Widerspruch

Mathilde Müller

mutterbild-gertrud-scholtz-klink-bundesarchiv-quadrHeute ist der große Tag. Ich schreibe meine Reifeprüfung im Fach Hauswirtschaftslehre. Das Thema lautet:
„Frau Mustermann überlegt sich brotsparende Gerichte, die als Abendmahlzeit für ihre sechs- bis zehnjährigen Kinder geeignet sind. Außerdem muss sie die Küchenmöbel mit den unter Kriegsverhältnissen zur Verfügung stehenden Mitteln reinigen.“
Ich möchte so gern eine gute Arbeit mit einer guten Note schreiben, um Mutti und Vati stolz zu machen, doch diese Aufgabenstellung bereitet mir Probleme. Warum ist es immer „Frauensache“ zu putzen und zu kochen? Ich weiß nicht, mit welchen Mitteln Küchenmöbel zu reinigen sind, schon gar nicht im Krieg. Meine Interessen liegen komplett anderswo! Aber ich musste damals diesen Schulzweig wählen.   > Film-Clip Mathilde Müller

Meine Mutti führt so ein Leben. Sie kocht täglich für uns, putzt das Haus, wäscht unsere Wäsche und näht unsere Kleidung, außerdem pflegt sie noch ihre kranke Mutter. Und sie ist Mitglied in der NS-Frauenschaft. Für unseren Führer ist sie vorbildlich, so wie es sich gehört. Ich bewundere sie für ihren Fleiß, aber ich will mir so ein Leben nicht vorstellen. Jedenfalls wünschte ich, ich könnte aus dieser Frauenrolle ausbrechen. Meine Maske einfach ablegen. Es ist so anstrengend, sich immer zu verstellen.

Die typische deutsche Frau hat keinen Anteil an der Geschichte oder Einfluss in der Politik, alles bloß Männersache. All diesem werde ich mich wohl anpassen müssen, um als für mein Land einstehende Frau akzeptiert zu werden. Der Führer hat ein Frauenbild entwickelt, mit dem ich mich nicht identifizieren kann. Ich habe das Gefühl, dass wir Frauen nur Gebärmaschinen sein sollen. Wir sind am besten, wenn wir starke Jungen zur Welt bringen. Seine zukünftigen Soldaten…

Mutti und Vati würden es auch nicht verstehen, wenn ich einen anderen Weg einschlagen würde. Ich versuche also, Spaß am Kochen zu gewinnen, und ich kann mir auch vorstellen, eine liebende und fürsorgliche Mutter zu werden. Doch meine wirklichen Interessen liegen in anderen Bereichen, z.B. Mathematik und auch Fremdsprachen. Ich würde so gerne studieren. Doch ich sehe langsam ein, dass es zwecklos ist, Widerstand zu leisten. Der Führer hat bereits viel Gutes für unser Land getan, da ist es nun unsere und meine Pflicht, ihm und unserem Vaterland etwas zurück zu geben: Unsere Treue, unseren Fleiß, unsere Arbeit und unsere Kinder.

Für eine Mutter ist es wohl das Schwerste, das eigene Kind aus den behütenden Armen in eine solche Welt des Kampfes der Völker und der Rassen zu entlassen. Es wird uns Frauen nichts anderes übrig bleiben, als den Befehlen und Erwartungen des Führers gerecht zu werden.

Jetzt sollte ich bei der Bearbeitung der Aufgabe mein Bestes geben, für meine Eltern und auch für unser Volk und unseren Führer.

Horst Deutscher

hitlerjunge-quex-quadr-kleinIch bin so erleichtert, wenn ich alle Prüfungen hinter mir habe. Immer dieses unnötige Pauken von Daten und Fakten, die man sowieso nach ein paar Tagen wieder vergisst. Warum muss ich überhaupt an solchen Prüfungen teilnehmen? Ich bin Mitglied der Hitlerjugend, arisch, gesund, und im Sport zähle ich zu den Besten – nein, ich bin der Beste. Der Führer hat mit allem was er uns sagt, Recht: Wissenschaftliche Bildung ist Ballast!
Leider komme ich nicht um die Reifeprüfungen herum.
Ich habe das folgende Thema des deutschen Aufsatzes gewählt:
„Begründen Sie anhand der Theorie von Charles Darwin die biologischen Unterschiede der Rassen. Legen Sie dabei besonderes Augenmerk auf die Stärksten, laut Darwin, und deren Aufgaben.“
Juden sind eine wirklich abscheuliche Rasse. Eigentlich ist es beschämend, sie als eine Rasse zu bezeichnen, denn sie sind eher ein Gemisch. Und wir alle wissen, wozu solche Rassengemische führen! Rassengemische führen zur Minderung einer Rasse und lassen ihren Untergang immer näher kommen. Folglich steht für uns fest: Es dürfen keine Kinder zwischen arischen Deutschen und Juden entstehen. Die Reinheit unseres Blutes und der arischen Rasse sind Ziel des Führers und unseres völkischen Staates. Und somit sind für uns Rassentheorie und Rassenhygiene das Wichtigste überhaupt.
> Flim-Clip Horst Deutscher

