Jurek Becker – Jakob der Lügner, DDR 1969

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Viele Ausstellungen und Mahnmale wurden errichtet, damit wir nicht vergessen. Damit auch Generationen nach den letzten Zeitzeugen nicht vergessen.

Auch Literatur trägt meiner Meinung nach dazu bei. Der Geschichtsunterricht, ähnlich wie viele Dokumentationen, gleicht dabei eher einer chronologischen Auflistung deutscher Fehler, deshalb machte ich mich auf die Suche nach Literatur, die der Menschlichkeit eine Chance gibt und stieß auf das Buch „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker. Der Autor verbrachte seine Kindheit bis zum achten Lebensjahr im Ghetto von Lodz und anschließend in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen. Seine Mutter starb, aber 1945 machte ihn sein Vater ausfindig und beschloss, mit ihm in Deutschland zu bleiben, anstatt in ihre Heimat Polen zurückzukehren.  Becker schrieb „Jakob der Lügner“ zunächst als Drehbuch. Als es abgelehnt wurde, schrieb er es zu einem Roman um, der 1969 in der DDR veröffentlicht wurde. 1974 wurde der Roman dann mit dem volkseigenen Filmunternehmen DEFA verfilmt.

Aufgrund eines angeblichen Regelverstoßes wird der Ghettobewohner Jakob Heym in diesem Buch auf die Polizeistelle des Ghettos zitiert. Dort hört er durch Zufall einen Radiobeitrag über das Näherrücken russischer Truppen. Aus Angst, Aufsicht zu erregen, möchte Jakob die Nachricht vor den anderen Ghettobewohnern zunächst nicht preisgeben. Als sein Freund Mischa versucht, Kartoffeln von einem deutschen Waggon zu stehlen, erzählt ihm Jakob von der Nachricht, um ihn von diesem Vorhaben abzuhalten. Mischa glaubt ihm zuerst nicht, so behauptet Jakob zudem, er sei im Besitz eines Radios, obwohl dies im Ghetto verboten ist. Aufgrund dieser Lüge entwickelt sich Jakob zur primären Informationsquelle für die anderen Ghettobewohner, sodass er stets neue Nachrichten erfinden muss, um dem Bedarf seiner Umwelt entgegenzukommen. Doch bald ist Jakobs Erfindungsgabe ausgeschöpft.

Ein Buch mit diesem ernsten Thema mit einer Leichtigkeit zu erzählen, dass der Leser das Grauen zwar wahrnimmt, aber doch kein schlechtes Gewissen hat, hin und wieder zu schmunzeln, ist vermutlich der Hauptgrund, der dieses Buch bekannt gemacht hat.

Literarische Dokumente und Werke über das Grauen gab es bis dahin viele, aber Jurek Becker traute sich, einen Roman rund um das Thema Holocaust ohne direkte Anklage oder den Aufruf zur inneren Einkehr zu schreiben. In Anbetracht der möglichen  Zeitzeugen, die dieses Buch lesen, war dies in meinen Augen eine gewagte Entscheidung, denn wie leicht kann ein derartiges Buch als Verharmlosung oder als eine Verletzung der Menschenwürde hätte ausgelegt werden können.

Mutig ist es auch, sich diesem Thema mit Humor zu nähern. Wie schnell kann ein Scherz, besonders bei Betroffenen, zu der Meinung führen, über die Opfer würde nun auch noch gelacht werden.

Die Deutschen werden in Beckers Buch nicht nur als die Bösen dargestellt. Der Wachmann, der den Protagonisten auf das Revier schickt, macht sich nur einen Scherz, auf dem Revier darf er nach Hause gehen und der Wachmann, der einen der Ghettobewohner schlägt, lässt als Entschuldigung zwei Zigaretten fallen.

Im Mittelpunkt steht auch nicht das Elend Millionen getöteter Juden, sondern der Alltag. Als besonderes Stilmittel bedient sich der Autor einer ruhigen Erzählweise, mit der einzelne Charaktere das Grauen überdecken. So rücken die zum Tode verurteilten Juden im Waggon auf dem Bahnhofsgleis für den Juden Herschel Schtamms, der den Gefangenen eine gute Nachricht zukommen lassen möchte, in den Hintergrund und die Deportation ganzer Straßen weicht dem jüdischen Jungen Mischa, der seine Freundin Rosa zu retten versucht. Somit bekommt das Grauen einen anderen Charakter, der die Wahrheit zwar erahnen lässt, aber doch zum großen Teil überdeckt.

Zudem bedient der Autor sich der Situationskomik. In der Wachstube bleibt der Protagonist Jakob mit seinem Ärmel in der Tür hängen und fällt hin. Als er auf der Toilette der Aufseher nach Nachrichten sucht, gerät er in Lebensgefahr. Sein Freund bezieht deshalb Prügel. Trotzdem kann man sich der lustigen Vorstellung nicht entziehen, dass der Deutsche seine Prügelstrafe unterbrechen muss, weil ein Durchfall ihn mit großen Schritten vom Geschehen zur Toilette treibt und ein anderer Aufseher, der einen der Protagonisten ins Gesicht schlagen möchte, ihn aufgrund seiner Größe nicht erreichen kann.

Auch  Wortwitz streut Becker immer wieder in die Handlung ein. („Gott hat gehustet, Gott hat Herschel eins gehustet“[1])

Es fällt auf, dass sich der Roman durch verschiedene Arten von Humor und der einzigartigen Erzählweise stark von anderen literarischen Werken über Judenverfolgung und den Terror der Nationalsozialisten abzeichnet.

Während man andere Bücher über Ghettos und Judenverfolgung oft voller Schuldgefühle aus der Hand legt, rücken diese beim Lesen dieses Buches in den Hintergrund und machen Platz für mehr Verständnis. Nach der Lektüre sieht man nicht nur  jüdische Menschen mit anderen Augen, sondern bekommt auch ein Verständnis dafür, dass Menschen mit anderen Glaubensrichtungen und anderen Traditionen Menschen wie du und ich sind.

[1] Jurek Becker, Jakob der Lügner, S. 143.  Die für diesen Bericht verwendete Auflage des Romans „Jakob der Lügner“, geschrieben von Jurek Becker, erschien im Jahre 2000 im Suhrkamp Verlag.

Warum es sich lohnt, dieses Buch zu lesen?

  • Weil es Holocaust von einer anderen Seite aus betrachtet und uns zu Sympathisanten der Menschlichkeit macht.
  • Weil es beim Lesen – wie bei Gesprächen mit Zeitzeugen – Emotionen hervorruft.
  • Weil es uns jüdische Mitmenschen ans Herz legt und uns mitfühlen lässt.
  • Weil es das Buch noch geben wird, wenn Zeitzeugen längst Vergangenheit sind.
  • Weil es dem Leser Gelegenheit gibt, jüdische Mitmenschen nach diesem Buch mit anderen Augen zu sehen und Verständis für Andersgläubige zu entwickeln.
  • Und weil wir die Botschaft dieses Buches mit in die Zukunft nehmen können.

Mehr als an jeder von mir besuchten Gedenkstätte wird beim Lesen dieses Buches klar, dass Juden Menschen wie wir sind: mit Träumen, Ängsten und Hoffnungen. Wie du und ich. Wie wir alle.