Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath

Parallel zu den Arbeiten im Konzil, dem Bonhoeffer Kreis und ihrer sonstigen wissenschaftlichen Aufgaben, nahmen Constantin v. Dietze, Adolf Lampe und Walter Eucken auch teil an der „Arbeitsgemeinschaft Volkswirtschaftslehre“ der Akademie für deutsches Recht. „Soweit sie nicht kriegswichtig war oder der Friedensarbeit diente“[1] wurde die Akademie jedoch 1943 einstweilig geschlossen. Das nahmen die Mitglieder zum Anlass, sich im privaten Kreis weiterhin zu treffen. Zur „Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath“ als Relikt der „Arbeitsgemeinschaft Volkswirtschaftslehre“ lud Beckerath die drei Freiburger sowie andere Wirtschaftswissenschaftler aus ganz Deutschland nach Freiburg ein.

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AG-VWL. C. v. Dietze: 2. von links; W. Eucken: 4. von links; E. v. Beckerath: 8. von links; A. Lampe: 9. von links;

Nach einhelligem Zeugnis waren alle Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft entschiedene Gegner des Nationalsozialismus.[2] Durch ihre maßgebliche Mitarbeit im Bonhoeffer Kreis sowie dem Konzil waren es jedoch nur die Freiburger Eucken, v. Dietze und Lampe, die in den Widerstand eingebunden waren. „Das Engagement der Freiburger Professoren in der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath war so gesehen nichts anderes als die Intensivierung ihrer Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Regime auf einer weiteren, einer für Wirtschaftsfragen kompetenteren Plattform im Kreise von Gleichgesinnten.“[3] Man teilte sich auf in regionale Untergruppen. Die Freiburger Gruppe aus Eucken, v. Dietze, Lampe und Erich Preisser machte sich sofort an die Arbeit einer Ausarbeitung über „Systematik der wirtschaftspolitischen Aufgaben mit besonderer Ausrichtung auf die Nachkriegszeit“, die als Diskussionsgrundlage der folgenden Treffen dienen sollte. Ziel der Arbeitsgemeinschaft war ein Gemeinschaftsgutachten um „die Grundlinien einer Übergangswirtschaft aus dem Krieg in den Frieden und die Gestaltung einer neuen Wirtschaftsordnung nach dem Zusammenbruch des Regimes zu besprechen.“[4]

gutachten-abschliessendIm Laufe der Zusammenarbeit entstanden so 41 Teilgutachten und Protokolle.[5] Darin halten sie ihre Vorstellung der notwendigen Wirtschaftsordnung fest. Diese stimmten insofern mit Euckens Ordoliberalismus überein, als das eine zentralverwaltete Wirtschaftsordnung abgelehnt wird. Die Aufgabe des Staates soll weitgehend darauf beschränkt sein, kein „Laissez-faire“ zuzulassen, Kartelle und Monopole sollten verhindert, Wettbewerb erhalten werden. Ziel war nach Eucken der Abbau der Planwirtschaft und der Übergang zu einer freiheitlichen Marktwirtschaft.[6] Nur die freie Marktwirtschaft innerhalb des vom Staat vorgegebenen Rechtsrahmen verhindere Massenarbeitslosigkeit, sorge für eine gerechte Entlohnung und stehe im direkten Zusammenhang mit politischer Freiheit.[7] „Die Interdependenz der Ordnungen“ nennt Walter Eucken das Phänomen, nach dem politische Freiheit nur gewährleistet werden kann, wenn der Bürger auch wirtschaftlich frei verfügen kann.

An dieser Stelle muss auch ein Unterschied gemacht werden zu der von Eucken begründeten Freiburger Schule und dem wirtschaftspolitischen Programm der Freiburger Kreise. Beide Seiten waren sich nach vielen Jahren der Zentralverwaltungswirtschaft, der sozialistischen Planwirtschaft, der Zwangskartelle, der Lenkung und Preisbindung einig, dass eine Rückkehr zur Marktwirtschaft nötig sei. Ebenfalls war man sich einig, dass die „Wiederherstellung der Dialektik von Freiheit und Recht, von Staat und Gesellschaft […] eine ebenso selbstverständliche wie wesentliche Voraussetzung für das Gelingen des Gemeinwesens“[8] darstellte. Divergenzen bestanden jedoch über die Frage des Anteils der Macht, die dem Staat innerhalb dieser Marktwirtschaft zugesprochen werden sollte. Die Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath als Ganzes forderte eine deutlich höhere Beteiligung des Staates als die Freiburger Schule.[9]


  • [1] Kloten, Norbert: „Vorwort“, siehe Brief: Von Beckerath an Lampe vom 3. März 1943. NL Lampe ACDP I – 256 – 021. Zitiert nach: Blumenberg-Lampe (bearb.): „Der Weg in die soziale Marktwirtschaft: Referate, Protokolle, Gutachten d. Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath 1943-1947“, Stuttgart 1986, S. 10
  • [2] Kloten, Norbert: „Vorwort“, in: Blumenberg-Lampe (bearb.), Stuttgart 1986, S. 10
  • [3] Kloten, Norbert: „Vorwort“, in: Blumenberg-Lampe (bearb.), Stuttgart 1986, S. 11
  • [4] V. Beckerath, Erwin: „Adolf Lampe“, in: Zeitschrift für die Gesamte Staatswissenschaft, Bd. 105, H.4, Tübingen 1949, S. 602. Zitiert nach: Blumenberg-Lampe, Christine: Berlin 1973, S. 40
  • [5] Blumenberg-Lampe, Christine: Berlin 1973, S. 45
  • [6] Grossekettler, Heinz: „Adolf Lampe, die Transformationsprobleme zwischen Friedens- und Kriegswirtschaften und die Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath“, hg. von Westfälische Wilhelmsuniversität Münster (www.wiwi.uni-muenster.de) Stand: 15.04.16 http://www.wiwi.uni-muenster.de/institutsdaten/12/download/Publikationen/DB361AdolfLampe.pdf S. 14
  • [7] Blumenberg-Lampe, Christine: Berlin 1973, S. 70
  • [8] Zacher, Hans: „Freiburger Kreise – ihr Ort in der europäischen Geschichte“, in: Maier, Hans (Hg.): „Die Freiburger Kreise: Akademischer Widerstand und soziale Marktwirtschaft“, Paderborn 2014, S. 13
  • [9] Blumenberg-Lampe, Christine: Berlin 1973, S. 153