Kunst wider das Vergessen – Militärhistorisches Museum, Dresden

Schuhe von Toten:

„Auf leeren Plätzen,/ wie mit Spinnweben gefesselt von Drahtnetzen,/ wachsen Schuhhaufen, Schuhe von Toten:/ kleine Schuhe, Kinderschuhe, Herrenschuhe, Mädchenschuhe./ Es leuchten mit schwarzen Augen/ Schlanke Reitstiefel mit Schäften,/ Damenstiefel aus Safian/ Haben ihre geheimnisvolle Sprache./ Der Regen fließt lautlos über sie hin, wie Tränen,/ die Sonne verbrennt sie./ Nervöse, zitternde Hände sortieren sie,/ es wachsen die Haufen, Haufen wie Kolosse,/ bis sie zur Pyramide anwachsen,/ sich selbst überwachsen,/ und als enorme Säule in den Himmel stoßen/ mit dem Geschrei: Warum, warum, warum?“

Diese Ausstellung ist kompliziert.

Ich besuchte das Museum, das zu den größten militärhistorischen Museen in Europa zählt, im Jahr 2016,  fast fünf Jahre nach dem Umbau durch den Architekten Daniel Libeskind. Laut des Museumsführers geht es hier in erster Linie um eine kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit der Natur des Menschen als Ursache für den Krieg.

Der Wissenschaftler Gorch Pieken will hier neue Geschichten erzählen. So wie er zur Eröffnung die Geschichte von dem namenlosen Mädchen aus dem Konzentrationslager Lublin erzählt hat, das Schuhe von KZ Häftlingen sortiert und dabei dieses Gebet „Schuhe von Toten“ ersann, das die KZ Häftlinge auswendig lernten. Das Mädchen starb in der Gaskammer.

Schon am Eingang werden die Worte Liebe und Hass auf Wände projeziert, Worte, die sich in ständiger Bewegung befinden. Die Wände selbst sind stellenweise schräg, es scheint, als würden sie auf mich fallen. Von Steinfußböden aus Städten, die im zweiten Weltkrieg zerstört wurden, über Panzer bis hin zu Gemälden, die sich mit dem Grauen auseinandersetzen, gibt es so viele unterschiedliche Ausstellungsstücke, dass es mir schwer fällt, ein Gesamtbild zusammen zu setzen.

Grauenhafte Videos von Tierexperimenten neben lebensgroßen Plüschtieren, kuschelige Hunde mit Bombengürtel, anmutig in Szene gesetzte Briefe, die den Tod brachten oder dokumentierten und Soldaten in Ausrüstung auf unsichtbaren Reittieren; für mich gibt es eine Menge bizarrer Ausstellungsstücke, die ich nur schwer jenem Geschehen zuordnen kann, das wir im Geschichtskurs durchgenommen haben.

Durch die Anordnung der Exponate scheint man manchmal mittendrin zu stehen statt nur davor und mit der Mitmachecke bei der Darstellung des Ausbruchs der Hiroshima Bombe oder der Ausstellung von Kinderspielzeugen verschiedener Epochen scheint das militärhistorische Museum in Dresden für mich eher eine Erlebnisausstellung als ein Ort des Erinnerns.

dresden100Und dann treffe ich auf einen Aspekt, der weder in meinem Geschichtsunterricht noch in einem der von mir besuchten Gedenkstätten erwähnt wird. Ein riesiger Keil aus Stahl und Glas mit Aussichtsplattform, der mitten durch das Gebäude führt, zeigt mit der Spitze auf den Teil der Stadt, an dem am 13. Februar 1945 bei einem Luftangriff der Alliierten  circa 30 000 Menschen starben. Die genaue Zahl ist von Historikern umstritten. Damit werden Deutsche in dieser Ausstellung auch als Opfer dargestellt.

Diese Perspektive ist mir neu. Auf Nachfragen erklärt mir einer der Museumsbetreuer, insgesamt seien im zweiten Weltkrieg ca. sechs Millionen Deutsche umgekommen, darunter mehr als die Hälfte Zivilisten. Weltweit seien es mehr als 50 Millionen Kriegsopfer.

Recherchieren kann man die genaue Zahl nicht, da es zu viele unterschiedliche Ansätze gibt. Zivilisten, Soldaten, Kriegsgefangene. Menschen, die verhungert sind, Bomben zum Opfer fielen oder auf der Straße erschossen wurden. Vermisste, die aufgrund fehlender Kennung nicht erfasst oder aufgrund der unüberschaubaren Situation irgendwo verscharrt wurden.

Doch was sind Zahlen, die wir in dieser Höhe gar nicht erfassen können. Jede einzelne Ziffer ist ein menschliches Schicksal. Wie viele Deutsche starben, weil sie sich widersetzten oder jüdischen Mitbürgern halfen? Wie viele folgten nur, um ihr Leben und das der eigenen Familie zu schützen? Wie viele Kinder verhungerten oder verloren ihr Leben in Bombenangriffen? Verdienen im zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten und zivile Opfer auch unsere Erinnerung? Für mich eine ganz neue Perspektive. Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind.

Die Informationsflut im Militärhistorischen Museum in Dresden ist gewaltig. Ein Tag reicht kaum, um vor jedem Ausstellungsstück auch nur kurz stehen zu bleiben. Die Ausstellung über Juden im zweiten Weltkrieg ist dabei eher distanziert. Dem Antisemitismus unter dem Naziregime begegnet man vorwiegend hinter Glas, oft auch eingebettet in andere historische Ereignisse.

Nach meiner Begegnung mit der alten Dame in Buchenwald, fragte ich mich unwillkürlich, wie sie diese Ausstellung wohl bewertet hätte. Kann eine derart moderne Ausstellung ein Zeitzeugnis sein, das uns dazu anhält, die Zukunft toleranter, wachsamer und friedvoller zu gestalten? Würde sie ihre Geschichte hier wieder erkennen?

Diese sehr informative Ausstellung ist ohne Frage ein Erlebnis, das im Gedächtnis bleibt. Viele der Informationen werfen aber auch Fragen auf. Sollten wir uns nicht nur an die getöteten Juden erinnern, sondern auch an die vielen anderen, die in diesem Krieg den Tod fanden? Werden wir achtsamer mit Fremdenfeindlichkeit umgehen,wenn wir uns bewusst sind, dass jeder von uns darin verwickelt werden kann? Eint uns der Gedanke, dass Fremdenfeinlichkeit auf beiden Seiten Opfer fordert? Und findet der Besucher überhaupt die Zeit, sich bei der Größe der Ausstellung und der Vielzahl an Sinneseindrücken dieser Fragen bewusst zu werden und daraus eine Botschaft mitzunehmen ? Das muss wohl jeder für sich selbst beantworten.