Der Franzose Gobineau teilte die Menschheit schon im 19. Jahrhundert in drei Rassen: Die weiße, die gelbe und die schwarze Rasse. Allerdings war schon für ihn eindeutig, dass nur die weiße Rasse die überlegene Rasse sein konnte. Er war derjenige, der uns auf die Gefahr der Rassengemische aufmerksam machte. Ihm zufolge sind wir die arische Ur-Rasse. Unsere Aufgabe ist es, über die anderen zu herrschen.

Der Brite Houston Stewart Chamberlain war dann derjenige, der die Juden als Feinde der arischen Ur-Rasse identifizierte. Er machte es uns zur Aufgabe, diese zu vernichten. Mit Adolf Hitler hat endlich jemand verstanden, was diese Forscher uns seit Jahren sagen wollten. Heil Hitler!

Die höchste Steigerung und somit die beste Theorie wurde jedoch von Charles Darwin formuliert: Der Rassenkampf ist ein Naturgesetz. Darwin zeigte uns, dass in der Natur der Kampf ums Dasein herrscht. Folgen wir seiner Theorie, so sind Juden zum Aussterben verurteilt, dann werden ihre widerwertigen Gene und Merkmale von alleine ausgelöscht. So ist das eben bei der „natürlichen Auslese“ der Stärkeren. Wir Deutschen, die Stärksten von allen, überleben und werden somit den Kampf gewinnen. Die Natur ist ein ständiges Ringen zwischen Kraft und Schwäche, so dass Kranke und Schwache nicht überleben. Nur so kann sich auch die Menschheit zu Höherem und Edlerem entwickeln.

Beim Schreiben wird mir erst jetzt so richtig bewusst, wie wichtig es ist, die Rasse rein zu halten. Adolf Hitler ist der Retter unseres Volkes und wird uns bis zum Höchsten führen. Er ist der Führer. Er ist mein Vorbild. Er ist der Held des deutschen Vaterlandes.

Ich will mich jetzt voll und ganz meinem Thema widmen, um nach der Reifeprüfung bald mithelfen zu können, unsere Rasse zu reinigen und rein zu halten.

Franz Heinrich

christoph-probst-sophieandthewhiterose-tumblr-com-quadr„Was zwingt uns dazu, in der Judenfrage unerbittlich zu sein?“

Allein schon die Fragestellung. Judenfrage. Was gibt es da, bitte, für eine Frage? Diese sinnlose Erniedrigung unterschiedlicher Rassen. Rassen. Schon wieder solch ein Wort. Als wären Menschen Tiere. Als wären manche von uns höherwertiger als andere Menschen. Menschen sind wir doch alle. Obwohl manche den letzten Funken Menschlichkeit bereits verloren haben. Vielleicht ist das ja der Sinn dieses bevorstehenden Krieges. Vielleicht wird er uns alle vernichten, uns alle gleichermaßen in Staub und Asche verwandeln. Dann gibt es keine „Rasse“ mehr. Dann haben wir als menschliche Gattung versagt.    > Film-Clip Franz Heinrich

Meine Mutter hat schon oft zwanghaft versucht, mir weiszumachen, was ihr vor allem unsere Propaganda eingetrichtert hat: Dass die Deutschen besser sind als andere, dass wir über den „Parasiten“ stehen. Vielleicht tat sie das auch nur, um mich zu beschützen. Denn ohne diese Einstellung kommst du in der heutigen Zeit nicht weit. Doch ich kann mich einfach nicht selbst betrügen! Kein Mensch ist besser oder schlechter. Es kommt nicht drauf an, wer wir sind, es kommt doch drauf an, wie wir handeln. Aber die Gefolgsleute von Hitler verstehen das nicht. Ein Jugendlicher ist einsichtiger als die ganze Regierung? Das kann unmöglich wahr sein.

Und wie soll ich diese Frage jetzt, bitte, beantworten? Soll ich lügen? Soll ich alle meine Prinzipien verraten, mich auf die Seite dieser Bestien stellen? Das kann ich nicht. Ich kann nicht leugnen, was ich bin. Aber wenn nicht, zerstöre ich mich und meine Zukunft. Ich muss doch für meine Mutter und meine Schwester sorgen. Ich muss doch einen guten Beruf erlernen, damit ich wirklich etwas verändern kann. Jetzt heißt es: Gewissen oder Karriere. Oder schaffe ich es irgendwie doch, wenigstens dort, wo ich kann, mich auch menschlich zu verhalten?

