21231-4Auch als E-Book erhältlich:
ISBN: 978-3-644-52501-6
Erstverkaufstag: 01. September 2014
Der 13-jährige Joshua lebt mit seiner Mutter und seinem strenggläubigen Stiefvater in Amarias, einer fiktiven Stadt in den israelischen Siedlungsgebieten der West Bank. Eine Mauer trennt Amarias von der Seite der Palästinenser, wo nach Ansicht des Stiefvaters, die „Feinde“ leben. Als Joshua eines Tages auf einem verlassenen Grundstück einen Tunnel findet, der unter der Mauer hindurch auf die andere Seite führt, kriecht er ohne Nachzudenken hindurch – und erfährt zum ersten Mal, dass die Welt vor der Mauer möglicherweise echter und normaler ist als die künstliche Welt von Amarias. Joshua befreundet sich mit einem Mädchen auf der anderen Seite, kümmert sich wie besessen um die Pflege ihres Olivenhains auf seiner Seite der Mauer und gerät immer wieder mit seinem fanatischen Stiefvater aneinander. Am Ende  beschließt Joshua, Amarias für immer zu verlassen und bezahlt für diese Entscheidung beinahe mit seinem Leben.

„Auf der richtigen Seite“ wurde nominiert für  «The Guardian Children’s Fiction Prize 2013».  Die Uraufführung des Theaterstücks ist für den Winter 2014/2015 am Jungen Theater Bonn geplant.

Zum Autor: William Sutcliffe ist in London geboren und hat als Fernsehredakteur und Fremdenführer gearbeitet. Mit dem Rucksacktouristen-Kultbuch „Meine Freundin, der Guru und ich“ wurde er international bekannt.

 

Terminhinweis
Zum Vortrag mit Diskussion „Das vielfältige Schulsystem Israels“ mit Torsten Reibold, Europarepräsentant der Bildungs- und Begegnungsstätte Givat Haviva, laden die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz und Givat Haviva am Freitag, 12. September 2014 um 17.00 Uhr nach Mainz ein. Der Eintritt ist frei!
Im Gerty-Spies-Saal der Landeszentrale (Am Kronberger Hof 6) analysiert Reibold ein Schulsystem, das es in Komplexität, zentrifugal agierenden Kräften und der Aufteilung in Partikularinteressen mit dem deutschen Bildungsdschungel mehr als aufnehmen kann.

Detektivgeschichte DREIKLANG

Die interkulturelle Detektivgeschichte um eine jüdische, eine muslimische und eine christliche Freundin, deren Väter in einer Band spielen und die gemeinsam einen spannenden Fall lösen, ist ein Beitrag einer Mainzer Schule für den „Trialog der Kulturen“-Schulenwettbewerb der Herbert Quandt Stiftung aus dem Jahr 2011. Wir stellen Euch hier einen Auszug vor. Die vollständige Geschichte ist nachzulesen in „Soul Cuisine“, VerlagDK Dieter Kumpf, Heppenheim.

Dreiklang (Auszug)

Eine interkulturelle Detektivgeschichte von Alma, Almuth, Angela, Mariam, Hafza, Jeannine und Josephine aus Mainz

1.

„Endlich Sommerferien!“

Hannah schleuderte ihre pinkfarbene Reisetasche auf das mittlere Bett.

„Ich hab‘ dir so viel zu erzählen, das glaubst du gar nicht“, sagte Michaela.

Sie stellte ihren Rucksack ab und warf sich auf das Bett, das am nächsten am Fenster stand.

„Wow, was für eine Aussicht!“

Selbst im Liegen hatte man durch das Panoramafenster einen freien Blick über die weitläufigen Weinberge und die Reitanlage des Hofgutes.

„Das wird Yasmina freuen, dass unsere Väter ausgerechnet hier auftreten“, sagte Michaela. Ihre Freundin war ein absoluter Pferde-Fan.

