Freiburger Konzil

Dass Walter Eucken die Ächtung der Juden in der deutschen Gesellschaft verabscheute, vertraute er seinem Tagebuch schon 1935 an. Zu den Nürnberger Gesetzen vom September 1935 schrieb er:

„Alle Juden wurden beurlaubt oder aus dem Staatsdienst entlassen. Überall Misshandlungen. Diese Sünde, die das deutsche Volk begeht, indem es wehrlose Menschen seelisch und körperlich misshandelt, wird sich an ihm furchtbar rächen. Gott ist auch ein rächender Gott.“

 

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Die Synagoge vor ihrer Zerstörung

Als die Freiburger Synagoge im Zuge der Novemberpogrome 1938 brennt, konnten die Professoren nicht länger tatenlos zuschauen. Am gleichen Abend, dem 9. November 1938, fand eine Sitzung des erwähnten Seminars bei Professor Diehl statt. Die Rückwege der Mitglieder führten durch die Unruhen der Freiburger Pogromnacht. Auch den Brand der Synagoge, die sich direkt neben der Universität befand, werden die Seminarteilnehmer miterlebt haben. Dem drohenden Chaos müsse begegnet werden, lässt Lampe von Dietze am nächsten Tag per Telefon wissen. Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, an dem man nicht länger tatenlos zusehen könne. Auch Gerhard Ritter ist entsetzt, in einem Brief an seine Mutter schreibt er:

„Was wir in den letzten beiden Wochen erlebt haben im Ganzen des Vaterlandes, ist

das Beschämendste und Schrecklichste, was seit langen Jahren geschehen ist. Wohin

sind wir gekommen!!! […] Diese Schreckenswoche wird nicht so leicht vergessen sein. Ach wenn man nur hoffen könnte, dass es der Anfang würde einer inneren Umkehr und Besinnung bei denen, die für das alles verantwortlich sind! Aber kann man das wirklich hoffen?“

 

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Die Synagoge nach ihrer Zerstörung

Für die Beteiligten bildeten diese Ereignisse den Wendepunkt. Spontan entstand der Gedanke, sich in einem Gremium von Gleichgesinnten zu treffen, das in für die Professoren gewohnter Weise organisiert wurde. Ihre individuelle Regimekritik wandelten sie in eine gemeinsam getragene Opposition und fassten den Entschluss, sich in einer kleinen Gruppe zusammenzufinden, ein Kreis von Freiburger Gelehrten, Pfarrern und ihren Ehefrauen, der im Dezember 1938 das erste Mal in der Wohnung der Familie Lampe zusammenkam. Da auch Geistliche der Bekennenden Kirche dazu stießen, entstand der – zunächst scherzhaft gebrauchte – Name „Freiburger Konzil“. Die zumeist juristisch-ökonomischen Themen aus dem Diehl-Seminar wurden nun in einen größeren politisch-existenziellen Zusammenhang gestellt. Thema war nicht mehr die Wissenschaft allein – es ging um die Möglichkeit eines christlichen Lebens in der Diktatur schlechthin.

Die Treffen der Mitglieder des Freiburger Konzils gliederten sich in der Regel in einen Vortrag mit anschließenden Gesprächsrunden. Constantin von Dietze nannte die elementaren Diskussionsthemen später „die Probleme der Obrigkeit, des Widerstandrechts, der Widerstandspflicht und der Tyrannentötung“.

Das bis September 1944 tagende Konzil traf sich reihum in den Privatwohnungen der Teilnehmer sowie in den Räumlichkeiten der bekennenden Kirche. Aus den Diskussionen ging schon relativ bald nach Beginn der Treffen eine zwanzig-seitige Denkschrift hervor, die im Wesentlichen von Gerhard Ritter formuliert wurde. „Kirche und Welt. Eine notwendige Besinnung auf die Aufgaben der Christen und der Kirche unserer Zeit“. Aus Sicherheitsgründen wurden nicht einmal allen Teilnehmern von der Verschriftlichung der Diskussionen unterrichtet. Die Denkschrift wurde heimlich vervielfältigt und in den Kreisen der bekennenden Kirche verbreitet.

denkschrift-kirche-und-welt„Es gibt Fälle, wo der Christ wegen des Gehorsams Gott gegenüber der [weltlichen] Obrigkeit den Gehorsam weigern muss. […] Die Christen müssen ermahnt werden, dass es gilt, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, […] wo etwa weltliche Mächte von sich aus eine Verletzung der göttlichen Gebote fordern sollten.“ 

 

Die Mitglieder entschieden sich bewusst gegen einen öffentlichen Protest. Die potentiellen Folgen waren bekannt, der Weg des Martyriums schien zweck- und wirkungslos. So bestand „die Hauptaufgabe des Freiburger Konzils [darin], die alle bedrängende innere Not zu diskutieren, zur inneren Klärung beizutragen und gemeinsam die Probleme der christlichen Lebensgestaltung in dieser Zeit zu lindern“. Für sinnvoller hielt man es, sich nur intern auszutauschen, zu diskutieren, und eine Denkschrift abzufassen. Damit konzentrierte sich das Konzil nicht auf einen aktiven Umsturz- oder Boykottversuch, sondern richtete seine Überlegungen primär auf ein Deutschland nach dem Krieg. Die Planung der „Stunde danach“, die beim Freiburger Konzil weniger ausgeprägt war als beim darauffolgenden Bonhoeffer-Kreis, erfüllte den Tatbestand des Hochverrats – darauf stand die Todesstrafe. Wo vorher nur eine latente Opposition war, wurde nun aktiv an einer Ordnung für die Nachkriegszeit gearbeitet. Aus einer Gruppe befreundeter Professoren wurde tatsächlicher und gewissenhafter Widerstand.