Dialogische Szenen

Wir stellen uns fünf Jugendliche vor, vier Jungen und ein Mädchen, aus unterschiedlichen familiären Situationen. Sie sind vielleicht 12 Jahre alt und unterhalten sich in der Pause auf dem Schulhof der Oberrealschule für Jungen in Herten. Es mag im Frühjahr 1939 sein. Die Reichpogromnacht hat bereits stattgefunden.
Der Zweite Weltkrieg wird am 1. September 1939 beginnen.

> Film „Entscheidungen“making-of-entscheidungen

Theo: Er stammt aus einem NS-freundlichem Elternhaus und ist aktives Mitglied der HJ.*(1)
Margarethe: Sie ist Theos ältere Schwester und ebenso überzeugt von den neuen Ideen.
Josef: bewundert Theo, möchte dabei sein, kommt aus überzeugtem katholischem Elternhaus, sein Vater ist Beamter.*(2)
Rudolf: vorsichtig, möchte nicht auffallen, auch katholisch. Er ist Mitglied im Deutschen Jungvolk, aber nicht besonders begeistert.*(3)
Karl: Er kann nicht Mitglied der Bewegung sein, denn er kommt aus „gemischtrassigem“ Elternhaus.*(4)

Theo: Ich finde es ganz toll in unserer HJ-Gruppe. Aber es gibt ja seit kurzem die Adolf-Hitler-Schulen für besonders aktive und interessierte Jungen. Ich würde ja so gern auf diese besondere Schule gehen! Aber dazu muss man vorgeschlagen werden.
Karl: Ich bewundere Dich, ich würde das auch gern machen. Aber man braucht dafür einen Ahnenausweis, der bis zum 1.1.1800 zurückreicht. Ihr wisst doch, mein Vater ist jüdisch, meine Mutter katholisch, und wir Kinder sind katholisch getauft, also „gemischtrassig“. Meine beiden Schwestern sind 9 und 7 Jahre alt.
Wir haben immer wieder Probleme bekommen. Mein Vater war bereits zweimal im Gefängnis – wir wissen nicht warum, er hat nichts verbrochen. Vor kurzen wurde er mitten in der Nacht von der Gestapo abgeführt. Wir haben dann eine Nachricht erhalten aus dem KZ Sachenhausen.
Unsere Nachbarin von oben fragt jedes Mal, wenn sie uns auf der Treppe sieht, warum seid ihr noch hier? Ihr müsst doch weg! Meint sie das freundlich oder feindselig?
Ich verstehe das nicht. Wir haben nur noch Angst.
Margarethe: Ich würde auch gerne auf eine Art Adolf Hitler Schule gehen – aber für Mädchen ist das nicht vorgesehen. Ich weiß, wir Mädchen haben stattdessen andere besondere Aufgaben…