Konrad Meier

nazi-oberschulrat-albert-mansfeld-nazilehrer-quadrNun sitze ich hier. Wie jedes Jahr muss ich die Reifeprüfungsaufgaben korrigieren, und was ich in diesem Jahr zu lesen habe, ruft Angst und Erschütterung in mir hervor. Die Themen zum Abitur werden ideologisch immer rassistischer, nationalistischer, frauenfeindlicher. Wohin soll sich das noch alles entwickeln? Was wird unserer Jugend angetan?

Wir Lehrer sind verpflichtet, die Kinder nach der Pädagogik des Führers zu unterrichten und zu erziehen. Selbst wenn diese Pädagogik gegen unsere menschlichen Werte verstößt. Ich halte schon lange meinen Mund, aber wie lange kann ich noch schweigen und meine wirkliche Meinung zurückhalten? Die Jugend wird immer aggressiver und bösartiger. Gerade die älteren Jahrgänge bilden sich viel darauf ein, Mitglied in der Hitlerjugend zu sein. Es kam in den letzten Monaten zu vermehrten Übergriffen auf Schüler, die keine arische Herkunft haben und diejenigen, die nicht in der HJ sind.    > Film-Clip Konrad Maier

Was mir ebensolchen Kummer bereitet, ist, wie wenig Wert auf die geistige Ausbildung der jungen Generation gelegt wird. Fächer wie Sport und Boxen haben inzwischen einen viel höheren Stellenwert, ein deutlich höheres Ansehen, als zum Beispiel die Mathematik oder auch die Fremdsprachen. Ich habe das Gefühl, dass wir Lehrer in allen Fächern vor allem dafür da sind, Soldaten auszubilden, wir werden dabei selbst zu Soldaten. Wir waschen den Kindern und Jugendlichen die Gehirne und zwingen den arischen Rassensinn in ihre Köpfe hinein.

Es enttäuscht mich zu sehen, wie selbst die Schüler, in die ich meine ganze Hoffnung gesetzt hatte, dem Nationalsozialismus verfallen sind. Auf Franz Heinrich hatte ich alles gesetzt, und nun beim Lesen seiner Klausur läuft mir ein kalter Schauder über den Rücken. So kalt und gefühlslos hat er noch nie geschrieben. Seine Worte sind so hart wie Stein. Es stellt sich mir eine fatale Frage: Kann ich weiter ein Teil des Systems sein und zusehen, wie die Jugendlichen zu Ungeheuern werden?

Mit einem Blick in die Zukunft würde ich sagen, dass der Bildungsstandard immer geringer wird. Ich möchte schon fast von einer Verblödung der Jugend sprechen. – Jetzt werde ich aber mit den bösen Worten aufhören, bevor mich solche Gedanken komplett überwältigen und ich Angst habe, nicht mehr schweigen zu können. Ich muss meine Fassade aufrechterhalten, denn wir wissen ja, was mit den Feinden Hitlers passiert. Eigentlich dürfen wir nicht vergessen und müssen alle eingestehen, dass Hitler uns zu was Großem führen wird. Es hat sich schon so viel zum Positiven geändert, seit er an der Macht ist. Aber wir dürfen die Hoffnung auf ein freies Deutschland nicht aufgeben. Wann werden wieder menschliche, bessere Zeiten kommen?

Wir haben diese „Widerspruchsprofile“ von einzelnen Personen entwickelt.
Wir haben versucht, uns in die Lage von vier beteiligten Menschen hinein zu versetzen und ihre Gedanken und Gefühle in der Auseinandersetzung mit den vorliegenden Abiturthemen aufzuschreiben. Dabei zeigt sich, wie zerrissen doch die Gesellschaft, trotz aller gegenteiliger Propaganda, in Wirklichkeit gewesen sein muss. Namen und Personen sind fiktiv, ihre Gedanken und Gefühle jedoch an realen Personen orientiert.
Bilder auf dieser Seite, von oben nach unten: 1. Bild: Gertrud Scholtz-Klink war Reichsfrauenführerin; das 2. Bild zeigt den Hitlerjungen Quex, der im gleichnamigen Film mit dem Untertitel Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend die Rolle eines Jungen spielt, der in die Hitler-Jugend eintreten will, entgegen den Wünschen seiner Familie; Bild 3 zeigt Christoph Probst, der im Widerstand der Weißen Rose in München gegen die Nazis kämpfte; auf Bild 4 ist der Nazi-Oberschulrat  Albert Mansfeld abgebildet.