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Im Dezember 1940 wurde die erste Häftlingskapelle im Stammlager Auschwitz eingerichtet. Auf Befehl der Nationalsozialisten wurden weitere Lagerkapellen gegründet, die Größe der Kapellen wuchs stetig an, weil immer mehr Musiker/- innen deportiert wurden.

 

Die Musik sollte in den Lagern mehrere Zwecke für die Nationalsozialisten, vor allem aber für die Kommandozentralen der Konzentrationslager, erfüllen. Zum Einem sollte sie den typischen Marsch- und Arbeitsrhythmus der Nationalsozialisten den Häftlingen vorgeben.  Ein- und Ausmarsch in das jeweilige Lager sollte vereinheitlicht werden, der Marschrhythmus militärische Formen annehmen. Der SS (die so genannte „Schutzstaffel“) wurde, durch dieses rhythmisch gleichmäßige, fast militärische Marschieren das Abzählen der Häftlinge erleichtert. Zweitens sollte die Lautstärke der Marschmusik die Schreie der Opfer übertönen, überdies wollte man- drittens- auf diese Weise auch die Häftlinge zu höherer Leistung antreiben und für die ganze eigenen Leistungsziele des jeweiligen Lagers ,anregen‘, ‚ermuntern‘ und ‚motivieren‘.

 

Gerade dieses letztgenannte Ziel der Motivation war aber nicht nur widersprüchlich, es pervertierte jegliches menschliche Verständnis von Musik. Denn hier wurde Musik nicht gespielt oder gemacht, um die Dimension zu erfahren, was sich alles nicht aussprechen, aber gerade durch Musik erfahren lässt. Auch die zwischenmenschliche Dimension, gemeinsam zu musizieren und Musik zu hören, und dadurch neue, weitere Dimensionen der Mitmenschlichkeit auszuloten, wurde durch die „KZ-Musik“, um diesen drastischen Ausdruck hier zu gebrauchen, in das genaue Gegenteil der ursprünglichen Absicht gewendet. Hier – in den KZs – wurde Musik als Instrument der Gewalt eingesetzt. Mit dieser Musik mussten die deportierten und inhaftierten Musikern den anderen Mithäftlingen „aufspielen“, wie es in der „Todesfuge“ von Paul Celan heißt. Damit wurden die Mithäftlinge jedoch terrorisiert und seelisch vernichtet, bevor sie es physisch wurden.

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Rückkehr von der Arbeit; Ein Tag eines Gefangenen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Insbesondere die Militärmusik symbolisierte Macht und Stärke, sie wird oft in festlichen, meist offiziellen Rahmen gespielt und aufgeführt. Die Musik sorgte auch dafür, dass ein reibungsloser Ablauf entstand.

Politische Mächtige schmückten sich mit „ihrem“ Orchester aus und konkurrierten mit anderen Orchestern. Die Orchestern in dem Männer- und Frauenlager wurden verglichen und die jeweiligen Vorzüge betont. Das Orchester hatte Machtstatus und wurde bei repräsentativen Anlässe eingesetzt, die Musik wurde „inszeniert“.

 

Außerdem gaben die Orchester Privatvorstellungen für die SS, entweder kamen Musikliebhaber zu den Musiksälen oder bestimmte Mitglieder wurden für Privatfeiern abgeholt. Die Orchester mussten Tag und Nacht spielbereit sein, denn die SS konnte sich jederzeit ein Lied wünschen.

Als Bezahlung bekamen die Musikerinnen und Musiker ein Stück Brot, ein paar Kartoffeln oder andere Lebensmittel.Die SS-Mannschaft entspannte sich bei der Musik und schien sich bei den Klängen wieder inMenschen zu verwandeln, eine Täuschung, die sich aus verschiedenen Augenblicken ergab, aber keineswegs mit dem weiteren Verlauf des Holocaust in Einklang zu bringen ist.

