Flüchtlings-Auslöser

Im Sommer 2015 erlebte Europa den größten Flüchtlingsstrom seit dem Zweiten Weltkrieg.

Warum?

Der Hauptgrund war, dass Syrien (Mittlerer Osten) die größte Quelle für Flüchtlinge geworden war, da deren Bevölkerung zwischen dem Al-Assad-Regime, den Rebellen und den religiösen ISIS-Extremisten und deren blutigen brutalen menschenverachtenden Kämpfe – über Jahre hinweg – gefangen war. Ein Drittel der Bevölkerung innerhalb Syriens wurden vertrieben und 4 Millionen flüchteten in die Flüchtlingslager der Nachbarländer Libanon, Irak und Jordanien. Die arabischen Staaten des persischen Golfs (Saudi Arabien, Kuwait, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate und Oman) nahmen davon zusammen nur 5% auf, was Amnesty International als eine „außerordentliche Schande“ kommentierte.

Anfang Dezember 2014 sandte das Nahrungsmittelprogramm der Vereinten Nationen einen Notruf in die Welt. Es sei gezwungen, die Lebensmittelhilfe für 1,7 Millionen syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern einzustellen. Die Syrischen Flüchtlinge bekamen auf ihre Lebensmittelkarten plötzlich weniger Geld. In Jordanien wurde für 230.000 Menschen die Hilfe ganz gestrichen. Für die Betroffenen war dies ein Desaster mit schrecklichen Auswirkungen, denn die Einstellung der Nahrungsmittelhilfe gefährdete, neben den katastrophalen Zuständen in den Flüchtlingslagern, die Gesundheit und Sicherheit dieser Flüchtlinge.

Für etliche wirkte es wie das ultimative Signal, der letzte Anstoß, zum Aufbruch – in zwei Richtungen.

Die armen Familien, die kein Geld für Schlepper hatten, gingen zurück nach Syrien, zurück in den Bürgerkrieg. Den UN-Leuten sagten sie: „Lieber schnell in der Heimat sterben als langsam in Jordanien verhungern.“ Diejenigen, die noch genügend Ersparnisse zusammenkratzen konnten, um Schlepper zu bezahlen, versuchten dagegen ihr Glück auf dem Weg nach Europa.

Oft schickten die Familien ihre Kinder und die jungen Männer – jene, die noch kräftig genug waren, um die Strapazen zu überstehen. Neue Flüchtlinge aus Syrien erkannten schnell, wie aussichtslos die Lage in den Nachbarstaaten war. Sie zogen gleich weiter über die Westbalkanroute.

In den Sommermonaten, zwischen Juli und September 2015, startete eine Wanderung von Syrern nach Europa, wie es sie noch nie gegeben hatte.

Die Europäische Union war auf einen solch großen Flüchtlingsansturm von Asylsuchenden nicht vorbereitet.

Antonio Guterres, der Hochkommissar für Flüchtlinge, stelle im Nachhinein fest, dass die Kürzungen der Lebensmittelhilfe mit ein „Auslöser“ der Flüchtlingswelle im Sommer 2015 gewesen sei. Außenminister Steinmeier sprach von einem „humanitären Skandal“.

Die „Dubliner Vereinbarung“ legt fest, dass in der EU ein Flüchtling in dem Land bleiben muss, in dem er angekommen ist, was enormen Druck auf jene Grenzländer ausübte, in denen die meisten Flüchtlinge an Land gingen und die selbst unter großen wirtschaftlichen Problemen zu leiden hatten: so zum Beispiel Griechenland, deren Einnahmequelle die Touristen sind und nicht der Massenansturm von Flüchtlingen. Statt eines EU-Zusammenhalts weigerten sich viele EU-Länder, die Flüchtlinge aufzunehmen. Und das wiederum verschärfte die Situation in den Grenzländern.

2014 unterstütze Großbritannien den STOPP der engagierten Such-und Rettungs-Organisation „Mare Nostrum“, die Schiffbrüchigen Flüchtlingen half. Sie dachten, dass so die Flüchtlinge die riskante Überfahrt über das Mittelmeer nach Europa erst gar nicht antreten würden.

Jedoch veränderte das Foto mit dem toten kleinen syrischen Jungen, der mit dem Gesicht im Sand lag, das Verhalten mancher EU-Mitgliedsstaaten: Deutschland verkündete, dass es 800.000 Flüchtlinge aufnehmen würde; – mehr als die gesamte EU 2014 aufgenommen hatte – und forderte neben Grenzkontrollen auch eine EU-weite Lösung. Eine beeindruckende Hilfsbereitschaft der Deutschen Bürger/innen entwickelte sich, während die EU-Politiker miteinander stritten und teilweise begannen, mit Grenzzäunen ihr Land vor Flüchtlingen zu schützen.

Emma Frank, Ismail Hürriyetoglu und Verena Hirsch (Ethik-Q11)