3 Tage später, Rudolf trifft Josef.
Rudolph: Stell Dir vor, Karl, Luise und Anne sind weg! Ich habe sie mit einem Köfferchen in der Hand zum Bahnhof gehen sehen, zusammen mit ihrer Mutter. Luise war sehr aufgeregt und rief mir zu:
„Weißt Du was? Wir gehen zum Bahnhof und fahren mit dem Zug! Ja, wirklich, wir Drei fahren ohne Mutti ganz allein. Das dauert sehr lange, es sind viele Kinder im Zug. Er fährt nach Rotterdam, das ist eine große Hafenstadt in Holland!“
„Sie machen einen Ausflug“, sagte ihre Mutter. Karl winkte nur und sagte nichts. Er wirkte sehr niedergeschlagen.
Josef: Sie verreisen mit dem Zug? Einfach so? Allein? Das ist doch komisch. Hängt das mit ihrem jüdischen Vater zusammen? Aber es stimmt doch auch, was unser Lehrer sagt, wir können wir uns keine jüdischen Feinde in unserem Vaterland leisten.
Und Josef berichtet Rudolf weiter von seinem Vater, einem Beamten, der gerade gestern von dem HJ-Führer der Schule aufgesucht wurde.
„Der Führer hat uns die Aufgabe gestellt, unsere Jugend zum Nationalsozialistischen Denken und Handeln im Dienst am deutschen Volke zu erziehen. Und von daher ist es selbstverständlich, dass alle, insbesondere die Beamten, die es mit ihrem Bekenntnis zum Führer und seiner Bewegung ehrlich meinen und aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber der deutschen Zukunft, ihren Kindern den Weg zur Hitler-Jugend freigeben und so das Wort des Führers unterstützen.“ Wir erwarten, dass auch ihr Sohn Josef in die HJ eintritt – bisher haben Sie das immer wieder verhindert. Wir wissen, dass Josef gerne dabei wäre. Es ist nicht gut für ihren Sohn, Außenseiter zu sein. Spätestens jetzt dürften auch Sie nicht mehr daran zweifeln, dass wir von äußeren und inneren Feinden umzingelt sind, gegen die wir uns mit aller Kraft zur Wehr setzen müssen. Deshalb darf es im Inneren keine Zögerer und Verweigerer geben – das sind Volksfeinde! Ihr Sohn sollte zu uns in die HJ kommen – wir brauchen jetzt jeden Kerl!
Rudolf: Und? Was wirst Du jetzt machen?
Josef: Ich weiß nicht, ich will ja schon lange, aber unser Vater will das nicht. Das ist alles unchristlich, gottlos, findet er. Ich glaube, ich werde mit unserem Pfarrer sprechen. Ich will dabei sein, ich will in die HJ und auch mein Vaterland verteidigen.
Der Pfarrer gibt ihm einen sybillinischen Rat: „Gebt dem Staat, was des Staates ist, und Gott, was Gottes ist.“*(5)