„Wo bleibt sie eigentlich?“

„Vielleicht hat ihr Vater ja noch einen Einsatz“, überlegte Hannah. „Oder ist irgendein muslimischer Feiertag?“

„Nicht, dass ich wüsste …“

Yasminas Vater war Kriminalhauptkommissar bei der Mainzer Polizei. Schon seit seiner Schulzeit spielte er mit den Vätern von Michaela und Hannah sowie einem weiteren Klassenkameraden, der heute ein katholischer Priester war, in einer Band. Während der Sommerferien gingen sie oft auf Tournee, und die Mädchen durften sie begleiten.

„Naja, sie wird sicher bald kommen“, sagte Hannah. „Ich glaube, ich lege mich nochmal aufs Ohr. Diese Konfi-Freizeit war wirklich ziemlich anstrengend.“

Sie streckte sich auf ihrem Bett aus.

 

2.

Yasmina stand vor der Tür und zögerte. Zum x-ten Mal überprüfte sie die Zimmernummer. 33. Ja, hier war sie richtig. Was würden ihre Freundinnen sagen? Selbst ihre Eltern hatten immer wieder gefragt, ob sie sich das auch gut überlegt hätte. Doch Yasmina war fest entschlossen gewesen. Es kam ihr irgendwie richtig vor.

Endlich fasste sie sich ein Herz, klopfte kurz an die Tür und drückte die Klinke, ohne auf Antwort zu warten. Hannah lag auf einem der Betten, Michaela saß am Fußende und sah einen Stapel Fotos von ihren Meerschweinchen Bobo und Fine durch. „ … und hier tollen sie in unserem Garten herum und schnuppern an Mutters Kräutern, die sie in ihrem Hofladen eigentlich verkaufen wollte …“

Als sie Yasmina sah, verstummte sie schlagartig. Auch Hannah, die schläfrig Michaelas Ausführungen über sich ergehen lassen hatte, war plötzlich hellwach. Beide starrten Yasmina mit offenen Mündern an.

„Hallo …“, begann sie zaghaft. Schnell drehte sie sich um und stellte ihre Tasche in einen der Schränke. Sie konnte die Blicke der Freundinnen in ihrem Rücken förmlich spüren. Hannah fand als erste ihre Sprache wieder.

„Oh … Äh … Hallo. Du siehst so – anders aus.“

„Hmja, nicht schlecht, nur irgendwie – ungewohnt …“, beeilte Michaela sich zu sagen.

Anders … Ungewohnt … Yasmina merkte, dass sie anfing, sich aufzuregen. Hatte sie etwa so reagiert, als Michaela sich ihre Lockenpracht hatte abschneiden lassen und plötzlich mit ziemlich kurzen Haaren vor ihnen stand? Oder als Hannah plötzlich auf schwarzen Eye-Liner stand, den sie mehr als großzügig auf die Augenpartie verteilte?

„Ich gehe mal zu den Pferden“, sagte sie betont beiläufig, nahm einen der drei Schlüssel vom Beistelltisch und schlüpfte aus dem Raum, ohne Michaela oder Hannah noch einmal anzusehen.

 

3.

„Vielleicht hätte ich ihr nachlaufen sollen“, dachte Michaela. Andererseits – wenn Yasmina ihre Ruhe haben wollte, kam man ihr besser nicht zu nahe. Und dann die Sache mit dem Kopftuch … Ob Yasmina jetzt weniger durfte als vorher und vielleicht Probleme damit haben würde, dass ihre Freundinnen anderen Religionen angehörten?

„Quatsch!“, sagte Michaela laut zu sich selbst. „Das Kopftuch ist einfach ein Ausdruck ihres Glaubens, nicht mehr und nicht weniger. Dass Yasmina Muslimin ist, haben wir auch vorher schon gewusst, stimmt’s, Hannah? So was kann unsere Freundschaft doch nicht auseinanderbringen.“

Dem lautem Gähnen nach, das sie aus Hannahs Bettecke vernahm, würde sie wohl vorerst keine Antwort bekommen. Wie konnte ihre Freundin einfach so einschlafen? Interessierte sie überhaupt nicht, was mit Yasmina war? Doch Michaela merkte, dass sie ungerecht war. Yasmina trug ein Kopftuch und die Einzige, die eine Riesensache daraus machte, schien sie, Michaela, zu sein. Sie ließ ihre Gedanken zu ihrer bevorstehenden Bat Mizwa wandern. Würde sich dadurch vielleicht etwas ändern? Sicher nicht, genauso wenig wie durch Hannahs Konfirmation. Bei ihren Vätern hatte das doch auch geklappt. Nichts und niemand hatte ihre Freundschaft erschüttern können, auch wenn sie sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten. Gemeinsam mit dem katholischen Priester gingen der jüdische Lehrer, der muslimische Polizist und der evangelische Winzer noch heute durch dick und dünn.

