Firma Eichmann

 

Wenn ihr lieber hört als lest, könnt ihr auch den jeweiligen Audioguide nutzen:

 

Aber startet doch erstmal mit dem Video:

 

Auch das kleine Eschwege war von dieser Entwicklung betroffen. In Eschwege und Umgebung gab es nur wenige industrielle Betriebe. Die meisten, die es gab, waren sehr klein und verfügten somit über keine großen Kapitalreserven. Viele Firmen gingen im Zuge der wirtschaftlichen Krise schnell bankrott.

Jeder in Eschwege kämpfte um die ‚nackte Existenz’[1]

Bereits 1930 galt Eschwege wegen seiner hohen Arbeitslosenzahl als Notstandsgebiet.[2]

Meine Familie hatte Glück, das Geschäft meines Vaters lief immer gut, auch in der Zeit der Krise. Es hängt wohl auch davon ab, in welcher Art Industrie man ansässig ist. Vater handelte mit Schlachtereibedarf und der wurde immer benötigt. Er arbeitete aber auch hart, obwohl er, seit er 40 war, Krebs hatte.[3]

In diesem Haus, vor dem wir hier stehen, war einst die Firma Eichmann ansässig, sie war, wenn ich mich recht erinnere, das einzige nichtjüdische Textilunternehmen, neben fünf jüdischen in Eschwege.[4]

Auch die Mitarbeiter der Firma Eichmann hatten Glück, das Unternehmen überstand die Krise und überdauerte bis in die 70er.[5]

Sie war, glaube ich, eines der wenigen Unternehmen, das von der Krise nicht hart getroffen wurde, denn außer der Nahrungsmittel- und Textilindustrie erlitten alle Rückschläge[6]

Im Eschweger Tageblatt konnte man tagtäglich Meldungen über die Verschärfung der Krise lesen, was sich auch in den Arbeitslosenzahlen der Jahre widerspiegelt.

Während zu den jährlichen Erhebungen im September 1928 548 Männer und 104 Frauen arbeitslos waren, waren es schon ein Jahr später 941 Männer und 169 Frauen. Insgesamt sind es also in diesem einen Jahr über 450 Menschen mehr geworden. 1930 kamen dann noch einmal etliche Frauen dazu und es wurden 958 arbeitslose Männer und 314 Frauen veröffentlicht.[7] Ein Kommunalpolitiker schrieb in seiner Biografie, dass zu den schlimmsten Zeiten sogar 3000 Bürger, also 1/3 der Bevölkerung, arbeitslos waren. Wer während der Wirtschaftskrise arbeitslos wurde, erhielt ursprünglich 26 Wochen Arbeitslosengeld, danach 13 Wochen Krisenfürsorge und dann war man auf Fürsorgeleistungen angewiesen. 1932 wurde die zeitliche Unterstützung der Arbeitslosenversicherung sogar auf 6 Wochen gekürzt. Jeder Arbeitslose musste sich Tag für Tag auf dem Arbeitsamt melden.[8] Als ob die Arbeitslosigkeit nicht schon schlimm genug wäre, ging auch das durchschnittliche Pro Kopf-Einkommen in Eschwege bedenklich zurück. Während die Bürger 1929 noch 1190 Reichsmark (RM) verdienten, erhielten sie 1931 nur noch 883 RM.[9] Und schon 1930 fielen in Eschwege 48,7% aller Lohnsteuerpflichtigen unter das Existenzminimum von 1200 RM Jahreseinkommen[10]

So war es nicht verwunderlich, dass das Vertrauen in ,das System’ bei der andauernden Krisenlage schwand.

„Auch auf dem Land erging es den Menschen nicht besser, die Ertragslage der Bauern war ebenfalls schlecht, teilweise führte dies sogar zu einer Zwangsversteigerung der Höfe.“[12]

„Ich wüsste nicht, wer Hitler als Retter sah. Wahrscheinlich diejenigen, die vor 33 Parteimitglieder waren und stolz auf ihr goldenes Parteiabzeichen deuteten. Deutsche vergessen zu leicht, dass die ganze Welt in einer wirtschaftlichen Misere war und es war ihnen allen möglich, auf die Beine zu kommen, ohne Verbrecher an der Menschheit zu werden.“[14]

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Quellen:

  1. Klasse 10 c der FWS (Hg.): Rückspiegel. Eschwege – Eine Stadt wird braun. Eine Zeitung über den Nationalsozialismus aus heutiger Sicht reflektiert, Eschwege Mai/Juni 1997, S. 19
  2. Hans-Werner Posdziech (Hg.): Alltag im Nationalsozialismus der Stadt Eschwege, Gießen 1982, S. 8
  3. Ruthi Keisar, Email an P. Hartmann, 25.12.2015
  4. Lebenserinnerungen Dr. Stück, In: Anna Maria Zimmer: Juden in Eschwege. Entwicklung und Zerstörung der jüdischen Gemeinde, Eschwege 1993, Seite 81
  5. Thomas Wiegand: Die Weberei Eichmann als Industriedenkmal. In: Geschichtsverein Eschwege (Hg.): Eschweger Geschichtsblätter, 11/2000, S. 86-100
  6. Hans-Werner Posdziech (Hg.): Alltag im Nationalsozialismus der Stadt Eschwege, Gießen 1982, S. 8f
  7. Hans-Werner Posdziech (Hg.): Alltag im Nationalsozialismus der Stadt Eschwege, Gießen 1982, S. 8f
  8. Hans-Werner Posdziech (Hg.): Alltag im Nationalsozialismus der Stadt Eschwege, Gießen 1982, S. 8
  9. Hans-Werner Posdziech (Hg.): Alltag im Nationalsozialismus der Stadt Eschwege, Gießen 1982, S. 8f
  10. Eschweger Tageblatt, 07.05.1930
  11. Kurt Sontheimer: Die deutsche Kultur der Weimarer Republik. In: Bracher u.a. (Hg.): Die Weimarer Republik 1918-1933, Bonn 1998, S. 454-455 Aus: Gerd Strauß: Unterrichtsmaterialien OG-Q4-Geschichte-LK-2015-2016
  12. Detlev J.K. Peukert: Die Weimarer Republik, Frankfurt 1987, S. 219-S.232 Aus: Gerd Strauß: Unterrichtsmaterialien 0G-Q4-Geschichte-LK-2015-2016
  13. Detlev J.K. Peukert: Die Weimarer Republik, Frankfurt 1987, S. 219-S.232 Aus: Gerd Strauß: Unterrichtsmaterialien 0G-Q4-Geschichte-LK-2015-2016
  14. Brief von Karl Goldschmidt an Anna Maria Zimmer,17. Januar 1975