1. LEA-Exkursion

Feuchtwangen-Ellwangen, 16. Dezember 2015

Vergangenen Mittwoch-Vormittag, den 16. Dezember 2015, machten die Klassen 9c (Musik) und die Klasse 10 (Ethik) eine Tagesexkursion nach Ellwangen in die Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge „LEA“ in Ellwangen. Über die Eindrücke der 31 Schüler mit ihren sie begleitenden Lehrerinnen Dr. Barbara Haas (Ethik/Musik) und Karin Hitz (Englisch) berichten die Ethikschüler Jill Manhart,Cordelia Wittemann und Leon Hartnagel.

Es goss in Strömen, als wir Mittwochfrüh durch das Eisentor hinein in die Landesersaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, genannt „LEA“ im Württembergischen Ellwangen fuhren. Das erste Bild, das wir sahen: fremde Gesichter mit ratloser, ängstlicher Mimik und unsicherer Körperhaltung; Männer, Frauen und Kinder mit kleinen Reisetaschen, die in bereitstehende Busse einstiegen.

Ein kleiner Junge setzte sich aufgeregt auf seinem Platz in der hintersten Reihe. Ein Vater verstaute in Windeseile den Kinderwagen und vor dem Bus verabschiedeten sich junge Männer voneinander. Es waren vier oder fünf, die dort standen, miteinander lachten, sich sodann fest umarmten, auf die Wangen küssten und schließlich in den Bus einstiegen. Einer sprang noch einmal kurz aus dem Bus um eine Anderen noch ein letztes Mal zu umarmen; sodann fuhren sie los.

Eine berührende Szene, die sich vor unseren Augen dort abgespielt hatte, während Roland Herzog, der stellvertretenden Leiter der „LEA“ Ellwangen uns Schülern (in unserem Bus sitzend) über die 3450 Flüchtlinge, die sich derzeit in der Ellwanger Landeserstaufnahmeeinrichtung befinden, berichtete. Die „LEA“ in Ellwangen ist eigentlich für maximal 1000 Flüchtlinge ausgerichtet, so fuhr Herzog fort, und hatte zwischenzeitlich auch schon knapp 5000 Menschenschicksale zu bewältigen.

Die Flüchtlinge in der „LEA“ Ellwangen kommen aus Afghanistan, Albanien, Algerien Bosnien Herzegowina, Gambia, Indien, Irak, Iran Kamerun, Kosovo, Libanon, Marokko, Mazedonien, Nigeria, Pakistan, Serbien und Syrien.  Ein Drittel von ihnen sind Frauen.

Sie alle haben viel durchgemacht und wollen alle dasselbe: Frieden und Sicherheit, aber auch Arbeit. Im Flüchtlingslager können diejenigen, die in der „LEA“ schon ein bisschen Deutsch gelernt haben als Dolmetscher arbeiten. Außerdem helfen sie für einen Euro in der Küche und verrichten gemeinnützige Aufgaben, wie Müll aufzusammeln oder zurückliegenden Sommer den Kressbachsee bei Ellwangen sauber zu halten.

Die Betreuer, so fuhr Herzog fort, erleben tagtäglich unvorhersehbare kleinere und auch größere Konflikte: So zum Beispiel fürchteten sich einige Asylbewerber davor, in die Busse einzusteigen. Denn auf Grund ihrer zurückliegenden schlechten Erlebnisse mit den Behörden während ihrer Flucht, sind sie verunsichert und befürchten, dass sie, wenn sie in die Busse einsteigen, abgeschoben werden könnten.

Ein Schüler stellte die Frage nach den Handys, die fast alle Asylbewerber bei sich tragen: Herzog erklärte, dass auf  den Handys die gesamte Identität der Asylbewerber gespeichert seien: Bilder von den zurückgelassenen Familien, von den Freunden, Kontakte und Übersetzungshilfen. Schlimm ist es dann, wenn dieses Handys von Schleppern als zusätzliches Zahlungsmittel den Flüchtenden weg genommen werden.

Gemeinsam mit Herrn Herzog liefen wir bei strömenden Regen durch das große „LEA“-Arsenal, vorbei an ehemaligen Bundeswehr-Lastwagen-Hallen, die nun von Handwerkern emsig zu Wohnräumen umgebaut werden.

