Reflexion – Gefühle und Gedanken

Wie wir uns fühlten im „Rassenkundeunterricht“ und was wir daraus mitnehmen

„Heil Hitler“, zuerst ging ein leises Lachen durch den Raum und wir schmunzelten. Nie zuvor haben wir im Chor zusammen diese verbotenen Worte mit einer Ernsthaftigkeit freiwillig in den Mund genommen. Wir haben uns über die Wirkung dieser „mächtigen Worte“ doch erschrocken.
Das stramme Sitzen, das Erheben zur Begrüßung und zu einem Unterrichtsbeitrag, die herrschende Stille und der monotone Frontalunterricht waren komplett ungewohnt.
rassek-klasse-v-vorn-schnittEs gelang tatsächlich, uns einzuschüchtern, das sollte es ja auch. Widersprechende Meinungen kamen in dieser Atmosphäre der Gruppe erst gar nicht auf. Die zaghafte Frage einer Mitschülerin „Sind die Juden denn wirklich so gefährlich?“ riefen Missfallen und Kopfschütteln bei den Mitschüler/Innen und eine höchst unwillige Antwort der Lehrerin hervor.
Der schockierende Umgang mit Juden und die allgemein herrschende Autorität und Strenge schüchterten die Schüler auch damals ein. Durch den Inhalt und die Methode, den strengen Ton und das diktatorische Miteinander in dieser Rassenkundestunde, auch wenn sie nur gespielt war, wurde uns vor Augen geführt, wie „Gehirnwäsche“ funktionieren kann.
„In dieser Schulstunde haben wir nichts Positives empfunden!“ Treffender hätte man diesen Eindruck eines Teilnehmers nicht zusammenfassen können. Wir waren tatsächlich erleichtert, atmeten auf, als diese Unterrichtsstunde, dieses „Theater“, zu Ende war.
Dass selbstständiges Denken eingeschränkt, gar verboten ist und Hinterfragen unterdrückt wird, erscheint uns heute unvorstellbar. Wir meinen, es ist gefährlich, auf diese Weise durch die Welt zu gehen und die Möglichkeit nicht zu nutzen, die Welt zu gestalten.
Heute sind wir andere Prinzipien gewohnt: Wir entwickeln uns, jede/r individuell. Natürlich halten wir uns an Regeln unserer Gesellschaft und gehen höflich und respektvoll miteinander um. Die Interessen jeder/s Einzelnen von uns sind wichtig und werden gefördert. Daher haben wir uns durch den Ausruf „Wichtiger als der Einzelne ist unser Volk!“ bedrückt und sehr unwohl gefühlt.
Der komplette Gegensatz zu Heute. Wir können frei und unbeschwert quatschen, selber denken, unsere Meinung sagen, unsere Interessen und die von Anderen wahrnehmen. Oder auch mal gar nicht denken, nichts tun und chillen.
Wir haben es als Bereicherung empfunden, dieser Zeit auf diese Art und Weise zu begegnen. Tatsächlich hatten wir uns bis dahin noch nie wirklich Gedanken über unseren schulischen Alltag gemacht. Nun blicken wir auf unsere Schulzeit mit ganz anderen Augen. Wir haben großes Glück, das zu erleben und sind dankbar für den Wandel Deutschlands und unseres Schulsystems!
Unsere Geschichte provoziert!