Zeitzeugen im Video-Gespräch

zeitz-haverb-596111074_590x332Heinrich Haverbeck

„Es war ja alles eigentlich ganz nett“ – erinnert sich der 90jährige Heinrich Haverbeck an seine Zeit im Jungvolk und der Hitlerjugend.
Er wuchs als Sohn eines katholischen Müllers während der nationalsozialistischen Diktatur in Castrop-Rauxel auf. In der Schule bemerkte er eine stetige Veränderung: Der Religionsunterricht wurde durch Rassenlehre ersetzt, und statt zur Schule zu gehen, gab es samstags (bis 1936) Dienst im Jungvolk, “wie eine vormilitärische Einheit.“
> Heinrich Haverbeck im Videogespräch

Nach seinem Schulabschluss machte er eine Ausbildung in der Getreidemühle seines Vaters, bis er 1944 den Reichsarbeitsdienst ableisten musste, „ wie die Wehrmacht ohne Waffen“. Dabei handelte es sich um eine Abteilung, die wie das Militär mit Generälen und Führern strukturiert war; es wurde sogar mit dem Spaten exerziert.
Heinrich Haverbeck berichtet von seinen Eindrücken während dieser Zeit, die so manchmal einen völligen Gegensatz zur Propagandamaschinerie des NS bildeten.
Das Gespräch wurde am 13. September 2016 aufgezeichnet.

 

zeitz-klop-portraetMargret Klopries

„Das war der Geist der Schule“, so charakterisierte die 92jährige Margret Klopries ihre Lernerfahrungen in der NS-Zeit, als sie uns aus ihren eigenen Schulaufsätzen vorlas. Außerdem berichtete sie uns, wie ihre katholische Familie mit der „neuen“ Zeit umging. Das Gespräch wurde am 20. Juni 2016 in Herten aufgezeichnet.

> Frau Klopries im Videogespräch

„Es war der 20.06.2016, als wir uns gegen Mittag auf den Weg zu Frau Klopries machten. Viel wussten wir noch nicht über die alte Dame, nur, dass die nun 92-jährige in der NS-Zeit aufgewachsen ist. Als wir, während Scheinwerfer und Kameras aufgebaut wurden, im gemütlichen Wohnzimmer der Dame mit O-Saft und Geschichten über ihre Familie versorgt wurden, schien sie einfach wie eine normale, glückliche alte Dame. Doch sobald die Kameras liefen und wir Fragen über ihre Schulzeit und Jugend stellten, wurde klar, was Frau Klopries, die uns so lieb aufnahm, schon Unvorstellbares erlebt hatte. Während sie von einer Jugend erzählte, die für sie so normal erschien, wie unsere für uns, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr raus. Wir kannten die Zustände in dieser Zeit aus Büchern und Erzählungen von Lehrern, die ihr Wissen wiederum auch nur aus Büchern hatten. Doch vor dieser Dame zu sitzen, die ihre Geschichte erzählte, war mit dem vorher Gelernten nicht zu vergleichen. Wie selbstverständlich las sie uns ihre Aufsätze vor, die sich eher wie Diktate des Lehrers anhörten und nur vom Lob für Hitler und seiner Politik handelten, von Judenhass und der allen überlegenen deutschen Rasse. Wie sollten wir uns vorstellen, dass genau hier, in unserer Stadt, wo wir zu Freiheit, Toleranz, Offenheit und Individualität erzogen werden, jemals Jugendliche in unserem Alter solche Aufsätze geschrieben hatten? Nicht einer. Sondern alle.“

 

Hans Dienberg

Hans Dienberg

„Ich muss noch härter werden gegen mich selbst“ – das zitierte der heute 86-jährige aus einem Lehrergutachten, das er als ausgewählter Schüler der ADOLF-HITLER-SCHULE in Blankenhain bei Weimar erhalten hat.
> Auszüge aus dem Interview