Am nächsten Tag in der Schule.
Theo ist heute anders als sonst, findet Josef. Aufgeregt und irgendwie noch motivierter als sonst, im Sportunterricht war er einfach nicht zu bremsen, lief seine neue Bestzeit beim 1000m Lauf. In der kurzen Pause flüstert Theo seinem Banknachbarn Josef zu: „Mein Freund, ich muss Dir ein Geheimnis anvertrauen. Versprich mir, dass Du darüber mit niemandem sprichst. Erst wenn ich Dir sage, jetzt geht’s los, dann.
Wann kommst Du denn endlich zu uns?
Josef: Ich komme heute zu euch, zur Probe! Mein Vater will das zwar nicht, aber er sagt nichts mehr dagegen, weil meine Mutter und auch der Herr Pfarrer für mich gut gesprochen haben.
Nach dem HJ-Nachmittag gehen Theo und Josef gemeinsam nach Hause.
Theo: Ist unser Fähnleinführer nicht begeisternd?!
Josef: Ja, wirklich! Ich werde einen Aufnahmeantrag stellen und dann an Führers Geburtstag, am 20. April Mitglied werden. Unserem Klassenlehrer werde ich morgen Bescheid sagen, dann steht auch an meinen Namen endlich „HJ“.
Aber Du wolltest mir doch heute noch was Besonderes sagen!?
Theo: Stell Dir vor, unser Fähnleinführer will mich vorschlagen für die Adolf-Hitler-Schule! Er sagt, ich sei ein sehr guter Sportler, verhalte mich vorbildlich kameradschaftlich. Ich hätte Ehrgeiz, die gesetzten Ziele zu erreichen, sogar noch mehr, sei ausdauernd und mutig, traute mir was zu. Und meine Schulnoten seien ja durchweg gut und sehr gut. Ich bin furchtbar stolz! Und aufgeregt!
Josef: Das ist ja großartig, Theo! Ich weiß, dass Du der Beste von uns bist.
Theo: Ich muss jetzt eine Art Aufnahmeprüfung machen, ein Ausleseverfahren in Sport und anderen Fächern, und man will prüfen, ob ich ein „ganzer Kerl“ bin. Und dann müssen meine Eltern natürlich gute Volksgenossen sein, in der Partei oder einer anderen NS-Organisation – mein Vater ist Parteimitglied und meine Mutter in der NS-Frauenschaft. Und unsere Familie ist auch erbgesund.
Josef: Erbgesund?
Theo: Es darf keine Juden im Stammbaum unserer Familie geben. Aber das ist kein Problem – soviel ich weiß, gibt es keine bis ins Jahr 1800.
Josef: Was sagen denn Deine Eltern zu dem Vorschlag?
Theo: Sie sind sehr stolz auf mich. Diese Schule ist zwar weit weg, alle Schüler werden in einem Internat untergebracht sein, aber für alles wird gesorgt. Wir erhalten sogar ein Taschengeld von 2 RM im Monat. Zweimal im Jahr darf ich für kurze Zeit nach Hause, die Eltern können mich aber am Elterntag in der Schule besuchen kommen.
Josef: Wird Deiner Mutter das denn gefallen?
Theo: Ich glaube, weniger, aber mein Vater unterstützt mich voll und ganz für diese Auszeichnung. Und was er sagt, das gilt in unserer Familie.
Josef: Dann ist ja alles klar!
Theo: Ich will auf diese Schule! Ich will etwas für Deutschland tun. Klar, dass wir auf das Soldatensein vorbereitet werden. Aber wir wollen doch auch siegen! Du bist ja jetzt auch bei uns in der HJ – Du willst das doch auch!
Josef: Ja, für unser Vaterland will ich auch eintreten,…..
Die beiden stehen vor dem Haus, in dem die Familie von Theo wohnt, seine ältere Schwester Margarethe kommt auf die beiden zu.
Margarethe: Ah, Josef, ich weiß, wovon mein Bruder spricht, das beschäftigt ihn sehr. Und ehrlich, ich will mich auch in den Dienst unser Volksgemeinschaft stellen. Individualismus ist bürgerlich und dekadent, passt nicht zu unserer neuen Idee von Zukunft und Fortschritt unseres Volkes. Wenn es so eine Schule für Mädchen gäbe, würde ich mich auch sofort dort bewerben! Aber für mich gibt es ja die Frauenaufgaben!
Josef: Aber warum machst Du denn ein Geheimnis draus, dass Du zu dieser Schule gehen willst?
Theo: Ich muss doch erst diese Ausleseprüfung bestehen, und die ist sehr, sehr schwer. Erst danach kann ich offen darüber sprechen.
Theo besteht die Ausleseprüfung mit Auszeichnung.
Es ging nicht nur um gute Leistungen in verschiedenen Schulfächern, sondern er wurde besonders beobachtet, wie sportlich fit er war, wie mutig und ausdauernd. Die Bewerber mussten z.B. von einem 5m hohen Balken in den Sand springen – das hätte auch schief gehen können. Theo sollte vom 3m Sprungbrett ins Wasser springen. Er hat vorher angesagt, er könne nicht schwimmen, sprang aber trotzdem!

Die realen Geschichten und Schicksale, die uns die Ideen für diese Szenen lieferten,  kann man in Film-Interviews auf der Homepage anschauen:
Hans Dienberg, Heinrich Haverbeck, Margret Klopries und Luise Jacobs   > zu den Zeitzeugen-Interviews

*Zitat aus Erlass Nr. 624 v..17.11.1935 des Reichs- und Preußischen Ministers des Innern
*(1) Nach der Geschichte des Hans Dienberg, geb. 1.1.1930
*(2) Nach der Geschichte des Ferdinand Vornweg, gest. 08.03.2003 und der Geschichte der Margret Klopries, geb. 1924
*(3) Nach der Geschichte des Heinrich Haverbeck, geb. 04.04.1926
*(4) Nach der Geschichte der Luise Jacobs, geb. 28.03.1933
*(5) Nach Erich Hackl, Die Familie Salzmann. Erzählung aus unserer Mitte, Zürich 2012