Reise nach Auschwitz

Nach Auschwitz, freiwillig, in den Sommerferien? Die meisten Mitschüler fanden diese Vorstellung fast abartig, ein paar haben uns aber insgeheim bewundert. Wir bereiteten uns mit Filmen, Büchern, Gesprächen vor. Aber irgendwie war uns doch mulmig, als wir im Nachtzug nach Warschau fuhren.

Warschau
Es war Sonntag, die Sonne schien, wir erlebten eine lebhafte Atmosphäre mit vielen fröhlichen Menschen und Straßenmusikern, als wir mit einem Guide in Warschau herumspazierten. Er stimmte uns aber bereits hier ein wenig auf unser Reiseziel ein, denn er zeigte uns auch einen Teil von Warschau unter deutscher Besatzung und während des Krieges, berichtete vom jüdischen Ghetto und seiner Liquidierung und vom Aufstand der Polen, der von den Deutschen blutig niedergeschlagen wurde.

Oświęcim
Spät am Abend erreichten wir endlich Oświęcim. Wir gingen zu Fuß zu unserer Unterkunft, der „Internationalen Jugendbegegnungsstätte“ (IJBS), die direkt am Ufer des Flusses Soła liegt. Das Haus und unsere Zimmer waren richtig toll – schöne Überraschung! Am nächsten Morgen erwartete uns Halina Świderska, die unsere Erkundungen des Konzentrationslagers Auschwitz begleiten sollte. Fünf Stunden sollte die Führung dauern. Was würden wir zu sehen kriegen? Wie würden wir uns fühlen? Es waren sehr viele Menschen dort, und wir alle hatten ein merkwürdiges Gefühl, als wir durch den berüchtigten Torbogen „Arbeit macht frei“ gingen. Halina zeigte uns verschiedene „Blöcke“: den „Krankenbau“, in dem der Arzt Mengele Zwillinge für seine Versuche aussuchte, den „Todesblock“ mit den Folterzellen im Keller und der Erschießungswand, und wir gingen auch durch die Gaskammer. Halinas Erläuterungen brachten uns das Leben der Häftlinge sehr nahe – nach fünf Stunden fühlten sich die meisten einfach erschöpft. Nach dem Mittagessen haben wir das Archiv des Museums besucht. Akribisch und penibel, mit „kalter Effizienz“, wie einer aus der Gruppe bemerkte, haben die Deutschen über die Häftlinge Buch geführt. Wir erfuhren, dass die Häftlinge Postkarten nach Hause schreiben durften, aber nur: „Es geht mir gut…“ Der Besuch in Birkenau mit Halina war, obwohl er vier Stunden dauerte, viel zu kurz. Auch wenn die Nazis ihre grauenhaften Spuren verwischen wollten, so waren doch genügend Zeugnisse aus der Zeit erhalten, u.a. die gesprengten Gaskammern und Krematorien, das Kinderlager, das Badehaus mit den Familiengeschichten. Wieder gelang es ihr, uns das Leben der Menschen im Lager zu veranschaulichen. Sie sagte später, „ich habe euch nur die kleinen Grausamkeiten erzählt…“
Nachmittags fuhren wir dann nach Krakau, um den 89jährigen Überlebenden Tadeusz Sobolewicz in einem Café zu treffen. Wir waren sehr dankbar, dass er Zeit für uns hatte, obwohl es ihm gesundheitlich nicht besonders gut ging. Abends in unserer Unterkunft wurde noch eine Dokumentation über das „Häftlings-Sonderkommando“ („Sklaven der Gaskammer“) gezeigt. Das waren jüdische Häftlinge, die im Lager Birkenau besondere Aufgaben übernahmen: Begleitung der Menschen in die Gaskammern, Räumen der Kammern nach dem Tod, Herausbrechen von Goldzähnen und Scheren der Haare, Verbrennen der Leichen. Sie selbst wurden „normalerweise“ nach drei Monaten Dienst selbst getötet. Aber es gab einen Aufstand im November 1944, der leider nicht erfolgreich war… Es waren abscheulich brutale und uns zutiefst verstörende Bilder. Alle blieben nachher lange stumm, einige wollten noch sprechen, ein paar mussten einfach Tischtennis spielen…
Etwas Besonderes gab es auch am Mittwoch: Morgens haben wir in der Gedenkstätte Unkraut gejätet und gemulcht – auch ein Erlebnis! Nachmittags zeigte uns ein Freiwilliger, Mitarbeiter der IJBS, die Stadt Oświęcim mit ihrer schönen Burg und weiteren Sehenswürdigkeiten – das tat allen gut. Es ist eine ganz „normale“ Stadt, wenn auch mit einem besonderen Museum aus der Zeit der deutschen Besatzung… Im Jüdischen Museum erfuhren wir, dass hier vor dem Krieg Katholiken und Juden friedlich und respektvoll zusammen lebten. Das war auch in Polen nicht überall der Fall. Heute gibt es keinen einzigen jüdischen Einwohner mehr.

Krakau
Donnerstag, im Galizisch-Jüdischen Museum in Krakau, hat uns der jüdische Überlebende Emanuel Elbinger mehr als zwei Stunden über sein besonderes Schicksal des Überlebens während der NS-Zeit in Polen berichtet. Er hat uns sehr beeindruckt, und am Schluss freute er sich, uns ein altes Partisanenlied in jiddischer Sprache vorzusingen.
Eine Fahrt mit kleinen Elektro-Caddies nachmittags durch die Stadt zu der ehemaligen Emaillewarenfabrik von Oskar Schindler war ein lustiges Erlebnis. In der Fabrik ist seit kurzem ein Museum eingerichtet. (nebenstehende Fotos) Es stellt mit vielen verschiedenen Medien die NS-Herrschaft in „Krakau 1939 bis 1944“ sehr plastisch und direkt dar. Alle waren von dem Museum begeistert und fanden die Zeit dafür viel zu kurz. Im ehemaligen jüdischen Viertel „Kazimierz“ haben wir dann in dem wunderschönen Ambiente des „Klezmer Hois“ zum Ausklang unserer Reise ein köstliches Abendessen genossen mit live Klezmer-Musik – und tatsächlich einmal die deutsche Geschichte in Polen vergessen. Es war eine besondere Reise!