Dr. C. Blumenberg-Lampe

Dr. Christine Blumenberg-Lampe (geb. 1942) ist die Tochter des Nationalökonomen Adolf Lampe, der maßgebliches Mitglied im Freiburger Kreis war. So erlebte sie in ihrer frühen Kindheit das Zusammenleben der Christuskirchengemeinde, erinnert sich noch an die Internierung ihres Vaters sowie an das Freiburg nach der Zerstörung. Blumenberg-Lampe forschte sie über das „wirtschaftliche Programm der ‚Freiburger Kreise‘“ und betrieb damit Grundlagenforschung zur Geschichte der Freiburger Kreise. Später war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Archivs für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung. Im Film tritt sie daher sowohl als Zeitzeugin, als auch als Expertin auf.

Transkription der Gespräche in Auszügen

Verfasser Wie hat sich die anfängliche Opposition sowohl an der Universität als auch in der Christuskirche bemerkbar gemacht?
Blumenberg-Lampe Die Gesellschaft war mehrfach gespalten. […] Es gab ein katholisch fundiertes Klima und auch eine gewichtige protestantische Minderheit. […] Also da war Freiburg schon gespalten als meine Eltern in den 20er-Jahren dorthin zogen. Und dann kam die politische Spaltung dazu, derjenigen, die sich zu Hitler bekannten und das offen zeigten, und die, die dagegen waren. […]

[An der Zugehörigkeit einer Kirchengemeinde] konnte man nach außen erkennen, wer welchen Geistes war. Ging man in die Ludwigskirche und die Lutherkirche, dann hielt man es mit den deutschen Christen […], ging man zur Christus- oder Pauluskirche, war man eindeutig auf der Bekenntnisseite und auf der Seite der Hitler- …Gegner, jedenfalls nicht Freunde.

Also das war schon nach außen ein Zeichen.

Verfasser Wie würden Sie die Atmosphäre des Zusammenlebens der Professorenfamilien an der Christuskirche beschreiben?
Blumenberg-Lampe Also ich glaube, sie waren erst einmal christliche Gemeinde und haben sich dann als Freunde getroffen. Denn das war ja ein Zeichen nach außen, wenn ich regelmäßig in die Christuskirche gehe […] mit Kind und Kegel. Ich erinnere mich als Kind noch genau, wie von Dietzes da wie die Orgelpfeifen einzogen, vorne der Vater, dann kam die Mutter, Gottfried und die anderen Kinder hinterher […]. Das war einfach eine Demonstration, zumal kamen die alle zu spät. Das entsprach dem Naturell, die Professoren sind ja alle C.T. gewöhnt […].

Man kam eben ganz bewusst im dritten Reich spät, um allen zu zeigen: wir als Familie von Dietze oder Lampe gehen mit den Unseren in die Kirche und bekennen das auch. Und wenn man sich dort traf, wusste man relativ bald welch Geistes Kind man ist und man traf sich zu einem Glas Wein oder musizierte zusammen oder lud zu den Kindergeburtstagen ein. Und so entstanden dann ein vertrauensvolles Verhältnis und ganz zum Schluss eine Freundschaft. […] Die ging sehr ins Private.

