Infos zur LEA Ellwangen

Die geschichtsträchtige Stadt Ellwangen (an der Jagst: gegründet 764 n.Chr. mit 27.000 Einwohner/Stand 2015) ist hauptsächlich für ihre Hexenverbrennung bekannt. Hier fanden im Zeitraum von 1588 bis 1611 die meisten Hexenverbrennungen in ganz Deutschland statt. Bis heute hat Ellwangen unter diesem Makel zu kämpfen. Und gerade diese Stadt hat im vergangenen Jahr etwas Gewaltiges gestemmt durch das unglaubliche, hilfsbereite Engagement ihrer Mitbürger/innen, denen es zu einem Großteil zu verdanken ist, dass bis beinahe 5000 Flüchtlinge in der LEA Ellwangen beherbergt werden konnten.

Das Bundesland Baden-Württemberg hatte sich 2015 besonders mit vielen Flüchtlingen zu befassen. Man ging davon aus, dass man für deren Erstaufnahme 6000 Plätze benötige, d.h. man bräuchte sechs Landeserstaufnahmeeinrichtungen (LEA) für Flüchtlinge mit einer Kapazität von 1000 Plätzen.

Am 9. April 2015 trafen die ersten 48 Flüchtlinge in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) für Flüchtlinge in Ellwangen ein. Neun Millionen Euro hatte das Land Baden Württemberg für den Umbau der ehemalige Ellwanger Reinhardt-Kaserne in eine LEA investiert. Zeitweise wurden hier in den kommenden Monaten bis zu 4700 Flüchtlinge beherbergt, geplant waren jedoch maximal 1000. Was in den folgenden Monaten hier alles passierte, hielt Polizei und Feuerwehr in Atem. Mitarbeitern und Ehrenamtlichen war es zu verdanken, dass die LEA Ellwangen in Zeiten massiver Überbelegung überhaupt funktionieren konnte. Alle gingen weit über ihre Belastungsgrenze hinaus.

Hier im Einzelnen:

April/Mai 2015: Hass im Internet: Menschenverachtende Kommentare (Shitstorm) werden auf Facebook abgesondert.

Juni 2015: (Die Belegungszahl ist auf 1200 Personen angestiegen) Die Feuerwehr ist im Dauereinsatz: 17 Fehlalarme gab es seit Mitte April in der LEA. Jedes Mal rückten zwei Löschzüge mit Drehleiter und 25 Feuerwehrleute aus. 1500 Euro kostete jeder Eisatz im Schnitt.  Die unterbrochene Nachtruhe der freiwilligen Feuerwehrleute war dahin.

Polizei verhinderte Massenschlägerei: 400 Flüchtlinge wollten in der LEA den Ramadan feiern und fasten. Doch stattdessen kam es zu einem handfesten Streit zwischen Algeriern und Syrern. Steine und Stühle flogen. Die Polizei rückte mit 50 Beamten an.

Juli 2015: Streitereien zwischen Nordafrikanern und Syrern: 30 Polizisten brachten die 150 Männer unter Kontrolle. Ein Algerier griff seinen syrischen Kontrahenten mit einem Teppichmesser an.

Schrezheimer Bürger beschweren sich: Die Dorfeinwohner des Ellwanger Ortsteils Schrezheim beschwerten sich über die mittlerweile 1300 Flüchtlinge, die ihre Gärten als Toiletten benutzen und ihre junge Frauen belästigten.

August 2015: (1600 Menschen leben nun in der LEA; Mitte August 2200; Ende August 3200 Menschen auf engstem Raum) Auch die Aufenthaltsräume wurden nun mit Betten belegt. Die Mitarbeiter arbeiteten weit über dem Anschlag. „Es sei deren Engagement zu verdanken, dass trotz der Überbelegung immer noch alles weitestgehend reibungslos funktioniere“, sagte Berthold Weiß, der Leiter der LEA.

Nur mit einem Großaufgebot konnten Ende August die Beamten bei einer Prügelei zwischen Pakistani und Syrer Schlimmeres verhindern. Rund 100 Menschen gingen aufeinander los. In der LEA befanden sich zu dieser Zeit 2000 Syrer und 300 Pakistani.

September 2015: (Die Zahl der Flüchtlinge steigt auf rund 4700 Menschen) Rund 130 Helfer engagierten sich inzwischen ehrenamtlich in der LEA. Die Malteser sind ununterbrochen im Einsatz. 14 zusätzliche Zelte wurden aufgebaut, in denen die Männer wohnen. Die fünf Gebäude der LEA sind von Familien belegt. Im Speisesaal liegen Matratzen; in Räumen, die für Kinderbetreuung, Kurse oder als Aufenthaltsräume vorgesehen sind, stehen Stockbetten.

Bei einer Schlägerei zwischen Syrern und Pakistani mit 150 daran beteiligten Menschen kamen rund 100 Beamten (teilweise in schwerer Schutzmontur und 30 Streifenwagen) zum Einsatz. Der Sicherheitsdienst wurde daraufhin aufgestockt.

Zusätzliche Dusch- und Toiletten-Container wurden aufgestellt, der Putzdienst verstärkt (als Folge auf den Brandbrief, den das Rote Kreuz, Caritas und European Homecare an die Landesregierung geschickt hatten, angesichts der bedenklichen Hygienesituation in der Unterbringung.

Oktober 2015: (Mitte Oktober leben 3800 Flüchtlinge in der LEA) Der Gemeinderat erfährt, dass das Land mit weiteren 5,1 Millionen Euro Steuergeldern den Ausbau der LEA fortsetzen möchte, damit künftig bis zu 3500 Flüchtlinge „nur im äußersten Notfall“ dort beherbergt werden können.