Bei der Kinder-Akademie der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, bei der Michaela im letzten Winter als Betreuerin für die Kindergruppe der Sieben- bis Neunjährigen dabei gewesen war, hatte sie einen Privatdetektiv kennengelernt, der dort seinen Beruf vorstellte. Alex kam aus einer christlichen Familie; Religion schien für ihn aber keine besonders große Rolle zu spielen, wenn Michaela das richtig verstanden hatte. Akin, sein bester Freund, der in den Semesterferien bei ihm jobbte, war Muslim. Wenn Akin Zeit hatte, begleitete er Alex zu den Detektivseminaren quer durchs Land. Eine Lehrerin an einem katholischen Mädchengymnasium hatte Alex auf die Idee gebracht, nicht nur seine Arbeit vorzustellen, sondern auch Detektivgeschichten für Kinder zu schreiben. Da er sich das nicht so ohne weiteres zutraute, hatte er einfach die Lehrerin mit zur Kinder-Akademie genommen und mit ihr gemeinsam die Berufe „Detektiv“ und „Schriftsteller“ vorgestellt. Die Lehrerin hatte den Kindern eine Geschichte von Joe de Mayence vorgelesen, einem Mädchen, das sich immer dann, wenn sie sich sehr aufregt oder Angst bekommt, in einen Löwen verwandelt und gemeinsam mit ihrem Freund Morten in Detektivgeschichten hineingerät. Michaela hatte grinsen müssen; sie kannte die Geschichte, weil sie selbst zu den „Mainzer Krimikindern“ gehört hatte, die sich die Geschichte vor sieben Jahren ausgedacht hatten. Die Kinder hatten ihre Ideen nur erzählen müssen, aufgeschrieben hatte damals alles eine Schriftstellerin.

Beim gemeinsamen Mittagessen im Spiegelsaal – es gab Nudeln mit Tomatensauce – fiel Michaela auf, dass die Lehrerin sich unsicher umblickte. „Ich bin zum ersten Mal in einer jüdischen Einrichtung“, sagte sie entschuldigend, als sie Michaelas Blick auffing. Da sie bisher ganz locker und selbstbewusst aufgetreten war, fragte Michaela sich, woher die plötzliche Verunsicherung kam. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Vieles von dem, was für sie selbstverständlich war und Alex, der regelmäßig bei ihnen zu Gast war, schon gar nicht mehr registrierte, war für sie neu – zum Beispiel, dass die Jungs zum Essen eine Kippa aufsetzten. Wer keine eigene dabei hatte, bekam leihweise eine von den weißen mit blauem Rand, auf die jemand „Hort“ geschrieben hatte.

Die Lehrerin verriet Michaela, dass sie nochmal schnell in dem Heft „Jüdisches Leben in Deutschland“, das von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben wird, nachgelesen hatte, was es mit dem Channukka-Fest auf sich hat, das gerade im Gange war, um sich auf den Termin vorzubereiten. Außerdem hatte sie sich im Radio auf hr2 die Kinder-Funkkolleg-Folgen „Wie beten Juden, Muslime und Christen?“ und „Was ist Weihnukkah?“ angehört. Trotzdem hatte ein ungewohnter Anblick sie kurzzeitig aus dem Konzept gebracht. Sie hatte genau so reagiert wie Michaela vorhin, als sie ihre Freundin Yasmina zum ersten Mal mit Kopftuch gesehen hatte. Nicht ablehnend, nicht wertend – einfach nur verblüfft. Yasmina würde das verstehen. Es würde sich nichts zwischen ihnen ändern. Jetzt sah sie endlich wieder klar. Das wollte sie Yasmina unbedingt sofort sagen. Sie ließ Hannah weiterschnarchen und machte sich auf die Suche nach ihrer Freundin.

