Machtergreifung

Der Sog der „nationalen Befreiung“, wie viele das Aufkommen des Nationalsozialismus im Vergleich zur wirtschaftlich und politisch deprimierenden Weimarer Republik verstanden, ließ weder die Freiburger Stadtverwaltung noch die Universitätsleitung aus. Infolgedessen wurden politische Gegner aus wichtigen Ämtern systematisch verdrängt und durch nationalsozialistisch Gesinnte ersetzt. 1933 musste der Oberbürgermeister Dr. Bender nach Hetzreden in der Zeitschrift „Der Alemanne“ zurücktreten, gleichzeitig wählte man Martin Heidegger zum Rektor der Albert-Ludwigs-Universität. Nur einige Wochen später trat er der NSDAP bei und bekannte sich damit offiziell zum Nationalsozialismus. Getragen wurde Heideggers Wahl von einer Professorengruppe, die in der Umwälzung von Staat und Gesellschaft eine Chance auf Neuerungen und Umgestaltungen in der Universität witterten.

Martin Heidegger

Martin Heidegger

Gleich mit seiner Rede zum Rektoratswechsel über „Die Selbstbehauptung der Universität“ ließ Heidegger seine nationalsozialistischen Bestrebungen deutlich werden. Er sehe die Verwirklichung des Führerprinzips mit dem Rektor als Oberhaupt als sein „wichtigstes Anliegen.“ In der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät löste die versuchte Umwälzung der Universität größte Debatten aus, hier fand Heidegger sowohl seine ergebensten Anhänger als auch seine heftigsten Gegner.

Walter Eucken, seit 1927 Professor für Volkswirtschaftslehre und seit 1928 Mitglied im Senat, erkannte früh die Gesinnung des neuen Rektors.  Noch vor dessen Amtsübernahme am 27. Mai 1933 spottet Eucken über Heidegger, er „fühle sich offenbar […] als der einzige und überlegende Denker seit Heraklit“. Im Senat sowie in der Fakultät trat Eucken mit unangenehmen Fragen auf und kritisierte den NS-Kurs der neuen Universitätsleitung. Sein entschiedenes und selbstbewusstes Auftreten ließ Eucken zu einem inoffiziellen und heimlichen Sprecher der akademischen Opposition werden.

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V.l.n.r: Walter Eucken, Franz Böhm, Adolf Lampe, k.A.

Die Gemeinschaftsseminare und Vorlesungen von Franz Böhm und Walter Eucken wurden bekannte Treffpunkte für Systemkritiker. Dieser Ruf, der der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät vorrauseilte, war für viele Studenten ein ausschlaggebender Grund sich in der Uni Freiburg einzuschreiben. Aus den hier entstandenen Diskussionen bildete sich später die „Freiburger Schule“ als Konzept einer liberalen Wirtschaftsordnung. Nachdem diese Seminare auf politischen Druck hin – der zu erwarten war – aufgelöst wurden, führte Professor Diehl sein persönliches Seminar in seiner Privatwohnung weiter. In beiden Seminaren begegneten sich Walter Eucken, Adolf Lampe, Constantiv von Dietze und Gerhard Ritter – die späteren Begründer des Freiburger Kreises.

Dass Gerhard Ritter als fachfremder Historiker bereits an den offenen Diskussionsrunden unter Volksökonomen teilnahm ist möglicherweise ein Hinweis, dass Diehls Seminar nicht allein auf fachspezifisch ökonomische Themen reduziert war und als „Keimzelle“des Freiburger Kreises betrachtet werden kann.