Plötzlich kam freudig freundlich eine ältere Frau auf uns zu und berichtete im perfekten Englisch stolz über ihre Kinder, die mit großem Erfolg ihr Ingenieurstudium in ihrer Heimat abgeschlossen hätten. Auch sie sei Ingenieurin und ebenso ihr Mann – und hier brach ihre Stimme – der von den Schergen ins Gefängnis gebracht worden sei. Mit Tränen in den Augen erzählte sie sodann, dass ihr alleine die Flucht gelungen sei.

Herr Herzog schilderte nach dieser Begegnung, dass für die „LEA“-Angestellten am Schlimmsten diese Erlebnis-Schilderungen von den Flüchtlingen wären, da man hier so gerne helfen möchte und nicht kann.

Exkursion der Klasse 9c (Musik) und der Ethik (10) am 16. Dezember 2015 in der LEA Ellwangen.

Exkursion der Klasse 9c (Musik) und der Ethik (10) am 16. Dezember 2015 in der LEA Ellwangen.

In der „LEA“ können Asylbewerber nur drei Wochen bleiben, und wenn sie in den Bus steigen, so Herzog, fängt für sie ein neues Leben an. Ob gut oder schlecht, das wird sich zeigen, aber jeder Einzelne von ihnen ist voller Hoffnung.

Trotz strömendem Regen erkundeten wir Schüler nach der Führung zu Fuß eigenständig das Gelände. Eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn an der Hand lächelte uns offen an. Eine Mitschülerin machte gerade einige Gruppenbilder von uns, als sich junge Männer neben sie stellten. Interessiert beobachten sie ihre Arbeit mit der Kamera. Dann änderte sich die gesamte Situation. Plötzlich waren es nicht mehr wir, die „Flüchtlinge anguckten“, sondern die Asylbewerber machten Selfies mit uns, und Bilder von uns und versuchten Kontakt mit uns aufzunehmen.

nff-standbild016 Selfis mit den Flüchtlingen der LEA EllwangenSodann packte ein Mitschüler vor dem Haus, in dem man Asyl beantragen kann und bei dem sich auch trotz des Regens eine lange Schlange gebildet hatte, sein Saxophon aus. Unsere Stimmen begleiten ihn bei „Stille Nacht“. Die Menschen in der Schlange strahlten und klatschten. Auch unser danach gerappter Text von „Ein bisschen Friede“, ein Lied, das wir selbst im Ethik-Unterricht geschrieben, und gemeinsam mit den Neuntklässlern musikalisch umgesetzt hatten, traf auf große Zustimmung.

Plötzlich sprach uns ein junger Mann aus dem Inneren eines der beiden großen beheizten Zelte an und unser Mitschüler, dessen Muttersprache Arabisch ist, übersetzte, dass wir reinkommen sollen, denn wir sähen nass und verfroren aus und im Zelt sei es warm und trocken.

Wir folgen der Aufforderung. Innen standen dicht an dicht Stockbetten. Und noch einmal sangen und rappten wir für die jungen und alten Bewohner in diesem Zelt.

nff-standbild017Hier die 5. und die 9. Strophe unseres Raps: „Uns blieb nichts übrig als aufzubrechen. Nur weg, weit weg von den schrecklichen Verbrechen. Der Traum von Deutschland: Weg von all dem Leid. Ein Fleck in friedlicher Lebens-Freiheit!““Ich bin ein Flüchtling, ein Asylant. Was wird aus mir werden – hier in Deutschland? Eins wünsche ich mir – und das beseelt: ein bisschen mehr Friede auf unsrer Welt!“

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Allen Asylanten, denen wir an diesem Vormittag begegneten waren unfassbar freundlich und warmherzig und wollten gerne mit uns reden, aber es war schwierig.

Gerne wären wir noch länger dort geblieben, jedoch mahnten uns unsere beiden Lehrerinnen Frau Hitz und Frau Haas zur Heimreise.

Wir gaben den Asylanten unsere durchnässten Liedtexte und konnten beim Verlassen des Zeltes sehen, wie schon einer von ihnen sein Handy bediente, um zu erfahren, was unser Text wohl in seiner Muttersprache zu bedeutet hat. Er schaute dann zu uns auf, lächelte, nickte und seine Lippen formten in seiner Sprache „Ein bisschen Friede“.

Jill Manhart, Cordelia Wittemann und Leon Hartnagel (Ethik 10 – Bericht in der Schülerzeitung – Juli 2016)