Erfahrungen und Gedanken

Abends haben wir uns in der „Internationalen Begegnungsstätte“, in der wir während der 4 Tage in Auschwitz wohnten, zusammengesetzt, um uns auszutauschen, manchmal haben wir auch etwas aufgeschrieben. Es tat gut, weil es für die meisten von uns doch nicht möglich war, nach dem Gesehenen und Gehörten einfach zur Tagesordnung über zu gehen.

>  Film: Gedanken am dritten Tag in Auschwitz

Es war wirklich keine Urlaubsreise!

Noch ein Jahr später waren die Erinnerungen an Auschwitz sehr präsent:

„Wenn ich an unsere Auschwitz-Reise denke, kommen viele Gefühle und Erinnerungen hoch. Die Dinge, die uns dort erzählt wurden, lösten bei mir mehrere Gefühle gleichzeitig aus: Trauer, denn wie konnten Menschen anderen Menschen etwas so Grausames antun? Aber es machte mich auch nachdenklich. Wie war das möglich? Und, könnte so etwas heute wieder passieren? Noch lange nach dem Besuch in Auschwitz habe ich an das Erzählte gedacht und mich immer wieder gefragt, wie so was geschehen konnte. Wieso haben so Viele mitgemacht? Wieso hat angeblich keiner etwas mitbekommen? Je länger ich über diese Frage nachgedacht habe, desto unverständlicher und unvorstellbarer wurde das Geschehene, und trotzdem ist es passiert.“
(Sandra Koska)

„Als wir nach Auschwitz gefahren sind, war ich sehr aufgeregt. Ich fragte mich, was uns wohl erwartet und wie uns die Leute begegnen. Immerhin sind wir Deutsche, und unsere Vorfahren haben entscheidend in die Geschichte dieses Landes, aber vor allem in die der Stadt Oświęcim eingegriffen. Aber alle Menschen, die wir trafen, waren zu uns sehr nett und hilfsbereit.

Am ersten Tag sind wir zum Stammlager Auschwitz gegangen, wo wir eine Führung hatten. Überall war es grün, und die Sonne schien. Große Bäume spendeten Schatten, und wären nicht im Hintergrund Zäune und Blocks des Lagers gewesen, hätte man denken können, es wäre ein Park.

Dieser Eindruck veränderte sich jedoch radikal, als wir durch den Torbogen “Arbeit macht frei“ ins Lager gingen und den ersten Block betraten. Wir erblickten Spielzeug der vergasten Kinder! In anderen Schaukästen lagen große Mengen von Zahnbürsten, Rasierpinseln, Bürsten, Brillen, in einem weiteren Berge von Schuhen. In jedem dieser Schuhe konnte man sich die Menschen vorstellen, die sie getragen haben. Es war sehr bedrückend, und ich fühlte mich schuldig. Wir liefen hier durch eine menschenverachtende Tötungsmaschinerie und konnten uns trotz der Veranschaulichung nicht im Geringsten das Leid vorstellen, das die Menschen hier ertragen mussten…angetan von unseren Vorfahren! Ich fragte mich, wie so etwas geschehen konnte und warum niemand etwas dagegen unternommen hat.

Am schlimmsten wurde dieses Gefühl der Schuld und Hilflosigkeit in dem Raum, in dem ein Berg von Menschenhaaren hoch aufgetürmt in einem Schaukasten lag. Als wir hörten, dass aus diesen Haaren in Deutschland Unterlegmatten für Matratzen gewebt wurden, wurde mir schlecht. Auch die leeren Dosen des Giftgases Zyklon B lösten ein tiefes Gefühl von Unbehagen und Abscheu in uns allen aus.

Am nächsten Tag waren wir im Lager Birkenau. Es war noch beklemmender, vor allem wegen der Schornsteine, die bis zum Horizont reichen. Jeder dieser Schornsteine steht für eine Baracke, in der über 1000 Menschen, eingepfercht wie Tiere, leben mussten. Auch die Krematorien waren sehr erschreckend.

Es war heftig, als wir Bilder sahen, auf denen Menschen auf den Wiesen vor den Verbrennungsöfen auch noch picknickten, sie wussten ja nicht, wie nah sie dem Tod waren. Die Selektionsrampe und der Trakt im Badehaus, in denen weitere Selektionen durchgeführt wurden, erschienen mir als besonders grausam, da dort die Gefangenen der absoluten Willkür der “Ärzte“ ausgesetzt waren. Als ich mir vorstellte, dass auf dem Boden, auf dem wir nun standen, über Leben und Tod entschieden wurde, musste ich einen Kloß im Hals hinunter schlucken.

Ein weiterer denkwürdiger Moment war, als wir im Stammlager arbeiteten, um einen kleinen Beitrag zum Erhalt der Gedenkstätte zu leisten: Wir sollten ein Stück einer Begrenzungshecke von Unkraut befreien. Nachher sagte jemand von uns etwas, das sehr zutreffend war: „Es war schon ein komisches Gefühl, dort Unkraut zu zupfen, wo für den Tod Bestimmte schuften mussten.“ An diesen Satz muss ich immer denken, wenn ich an Auschwitz denke.“
(Tobias Bäcker)

„Die Reise nach Auschwitz war keine, wie man sie sonst kennt. Unsere Gruppe fuhr nicht dorthin, um Spaß zu haben oder sich auszuruhen, sondern um einen Einblick in das grausame Kapitel unserer Geschichte zu bekommen.

Und den bekamen wir auch.

Zwar kann man sich so viele Jahre nach dieser Zeit nicht wirklich vorstellen, wie es zur NS-Zeit dort war, doch spürt man immer noch, dass dieser Ort schreckliche Ereignisse und Erinnerungen in sich trägt.

Ich kannte diesen Ort nur aus Geschichtsbüchern oder einigen Dokumentationen aus dem Fernsehen. Zwar waren auch diese Bilder sehr aussagekräftig, doch über das Lagergelände und durch die Baracken zu laufen und sich vorzustellen, wie die Situation für die misshandelten Menschen gewesen ist, ist deutlich einprägender.

So stand unsere Gruppe in einer Baracke in einem ca. 60 m² großen Raum. Als unsere Begleiterin uns bat, sich vorzustellen, dass die knapp 900 Schüler unserer Schule quasi in solch einen Raum gequetscht wären, konnten wir das kaum glauben. Und das ist nur eines von vielen Beispielen, die für uns unvorstellbar waren.

Die Führungen wie auch die Zeitzeugengespräche hinterließen viele Eindrücke. Eindrücke, die ich niemals vergessen werde. All das zu sehen und zu hören festigte einen Gedanken in meinem Kopf, einen Gedanken, den sich nicht nur Menschen in Deutschland, sondern der ganzen Welt einprägen sollten:

So etwas darf nie wieder passieren. Nie wieder.“
(Michael Schillert)