Wir haben aus dem mehrstündigen Interview mit Hans Dienberg besonders die Passagen über seine Jugend auf dieser Schule für die damals zukünftige Elite in Partei und Staat zusammengestellt. Selbstverständlich waren eine von der NS-Ideologie überzeugte Familie mit Mitgliedschaft in der NSDAP (oder einer anderen NS-Organisation) und ein besonders strenger „Ariernachweis“ bis zum 1.1.1800 eine Voraussetzung für die Aufnahme in diese Schule. „Ich will auf diese Schule“, berichtet Hans Dienberg, und natürlich hat er den Ausleselehrgang über seine geistigen Gaben, aber vor allem seine körperlich-psychische Verfassung bestanden. Er war stolz darauf, mit 12 Jahren, ab 7.9.1942, Schüler dieser Schule zu werden: Härte, Disziplin von Körper und Geist, Kameradschaft und bedingungsloses Eintreten für Führer, Volk und Vaterland waren die damals verführerischen Parolen – auch wenn er heute formuliert, dass letztlich alle wussten, sie würden Soldaten werden, es war ja 1942 mitten im Krieg! Den kämpferischen Jugendlichen war damals nicht klar, was das konkret bedeuten würde. Sie waren eher im Siegestaumel, waren in Kampfgeist und Überlebenswillen für sich und ihr Volk geschult.
Das historische Ergebnis war ein grauenvoll anderes.
Möge sich jeder über das, was Hans Dienberg berichtet, ein eigenes Urteil für heute bilden…

 

zeitz-luise-jacobsLuise Jacobs

„Hier haben wir die Pogromnacht erlebt“.
Die 6jährige Luise Jacobs erlebt diese Nacht am 9./10. November 1938 zusammen mit der Mutter und ihren beiden Geschwistern in Heiligenhaus (eine kleine Stadt zwischen Wuppertal und Düsseldorf) und erinnert sich an ihre große Angst – der jüdische Vater war schon vorher von der Gestapo aus der Familie gerissen und verhaftet worden. Die Mutter beschließt, ihre Kinder in die Niederlande zu schicken und sie so vor einer Verfolgung zu retten. Luise erzählt von ihrem Leben dort, besonders im Kloster in Amersfort, bis 1940 die deutsche Wehrmacht die Niederlande überfällt.
> Luise Jacobs erzählt

„Ich stand mitten auf dem Spielplatz und dachte, sie holen mich.“
Luise berichtet vom Überfall der Deutschen auf die Niederlande und der Evakuierung des Kinderheims. Luise geht zur Schule und erfährt auch, was soziale Unterschiede bedeuten. Sie liest den Vermerk auf ihrer Karteikarte, ihr Vater sei verstorben – und ist ganz durcheinander.
Ein letzter Besuch von Mutti 1943…
> Luise Jacobs zweiter Teil
> Mehr über Luise Jacobs, dritter Teil
> Luise Jacobs besucht unser Gymnasium

Die Lebensgeschichten von Hans Dienberg, Luise Jacobs, Margret Klopries und Heinrich Haverbeck haben wir alle im Zusammenhang mit dem Aufspüren von Zeitzeugen im Umfeld unserer Schule kennen gelernt. Luise Jacobs war im Juni 2016 bei uns zu Gast und hat einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern aus ihrem Leben erzählt. Frau Klopries konnten drei Schülerinnen im Juni 2016 zu Hause besuchen.
Alle vier Zeitzeugen haben während der NS-Zeit aus verschiedenen Gründen ein Leben mit unterschiedlichen Richtungen und Wendungen geführt. Sie haben uns auf die Idee gebracht, die „Dialogischen Szenen“ mit den vier Schicksalen zu schreiben und zu zeigen, es gab aktive freiwillige und passive aufgezwungene Lebensalternativen in dieser Diktatur.
 > Direkt zu „Dialogische Szenen“