Verfasser Die christliche Prägung des Konzils und Bonhoeffer Kreises – hatte diese auch einen Einfluss auf die Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath?
Blumenberg-Lampe Das war in der Arbeitsgemeinschaft keine offene Diskussion, aber die arbeiteten natürlich alle auf der Folie ihres Ethos. Und das war eben doch sehr durch den christlichen Kulturkreis bestimmt. Es war ja kein Kommunist dabei, und sicherlich auch kein Atheist, aber dieses christliche Fundament war unausgesprochen da und wurde gelebt, zumal in unserem Haus. Ich bin ganz sicher, dass die alle bei uns am Tisch erdulden mussten, dass gebetet wurde. […] Also, die christliche Fundierung war auf jeden Fall da und nur, weil dem wirklich so war, konnte ich die bis heute unwidersprochene These aufstellen, dass der Anhang 4 [‚Wirtschaft und Sozialpolitik‘] der [Bonhoeffer] Denkschrift die Grundlage […] für die Gutachten der Arbeitsgemeinschaft ist. Denn mein Vater hat ja ganz zentral an dieser Denkschrift mitgearbeitet, die sollte nachher ihre Wirkung auch bekommen. Ziel war, das, was da vorgedacht und in theoretischem Rahmen niedergelegt war, inhaltlich auszufüllen. Also in Form des Wohnungsprogramms oder der Währungsreform, das war ja das Zentrale überhaupt. […] Das war ja alles angedacht in der Bonhoeffer Schrift und wurde dann [in der Arbeitsgemeinschaft] im Detail ‚erdiskutiert‘, erstritten und niedergelegt. Leider gibt es dieses Abschlussgutachten […] nicht, da die Verhaftung von meinem Vater und von v. Dietze dazwischen kam.
Verfasser Können Sie sich noch an die Besuche zu Ihrem Vater vor dem Freiburger Gefängnis erinnern? War das bedrückend?
Blumenberg-Lampe Kann man das als Zweijährige wirklich empfinden? Es war wahrscheinlich deswegen Bedrückend, weil meine Mutter geweint hat. Und Papa war eben nicht da, ich konnte nicht zu Papa hin, das war ich nicht gewöhnt. Da waren die große Mauer und der Stacheldraht und dann saß er auch noch da ganz oben im Turm, das war für mich schon begreiflich. Und sowas kriegen Sie als Kind wahrscheinlich unterschwellig mit. Man spürte die Gefährdung. […] Ich sehe uns da noch stehen. […] Die Erinnerungen verwischen sich. […]
Verfasser Sie standen dann also dort und…
Blumenberg-Lampe …und versuchten zu kommunizieren. Jedenfalls um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu demonstrieren. Und auch natürlich aus der Reflektion meiner Mutter zu schauen: ‚Ist der noch da oder schon in Berlin?‘
Verfasser Um nochmal auf die moralische Seite zurückzukommen – Welches Erbe hat uns der Freiburger Kreis hinterlassen?
Blumenberg-Lampe Schwierige und sehr interessante Frage. Ob dieses Erbe gelebt und angenommen wird, ist eine andere Frage. Aber kurz formuliert antworte ich auf die Frage ‚Was ist das Erbe des Widerstandes?‘ (bei mir natürlich im speziellen der Freiburger): Mut zur Zivilcourage. Heißt für mich auch heute ganz konkret ‚Einstehen für die Flüchtlinge‘. Denn die Freiburger haben sich im Geheimen und nach ihren Möglichkeiten sehr für die Juden und andere Verfolgte eingesetzt. Also es gibt ein ganz konkretes Erbe des politisch Verantwortlichen und Wachen.

Es gibt das Erbe des fairen und offenen Disputs unter den Wissenschaftlern. Und es gibt ein ganz konkretes Erbe, was einige wirklich noch bis zu ihrem Tod noch gelebt haben, sich als Professoren auch um ihre Studenten zu kümmern, menschlich und im Charakter prägend, sie zu wachen politischen Menschen zu erziehen, sie zu Verantwortlichen [zu beeinflussen], ohne parteipolitische Richtung. […]

Wenn man das in einem Satz sagen will könnte man sagen: Seid wachsam und wehret den Anfängen. Und das haben die gelebt. Auch nachher.

Verfasser ‚Nachher‘ meint ‚Nach dem Krieg‘?
Blumenberg-Lampe Ja! Bis zum Lebensende. Das kann ich also bei von Dietze sagen. Da saß ich noch drin in seinen Vorlesungen als Studentin. Der hat aus seinem christlichen Verantwortungsbewusstsein als Mensch und als Professor keinen Hehl gemacht und hat da doch Generationen von Studenten zu verantwortlichen Menschen geprägt.
Verfasser Würden Sie also sagen, die vier Professoren sind Vorbilder?
Blumenberg-Lampe Ja, sie sind sicherlich Vorbilder, aber sie waren gottseidank auch Menschen aus Fleisch und Blut, die eben auch ihre Fehler hatten. Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, dass sie meinen Vater nicht zum Helden stilisiert hat. Das kenne ich aus dem Widerstandskreis teilweise sehr anders. Also es sind Vorbilder, die mit Fleisch und Blut und mit großem Verantwortungsbewusstsein aber auch mit Fehlern gelebt haben. Und insofern taugen Sie als Vorbilder, denn reine Helden taugen als Vorbilder nicht.