Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin – Touristenattraktion oder Gedenkstätte?

2711 berlin101Betonquader auf einem 19.000 qm großen Stelenfeld und ein unterirdisches Informationszentrum bilden die zentrale Holocaustgedenkstätte Deutschlands.

Ich besuche diese Gedenkstätte an einem frühen Sonntagnachmittag. Unzählige Touristen mit Fotoapparaten laufen durch die Gänge der Stelen. Zahlreiche Kinder spielen Verstecken oder Fangen. Paare machen Selfies oder sitzen auf dem Boden und verschicken Nachrichten auf ihren Smartphones. Einige Jugendliche sitzen auf den kleineren Betonquadern und picknicken. Eine Gruppe Japaner positioniert sich zwischen den Stelen für ein Gruppenfoto. Es ist laut. Gespräche von Vorbeilaufenden werden durch die Lücken zwischen den Stelen zerrissen.

Keine Informationen, keine Tafeln, die ich entdecken könnte. Die Besucher haben sichtlich Spaß. Mein erster Eindruck: Wer hier ohne Vorinformationen kommt, wird keine Erinnerungsstätte finden, sondern eine Touristenattraktion mitten in Berlin. Man muss sich informieren, um zu verstehen. Und mir wird plötzlich klar, warum bei uns in Deutschland Holocaust Teil des Geschichtsunterrichtes ist. Nur wenn sich der Besuch einer Gedenkstätte mit  Wissen verbindet, können wir verstehen lernen. In Berlin dient der „Ort der Informationen“  unter dem Stelenfeld diesem Zweck.

Ich stelle mich fast eine Stunde an der langen Schlange vor dem unterirdischen Informationszentrum an. Taschenkontrolle. In der Ausstellung befinden sich sehr viele Besucher. Über die Schultern einer Gruppe erhasche ich einen Blick auf sechs große Portraits. Jedes steht für eine Million ermordeter Juden. Opferzahlen erdrücken den Raum.

Etwas weiter befindet sich eine Ausstellung von Tagebucheinträgen und persönlichen Briefen. Fünfzehn Familien stehen hier stellvertretend für sechs Millionen allein in Deutschland ermordeter Juden und geben einen Einblick in unterschiedliche Facetten jüdischen Lebens. Trotz minimalistischem Design erweckt hochmoderne Technik die Vergangenheit zum Leben. Der Besucher verschmilzt mit den Informationen und kann sich dem Thema nicht entziehen, denn es gibt keinen Blick nach draußen. Die Augen finden keinen Punkt, der andere Gedanken zuässt. Im Raum der Orte lerne ich mehr über die Schauplätze in Osteuropa. Über 200 Orte werden hier mit anschaulichem historischem Material auf vier großen Bildschirmen präsentiert. Datenbanken in einem weiteren Raum ermöglichen eine individuelle Recherche.

Im Raum der Namen wird das Erinnern zu einem einmaligen Erlebnis. Ein Raum ganz ohne Bilder. Hier werden Kurzbiographien von Opfern verlesen und die Namen und Daten an alle vier Wände projeziert. Unglaublich, dass das Verlesen aller Lebensgeschichten laut Museumsführer 6 Jahre, 7 Monate und 27 Tage dauern würde. Es ist die erste Gedenkstätte, die ich besuche, bei der die Vorstellungkraft eine entscheidende Rolle spielt und nicht durch Visualisierung in eine bestimmte Richtung gedrängt wird. Die Biographien sind kurz. So kurz wie das Leben der Opfer. Ich erfahre nicht viel mehr als den Namen, den Ort, das Alter und vielleicht noch den Beruf des Menschen. Alle Kurzbiographien enden mit den Umständen des Todes und so bekommt man nicht nur eine Ahnung davon, was diese Menschen erleiden mussten, sondern auch in welchen sinnlosen Aktionen sie den Tod fanden.

Diese Ausstellung macht nachdenklich. Es ist kein authentischer Ort und die Räume sind zwar mit moderner Technik aber doch minimalistisch ausgestattet. Nichts lenkt vom dargestellten Geschehen ab. Ich lerne, dass es keinen authentischen Ort braucht, um zu überzeugen. Dass Zeitzeugen in moderner Technik weiterleben können. Und dass hier auch nachfolgende Generationen verstehen lernen, wie wichtig ein friedliches Miteinander ist.

bild1Als ich die Ausstellung verlasse, ist es später Nachmittag. Ich gehe noch einmal durch die Stelen. Von überall höre ich Schritte und Wortfetzen obwohl es bereits sehr viel ruhiger geworden ist. Ich wandere durch die langen Gänge, deren Boden zu schwanken scheint; eine Meisterleistung des amerikanischen Architekten Peter Eisenman. Die grauen Stelen, die in der Farbe der Asche verbrannter Juden an Grabsteine erinnern sollen, weisen meist eine kleine Neigung auf, die verunsichert. Ich setze mich in einen der Gänge und schließe die Augen. Geräusche kommen und gehen. Gedämpfte Stimmen aus der Ferne, unterbrochener Schall durch die Freiräume zwischen den Stelen. Rauschen und Wortfetzen. Es klingt als würde man bei geöffnetem Fenster in einem Zug sitzen und an Bäumen und Bahnhöfen vorbeifahren. Als würden Menschen mit mir in einem Zugabteil sitzen und leise reden, während der Zug in eine ungewisse Zukunft fährt.

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist eine Erfahrung, die unter die Haut geht. In der Ausstellung werden harte Fakten präsentiert, die Gänsehaut verursachen. Um das Stelenfeld zu verstehen, sollte man Hintergrundwissen mitbringen oder die unterirdische Ausstellung besuchen. Wer die Bedeutung der Außenanlage kennt, kann sich beim Gang durch die unterschiedlich großen und unbeschrifteten Betonquader einem beklemmenden Gefühl nicht erwehren und der Wunsch nach einer toleranteren Welt wird ebenso groß, wie der Wunsch, aus diesem Stelenfeld in unsere Welt zurückzukehren, in denen Menschen aller Hautfarben, Nationen und Religionen friedlich zusammenleben können, wenn jeder seinen Beitrag dazu leistet.