Prof. Dr. B. Martin

Prof. Dr. Bernd Martin ist emeritierter Professor des historischen Seminars für neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Er forscht u.a. über die Entstehungsgeschichte des Freiburger Kreises, dessen Verbindungen zum evangelischen Kirchenkampf, über die Geschichte der Freiburger Universität selbst und vor allem über die Rolle Heideggers als Universitätsrektor im Dritten Reich. Als Experte für Freiburger akademischen und evangelischen Widerstand legt er im Dokumentarfilm die wissenschaftliche Grundlage und gibt Aufschluss über seine Einschätzung bezüglich Einfluss und Wirken des Freiburger Kreises.

Transkription der Gespräche in Auszügen

Verfasser Der latente Widerstand Euckens an der Universität, wie kann man das definieren?
Martin Also der Begriff Widerstand ist inflationär in der Forschung und in der Öffentlichkeit, weil man natürlich nach 1945 das Bedürfnis hatte, möglichst alles als Widerstand hinzustellen und nicht als Mitläufertum oder aktive Unterstützung. Also man soll da vorsichtig sein. Und ich würde 1933 noch von keinem Widerstand sprechen. Das war einfach eine Opposition gegen den Usurpator Heidegger, wie das Ritter und Eucken gesehen haben. Von Widerstand würde ich beim Freiburger Kreis […] erst mit der zweiten Denkschrift 1942 sprechen. […] Das war Hochverrat, was sie vorher gemacht haben war eine Art Opposition, die sich natürlich immer stärker profilierte und steigerte, aber von Widerstand sollte man da noch nicht reden. Jedenfalls ich würde das nicht tun.
Verfasser Parallel zu den Entwicklungen an der Uni, dem Streit zwischen Eucken, Ritter und Heidegger, kam es auch zum Kirchenkampf in Freiburg. Welche Rolle spielt der denn für den Freiburger Kreis?
Martin Der Kirchenkampf ist sicherlich mitentscheidend. Ich habe immer gesagt, der Freiburger Kreis hat gewissermaßen zwei Wurzeln: das Eine ist der Konflikt mit der Professur, mit Heidegger, das Andere ist der Kirchenkampf.
Verfasser Zum Ende des Krieges: Wie ist es den Freiburgern ergangen?
Martin Also deswegen muss man diese Aktion als echten Widerstand bezeichnen: Dietze und Lampe sind […] nach dem Attentat auf Hitler verhaftet worden, da Goerdeler – ist ja gefoltert worden – die Verbindungen zu den Freiburgern aufgedeckt hat. […] Dann ist Ritter auch noch verhaftet worden und ist auch nach Berlin gekommen. Dann wurde das Verfahren gegen Dietze eröffnet […], die Anklageschrift war fertig, […] das Todesurteil stand fest. Nur durch die Bombardierung Berlins ist das Verfahren verschleppt worden. Dann kam die rote Arme rechtzeitig nach Berlin. Dann hatten Sie Glück: […] Sie wurden noch amtlich entlassen aus dem Lehrter Gefängnis! Während andere […] hingegen noch am gleichen Morgen erschossen wurden. Warum man die Freiburger nicht erschossen hat, das wissen wir nicht. […]

Man muss nochmal sagen – leider sagen: Der Freiburger Widerstand dieser Professoren ist der einzige professorale Widerstand in Deutschland gewesen. Wir haben den studentischen Widerstand in München, den professoralen hier in Freiburg. An den anderen Universitäten hat es beides nicht gegeben.

Verfasser Inwiefern hat man versucht, die Besatzungsmächte nach dem Krieg zu beeinflussen?
Martin Ja das hat man versucht. […] Lampe hat versucht mit Eisenhower in Kontakt zu kommen, aber die Amerikaner hatten andere Sorgen und wollten sich von den Deutschen nicht reinreden lassen. […] Da kommt da einer ins Hauptquartierter von Eisenhower in Frankfurt und sagt ‚ich bin Widerstandskämpfer gewesen!‘, da haben die nur gelacht und gesagt ‚das behauptet doch heute jeder‘ und wieder vor die Tür gesetzt. Also Lampe hat das so versucht. […] Eucken ist relativ früh gestorben. […]
Verfasser Wenn Sie also sagen, der Freiburger Kreis hatte wenig Einfluss auf die Nachkriegsordnung, welches Erbe hat er uns dann hinterlassen?
Martin Das Erbe – wirtschaftlich gesehen – ist schon wirklich diese Vorstellung eines Ordoliberalismus. […] Wir haben ja das Eucken-Institut, welches die Erinnerung an Eucken als Kopf dieser ordoliberalistischen Richtung verkörpert. Das ist eine Forschungsstelle, die sich nach wie vor diesen Fragen widmet und diese Fragen eines geordneten Wirtschaftssystems im Gegensatz zu dem wilden Kapitalismus [behandelt]. […] Das zeigt, dass diese Fragen nach wie vor virulent sind. Auch wenn man das so, wie es Eucken und Lampe niedergeschrieben haben […], nicht mehr umsetzen kann. Aber die Vorstellung […] einer geordneten Marktwirtschaft, sodass die Auswüchse des Kapitalismus wegfallen, das ist ein bleibendes Vermächtnis der Freiburger.

Und das andere Vermächtnis ist, dass wir hier mit einer Widerstandsgruppe zu tun haben, die – etwas pathetisch klingt das jetzt – ihr Leben für ein anderes, besseres Deutschland eingesetzt haben. […] Mir geht es auch ein wenig darum, das nicht übermäßig zu heroisieren, aber doch den Stellenwert der Freiburger richtig zu sehen. […]