Ausstellung

Einige aus der Gruppe überlegten, auch eine Ausstellung zum Thema „Erziehung und Schule der Diktatur in Herten 1933-1945“ zu machen. Sie zeigt nun der Schulöffentlichkeit für ca. 3 Wochen einige Ergebnisse unserer Archiv-Recherchen. Bewusst haben wir die Original-Quellen und Zitate nicht kommentiert und interpretiert, denn unsere Besucher sollen selber denken – im Gegensatz zur NS-Zeit. Sehr wichtig ist uns, die Erziehung zu Herrenmenschen – „Rassismus als Lebensgefühl einer Gesellschaft“, so der Historiker Ludger Josef Heid, deutlich zu machen. „Auschwitz darf sich nicht wiederholen“ (Th. W.-Adorno), und allein die nackten Zahlen über die Ermordeten durch den deutschen Rassenwahn und die Auflistung von Millionen Toten, Vertriebenen, Obdachlosen sowie der wirtschaftlichen Schäden durch den Weltkrieg sind Argumente genug – finden wir. Ihnen haben wir eine ganze Tafel gewidmet. Auf einer letzten Stelltafel haben die Besucher die Möglichkeit, Gedanken, antonella-hannahz-20161018_172023-kleinFragen, Wünsche Kommentare aufzuschreiben, vor allem zur Situation heute. Wir sind gespannt.

> Video Rundgang durch die Ausstellung

> Erziehung zur deutschen Frau

> Hans Brief – Abiturient 1940

Zu unseren Überlegungen über die Konzeption der Ausstellung passt der Gedanke: Die Abiturienten unserer Schule während der NS-Zeit waren ungefähr so alt wie wir jetzt, sie sind also für uns eine Art Zeitzeugen.
Was waren das also für Menschen, die damals so alt waren wie wir jetzt? Was haben sie wirklich gefühlt, gedacht? Geben ihre Abiturarbeiten uns darauf eine Antwort?
Wir haben in den Akten ihre Lebensläufe, die alle vor dem Abitur schreiben mussten und auch die Gutachten ihrer Lehrer gelesen. In den Stellungsnahmen der NSDAP- Ortsgruppe haben wir etwas über besondere Leistungen oder auch nicht in der HJ bzw. im BDM gefunden. Zu allen Anträgen von Eltern über Freistellungen vom Schulgeld für ihre Kinder in der Oberschule hat die NSDAP-Ortsgruppe Gründe für die Zustimmung, aber auch für eine Ablehnung notiert: „…ist politisch unzuverlässig, steht der NSDAP nicht nahe…“ o. Ä. So erfuhren wir, außer der Kontrolle des Lebens durch die Partei, doch noch etwas mehr über diese jungen Menschen, ihre Interessen, Aktivitäten und auch über ihre Familien. Wir konnten uns so ein etwas genaueres Bild über sie machen, und wir haben tatsächlich, aus unserer Sicht, etwas Besonderes gefunden.
Denn wir stießen auf den „Mischling 1. Grades“, Hans Brief, der noch 1940 das Abitur in Herten machen konnte. Warum das tatsächlich gelang, wissen wir (noch) nicht, denn zumindest die jüdischen Schüler/-innen wurden bis spätestens Juli 1939 aus allen öffentlichen Schulen „eliminiert“.
Paul Galland, Abiturient von 1939, fiel uns auf, weil er in seinem Lebenslauf nach dem Abitur eine besondere Karriere bei der Luftwaffe anstrebte. Wir haben über seinen weiteren Lebensweg recherchiert: Er wurde tatsächlich, wie seine drei Brüder, Flieger der deutschen Luftwaffe, starb aber bereits mit 23 Jahren im Luftkrieg.
Auch der Fall Paul Socha erregte unser Interesse. Er war HJ-Mitglied. Sein Vater soll, laut der ablehnenden Stellungnahme der Partei-Ortsgruppe für einen Freistellungsantrag seine KPD-Mitgliedschaft verschwiegen haben. Paul soll 1936, zusammen mit weiteren HJ-Mitgliedern an der Zertrümmerung des „Stürmerkastens“ in Herten beteiligt gewesen sein. „Der Stürmer“ war das antisemtische Hetzblatt der Partei. Die NSDAP-Ortsgruppe wusste offensichtlich darüber gut Bescheid. In einem Schreiben an den Schulleiter der Oberschule machte sie daraus einen “Skandal“ und forderte, durch „eine exemplarische Strafe derartige Fälle für die Zukunft zu unterbinden.“
Von diesen drei jungen Menschen konnten wir also mit Hilfe der gefundenen Dokumente echte Porträts ihrer Persönlichkeiten zusammen setzen.
Wir haben ja schon gezeigt, dass auch Mathematik im Dienst der rassistisch-kriegerischen Erziehung stand, und in mehreren Abiturvorschlägen einen direkten Heimatbezug entdeckt: Es geht um die Vorwarnzeit bei Angriffen von britischen Flugzeugen auf Industrieanlagen in unserer Stadt Herten! Deswegen haben wir diesen Vorschlag aus dem Abitur von Hans Brief 1940 auch dokumentiert.
letzte-klebung-endWir beschreiben an dieser Stelle nicht alle Aspekte, die wir in der Ausstellung verarbeitet haben. Hitler-Zitate, das Leben in HJ und BDM und aufschlussreiche Schul-Erlasse haben wir mit konkreten Beispielen aus dem Alltag unserer alten Schule kombiniert. Die Dokumente einer direkten Einflussnahme und Kontrolle der jungen Menschen und ihrer Familien, aber auch der Schulorganisation durch die örtliche NSDAP-Gruppe haben wir ebenso einbezogen. So gelang es uns, ein Bild über einen Lebensausschnitt und die Schulwirklichkeit der jungen Menschen unseres Alters von damals zu entwerfen und für die Besucher der Ausstellung (und unserer Homepage) anschaulich zu machen.

Möge unsere Ausstellung, so wünschen wir, zu weiteren Recherchen in unserem Schularchiv, aber auch der Stadt Herten anregen – es gibt noch so vieles, was wir nicht wissen!
Denn: Geschichte provoziert!