Bonhoeffer Kreis

Die Denkschrift „Kirche und Welt“, die sich mit dem Ethos und der Beurteilung der politischen Lage ganz aus protestantischer Sicht auseinandersetzte, verbreiteten sie unter Mitgliedern der bekennenden Kirche in Deutschland. Auch Dietrich Bonhoeffer, der wohl prominenteste Vertreter der Bekennenden Kirche, wurde aufmerksam auf die Freiburger, insbesondere, weil er engen Kontakt zu Constantin von Dietze pflegte. So reist er im Oktober 1942 nach Freiburg. Dort bat er „die Freiburger“ (Eucken, v. Dietze, Lampe und Ritter) um eine weitere Ausarbeitung, die für den ersten Weltkirchentag nach dem Krieg gedacht war und Vorschläge für eine neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung enthalten sollte. Diese sollte das deutsche Staatsleben auf christlicher Grundlage neugestalten und die Sicherung des Friedens leisten.

denkschrift-bonhoefferDen Auftrag nahmen die Vier an und bildeten sofort einen Unterausschuss des Konzils, der nur aus ihnen selbst bestand. Spätestens zu diesem Zeitpunkt spricht man beim Freiburger Kreis von AKTIVEM WIDERSTAND. Wo vorher „nur“ ein recht offen ausgelebter Nonkonformismus an der Universität und der Christuskirche zu erkennen war, machten sich die Freiburger mit expliziten Überlegungen zu einem Deutschland nach einem verlorenen Krieg des Hochverrats schuldig. Aus diesem Grund berichtete man noch nicht einmal den Teilnehmern des Konzils von dem Auftrag Bonhoeffers.

Noch im Oktober diskutierten sie über den Inhalt des Hauptteils dieser zweiten Denkschrift mit dem Titel „Politische Gemeinschaftsordnung. Ein Versuch zur Selbstbesinnung des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit“. Wieder war es Gerhard Ritter, der den Hauptteil verfasste. Am 17. November traf man sich unter anderem mit Carl Goerdeler, Franz Böhm und anderen Mitgliedern der bekennenden Kirche in der Wohnung von Dietzes, um diesen Hauptteil sowie bereits vorhandene und geplante Anhänge zu besprechen.

Aus der Denkschrift:

„Wenn der zweite Weltkrieg zu Ende geht, wird die Welt vor einem fürchterlichen Chaos stehen, wie sie es noch nie erlebt hat. […] Mit Entsetzen hat die Welt erlebt, wie klein der Schritt ist, der von höchstentwickelter technischer Zivilisation zur nackten Barbarei hinüberführt […].“

„Die politische Krisis unserer Epoche ist zutiefst eine seelisch geistige Krisis und ihre Ursachen gilt es aufzudecken, ehe an ein Programm des Wiederaufbaus nur gedacht werden kann. […]“

„Das politische und geistige Chaos unserer Zeit ist nicht zuletzt eine gewaltige Anklage gegen das Versagen der christlichen Kirchen als weltgestaltende Macht. […]“

Auch die Judenverfolgung wird ausdrücklich eine „Schandtat“ genannt.

Mitte Januar 1943 konnte die fertig zusammengetragene Denkschrift schließlich beendet werden. Sie wurde versteckt, um in drei Kopien für den geplanten Weltkirchentag aufbewahrt zu werden. Eines der Exemplare brachte Gerhard Ritter auf einen nahegelegenen Bauernhof im Schwarzwald.