 

„Ich war erstaunt darüber, wie diese Leute, die von einer Sekunde auf die andere in die größte Brutalität umspringen konnten, sich eine belanglose Schnulze anhörten, und wie denen die Tränen vor Rührung heruntergelaufen sind.“

 

„Was ihre Persönlichkeit anbetrifft, war es so: Kam sie, um Musik zu hören, dann war sie ein musikliebendes, menschliches Wesen; doch wenn sie sich umdrehte und ins Lager zurückging, wurde sie wieder zur hohen SS-Kommandantin, die keineswegs nett und gut und ganz gewiß keine ´anmutige Dame´ war.“

 

Die Musiker/- innen erhielten generell mehr zu essen als die anderen Mitgefangenen; jeder Musiker hatte eine Pritsche für sich, die Musiker waren in größeren Baracken untergebracht und lebten unter weniger unwürdigen hygienischen Bedingungen als alle anderen Gefangenen eines Lagers.

 

Die Musiker/- innen verfügten über Kontakt zu Aufseher/- innen, bei denen sie sich zusätzliche Essensportionen „organisierten“. In der Krankenbaracke wurden sie, was überlebenswichtig war bevorzugt behandelt. Da die Musiker proben mussten und proben konnten, blieb ihnen ein minimaler Rest an Freiheit, Selbstbestimmung und Individualität. Durch das Spielen eines bestimmten Instrumentes, wurden sie als Cellist/- in, Geiger/- in und so weiter erkannt und hoben sich von der Masse der Gefangenen ab. Viele unter den Musikern konnten dadurch ihre Persönlichkeit für sich selbst retten, für sich selbst ihre Würde zu bewahren, obgleich viele von ihnen qualvoll starben oder ermordet wurden.

 

Jeden Sonntag fand ein Konzert statt, bei dem auch Häftlinge zuhören konnten. Viele freuten sich auf die Konzerte; während der Aufführung konnte man sich von düsteren Lageralltag ablenken. Besonders merkwürdig, ja paradox ist der Umstand, dass ein Publikum entstand, das aus Tätern und Opfern bestand. Einige Häftlinge, die nicht musizierten, empfanden die Lager-Musik keineswegs positiv. Die Musiker/- innen waren „privilegiert“ und mussten keine schwere körperliche beziehungsweise nicht so anstrengende Arbeit verrichten.

 

Für die Gefangenen verband sich mit dem Hören der Lager-Musik Drill, eintöniger Rhythmus, Angst und die Perversion von Musik, weil jegliche Mitmenschlichkeit in den KZs verloren gegangen war und für die meistenkeinerlei Hoffnung bestand, diesem Inferno lebend zu entkommen.

 

„Der Rückmarsch ins Todeslager ist mühsam, wir können die Beine nur noch schwer heben und sind zu müde, um noch irgendetwas zu sagen. (…) Beim Einmarsch ins Lager diese Irrenhaus-Musik, die bemühen sich wirklich, im Takt zu spielen, warum nur? Unsere gespenstische Kolonne muß aussehen, als kämen wir aus dem Erdinnern gekrochen. Und links, und links, und links, zwei, drei….verfluchter Takt der Angst.“

 

Es entstand eine Ungleichheit zwischen den Häftlingen, die jeden Tag als große Masse durch das Lagertor gingen und den Musizierenden. Dies quälte Musiker und Nichtmusiker zwar ganz unterschiedlich, zermürbte sie aber seelisch und moralisch.

 

Gegen die Prinzipien der SS war, dass die Musiker/- innen eine Gemeinschaft bildeten, jedoch konnte nur so ein gemeinsames Musizieren erfolgreich werden. So wurden sie nicht gegeneinander aufgehetzt, sondern bildeten eine Einheit. In der Musik sahen die Musiker/- innen einen geistigen Widerstand, der ihnen half, den Lageralltag zu überstehen.

 

In Auschwitz-Birkenau gab es Kontakt zwischen dem Männer- und Frauenorchester. So musizierte an einem Sonntag das Frauenorchester im Männerlager und am nächsten Sonntag war es umgekehrt. Ein weiteres Beispiel dafür ist, dass der Kontrabassist des Männerorchesters Kontrabassunterricht im Frauenlager gab.