Interkultureller Roman SOUL CUISINE (VerlagDK Dieter Kumpf, Heppenheim)

Mit ihrem Roman um eine muslimische Anwältin, eine christliche Ärztin und eine jüdische Wissenschaftlerin, die sich einmal die Woche zum Kochen treffen, in den sie die vielfältigen Projektergebnisse der gesamten Schulgemeinschaft einarbeiteten, sicherten Carla, Katrin, Johanna, Michelle, Léa, Lea, Laura, Jana und Maja der Hildegardisschule in Bingen 2013 einen ersten Platz beim „Trialog der Kulturen“-Schulenwettbewerb der Herbert Quandt Stiftung.

Übrigens: Die in „Dreiklang“ erwähnte „Joe de Mayence“-Geschichte ist ebenfalls nachzulesen in „Soul Cuisine“, VerlagDK Dieter Kumpf, Heppenheim. Weitere Geschichten der Mainzer Krimikinder von dem Mädchen mit den löwenstarken Kräften sind 2008 („Joe de Mayence – Löwenstark“) im selben Verlag erschienen. Hierfür gab es einen 2. Platz beim World Vision Deutscher Kinderpreis.

Terminhinweis:

Preisverleihung des mit 5.000 Euro dotierten Gerty Spies-Literaturpreises der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz an Navid Kermani am Dienstag, 23. September 2014 im Mainzer SWR-Landesfunkhaus

Am Dienstag, 23. September 2014, erhält der Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani im Foyer des Landesfunkhauses des SWR in Mainz den mit 5.000 € dotierten Gerty-Spies-Literaturpreis der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (LpB) überreicht. Kermani wird als herausragender „poetischer Verfechter von Humanismus, Menschenwürde, Toleranz und Respekt“ ausgezeichnet.

Dr. Navid Kermani,
1967 in Siegen geboren, lebt heute in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und durch seine Essays und Veröffentlichungen als scharfsinniger Beobachter des deutschen Alltags bekannt. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Hamburger Akademie der Wissenschaften. Von 2006 – 2009 war er Mitglied der Islam-Konferenz. Für sein akademisches und literarisches Werk erhielt Kermani viele Auszeichnungen, darunter die Buber-Rosenzweig-Medaille, den Hannah-Arendt-Preis und den Kleist-Preis. Er hielt die Frankfurter, die Göttinger sowie die Mainzer Poetikvorlesungen und war Gastprofessor für Ideengeschichte des Islam an der Goethe-Universität Frankfurt. Am 23. Mai 2014 hielt er im Bundestag die Festrede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes.

Die Jurybegründung in Auszügen
Kermanis Eintreten für den offenen Umgang in der Einwanderungsgesellschaft Deutschlands, sein proeuropäischer Wertekanon, angereichert durch sein beeindruckendes poetisches Werk, überzeugen. In seinem Buch „Ausnahmezustand“ mit Reportagen aus Krisenregionen vom indischen Kaschmir bis in die arabische Welt besticht, wie er politische Auseinandersetzungen durch Alltagsszenen und menschliche Begegnungen begreifbar macht. Als Verfechter von Humanismus, Menschenwürde, Toleranz und Respekt passt Kermani perfekt zum literarisch-gesellschaftspolitischen Grundgedanken des Preises.

Der Gerty-Spies-Literaturpreis
ist nach der 1897 in Trier geborenen Schriftstellerin Gerty Spies benannt, die am 10. Oktober 1997 hundertjährig in München gestorben ist. Als Holocaust-Überlebende kämpfte sie mit ihren Gedichten und Erzählungen wider das Vergessen. Die letzten Preisträgerinnen und Preisträger waren:

2009 Juli Zeh
2010 Günter Wallraff
2011 Christoph Hein
2012 F.C. Delius
2013 Eva Menasse