November 2015: Facebook-Behautpungen entlarven sich als Falschmeldungen (Nachweislich kamen diese Aussagen von Vertretern rechtsextremer Parteien): so zum Beispiel  die Behauptungen, dass die Asylsuchenden der Ellwanger Gastronomie die Umsätze verhageln würden oder dass die muslimische Flüchtlinge gezielt die Gottesdienste in Ellwangen stören würden.

Dezember 2015: (3400 Flüchtlinge befinden sich in der LEA) Siehe unsere 1. LEA-Exkursion.

zeitung24. Januar 2016: Massenschlägerei: Wieder prügeln sich Pakistani und Algerier teils mit Feuerlöschern und Eisenstangen. Ein Zelt brennt.

Das Regierungspräsidium reagiert mit einer höheren Gangart: 60 algerische Flüchtlingen werden kurz darauf in andere Einrichtungen verlegt. Deren laufende Asylverfahren sodann beschleunigt, deren Asylbegehren dahingehend abgelehnt und die Personen schließlich abgeschoben.

Schwäbische Post vom 25.01.2016

Schwäbische Post vom 25.01.2016

                                                                        24. Januar 2016: 500 Russlanddeutsche demonstrieren vor der LEA Ellwangen: offenkundig deutsche Rechtsextreme heizen die Stimmung an. Als Anfang Januar 2016 ein 13-jähriges russlanddeutsches Mädchen in Berlin über Nacht verschwunden war und nach seiner Rückkehr von einer Entführung und Vergewaltigung durch südländische junge Männer berichtet hatte, haben Im Folgenden hundert von Russlanddeutschen in mehreren Städten Bayerns und Baden-Württembergs „Gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland“ demonstriert. Auch in Ellwangen trafen sich rund 150 Menschen auf dem Marktplatz. Von dort begann ein Marsch durch Ellwangen, der schließlich vor der Eingangspforte zur LEA endete. Hier fanden sich am Ende rund 500 Demonstranten ein. Nachträglich stellte sich jedoch heraus, dass das Russlanddeutsche Mädchen die Geschichte der Entführung erfunden hatte, da sie sich wegen schlechter Schulnoten nicht nach Hause zu den Eltern traute. Sie hatte die Nacht bei einem Bekanntem verbracht und benutzte die erfundene Entführung am nächsten Morgen als Ausrede.

27. Januar 2016: Reaktion der LEA-Einwohner: „Wir wollen den Ellwanger sagen, dass niemand vor uns Angst haben muss.“

Schwäbische Zeitung vom 28.01.2016

Schwäbische Zeitung vom 28.01.20

29. Januar 2016: ein Großaufgebot an zwei Hundertschaften der Polizei, berittener Polizei, Hundestaffel und Feuerwehr überprüften und verlegten junge, nicht digital im Bamf registrierte Männer aus Nordafrika nach Stuttgart.

Februar – Oktober 2016: Die Belegungszahlen gehen zurück, seit im Februar die Balkanländer die Grenzen dicht gemacht haben.

März 2016: Jedoch die Hetze im Internet geht nach wie vor weiter.

6. Oktober 2016: (400 Flüchtlinge befinden sich in der LEA) Siehe unsere 2. LEA-Exkursion.

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SchwäPo vom 26.10.16

26. Oktober 2016: Die Ellwanger Geschäftsleute leiden unter Umsatz-Einbußen durch die Shitstorms in den sozialen Netzwerken.

 

Wie waren die Reaktionen der Ellwanger Bürger/innen? 

Durch die in den Monaten April bis November 2015 zunehmende Ankunft von Flüchtlingen in der LEA Ellwangen befürchteten zahlreiche Bewohner/innen Ellwangens, dass mit der steigenden Zahl an aufgenommenen Flüchtlingen auch die Kriminalität in Ellwangen steigen würde.

Der Polizeibericht informiert im April 2016, dass in Ellwangen die Zahl der Diebstähle drastisch gestiegen sei, nämlich um 772 auf 1262, wobei sich ein Teil der Diebstähle innerhalb der LEA ereignet hatte. Allein die Ladendiebstähle nahmen um 90 Prozent auf 217 Fälle zu, unter den 176 Verdächtigen waren 110 Flüchtlinge.

zeitung3Zahlreiche Bürgerer und Bürgerinnen Ellwangens, als auch Organisationen wie zum Beispiel der Malteser Hilfsdienst, zeigten in diesen eineinhalb Jahren Solidarität und Hilfsbereitschaft. Durch diese Bereitschaft wurde es möglich gemacht, neue Zelte für die explodierende Anzahl an Flüchtlingen zu errichten, welche aufgrund des entstandenen Platzmangels dringendst gebraucht wurden. Es waren circa 130 Menschen ehrenamtlich in der LEA Ellwangen tätig. Das Bewundernswerte daran ist, dass die Jüngsten unter ihnen gerade mal 16 Jahre alt waren. Aber auch ein bereits 80 jähriger Helfer trug durch seine Sprachkenntnisse positiv bei, indem er besonders für französischsprachige Flüchtlinge stets ein Ansprechpartner war und regelmäßige Deutschkurse anbot.

Trotz aller Negativschlagzeilen bewiesen die Ellwanger bewundernswertes Engagement und tatkräftige Hilfe.

Eva Probst, Maximilian Seidenspinner und Jelena Ciric (Ethik-Q11)