Soziale Martkwirtschaft

stationenweg-heft-2

Reisetagebuch von Adolf Lampe auf seiner Rückreise

Am Tag der deutschen Kapitulation im Mai 1945 machten sich von Dietze, Lampe und Ritter gemeinsam zu Fuß in Richtung Elbe auf. Dort trennten sich ihre Wege wieder, denn Lampe wollte den Heimweg nutzen, um wieder Kontakt mit Böhm und Preiser aus der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath aufzunehmen. Anstatt also auf direktem Wege wieder nach Freiburg zurückzukehren, nahm er den Umweg über Jena, holte dort die bisherigen Ausarbeitungen der Arbeitsgemeinschaft für eine wirtschaftliche Neuordnung ab um sich daraufhin in Frankfurt-Hoechst mit der amerikanischen Bürokratie herumzuschlagen. Sein Ziel war es, die Papiere Eisenhower zu übergeben.[1] Er erhielt dann tatsächlich den Auftrag, „es möge unser Freiburger Kreis ein dem damaligen Stand der Dinge entsprechendes Gutachten über ‚inflation control‘ einreichen“.[2] Damit ist ein Gutachten zur Währungssanierung der Reichsmark gemeint. Auf getrennten Wegen gelangten die Freiburger Professoren nach beinahe einem Jahr Haft und Heimreise in das inzwischen in Trümmern liegende Freiburg.

Die Vorarbeiten der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath dienten Lampe und den anderen Freiburger Nationalökonomen als Grundlage des neuen Währungskonzepts. Auch für die französische Besatzung erstellten sie weitere wirtschaftliche Gutachten, mit dem Wunsch an der neuen Umstrukturierung mitarbeiten zu können.[3]

Doch die Zusammenarbeit mit den alliierten Besatzungsmächten funktionierte nicht wie erhofft. Der Kontakt der Freiburger zu den Amerikanern brach aus bis heute ungeklärten Gründen ab und auch das Verhältnis zu den Franzosen trübte sich aufgrund fachlicher Divergenzen. Die Zusammenarbeit blieb fruchtlos.[4]

„Eine weitere Gelegenheit, in einem größeren Rahmen zu diskutieren und sich den Politikern als Beratergremium zu empfehlen“[4] bot die Rothenburger Tagung volkswirtschaftlicher Hochschullehrer im September 1947. Die Freiburger konnten mit der Zeit etwa 50 Unterschriften anderer Professoren sammeln und das Abschlussgutachten der Tagung Ludwig Erhard zukommen lassen. Inoffiziell waren ihm Auszüge schon vor der Tagung geschickt worden. Noch engeren Kontakt zu Ludwig Erhard erhielten die Freiburger im „Wissenschaftlichen Beirat bei der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes“.  Einberufen wurde dieser Beirat auf Einladung der „Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebiets“. Viele der Teilnehmer waren ebenfalls Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath (Böhm, Eucken, Lampe, Preiser und Wessels und später auch von Beckerath). Erhard hielt engen Kontakt mit seinem wissenschaftlichen Beirat und diskutierte mit ihm Grundsatzfragen, bevor ein entsprechendes Gesetz im Ministerium formuliert wurde.[5]

So wie es sonst nur wenigen Wissenschaftlern möglich war, hatte die Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath damit einen erheblichen politischen Einfluss.

Wesentliche Elemente Euckens und Böhms „Freiburger Schule“ sowie die Gutachten der Arbeitsgemeinschaft wurden folglich konkret in der neuen Nachkriegswirtschaftsordnung – besser bekannt als „soziale Marktwirtschaft“ – umgesetzt.[6] Die Entstehung der wesentlichen Grundlagen unserer heutigen politischen und wirtschaftlichen Gesellschaftsordnung gediehen also nicht nur in klarer Abgrenzung zum nationalsozialistischen Unrechtsstaat, sondern sogar in direkter Opposition, welche auf den aufrichtig gelebten Moralvorstellungen der Freiburger Hochschullehrer beruhte.

D-Mark-Schein der Erstausgabe 1948

D-Mark-Schein der Erstausgabe 1948

Die Preisfreigabe und die Währungsreform waren der Anfang dieses neuen Paradigmenwechsels.

Das Wirken aller drei autonomen Kreise lässt sich nach einer gewissen Entwicklungskette zusammenfassen. Das Konzil mit „Kirche und Welt“ war der Instantan-Aufschrei nach dem Entsetzen der Pogromnacht. Der Bonhoeffer Kreis, der nur als Folge der ersten Denkschrift entstand, beschäftigte sich mit der Ausarbeitung einer gesamtgesellschaftlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung auf christlichen Grundwerten, wie sie auch schon in „Kirche und Welt“ formuliert worden sind. Die Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath schließlich setzt diese Forderungen in konkreten Gutachten um, nimmt damit erheblichen Einfluss auf die Nachkriegswirtschaft und schafft damit unsere heutige Gesellschaftsordnung, fundiert auf ihren christlichen, friedensbewahrenden Ansätzen. Mit diesem Ablauf von Legitimierung bis hin zur Umsetzung haben alle Kreise ihren erheblichen Anteil an Deutschlands „Sozialer Marktwirtschaft“ und dazugehöriger moralischer Grundüberzeugung.


  • [1] Rübsam, Dagmar (Hg.) / Schadek, Hans (Hg.): Freiburg 1990, S. 143
  • [2] Lampe, Adolf: Brief an Salin vom 12.11.1947. Zitiert nach: Rübsam, Dagmar (Hg.) / Schadek, Hans (Hg.): Freiburg 1990, S. 144
  • [3] Rübsam, Dagmar (Hg.) / Schadek, Hans (Hg.): Freiburg 1990, S. 153
  • [4] Blumenberg-Lampe (bearb.): „Der Weg in die soziale Marktwirtschaft: Referate, Protokolle, Gutachten d. Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath 1943-1947“, Stuttgart 1986, S. 30
  • [5]Grossekettler, Heinz: „Adolf Lampe, die Transformationsprobleme zwischen Friedens- und Kriegswirtschaften und die Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath“, hg. von Westfälische Wilhelmsuniversität Münster (www.wiwi.uni-muenster.de) Stand: 15.04.16 http://www.wiwi.uni-muenster.de/institutsdaten/12/download/Publikationen/DB361AdolfLampe.pdf S. 18
  • [6] Rübsam, Dagmar (Hg.) / Schadek, Hans (Hg.): Freiburg 1990, S. 153