11.957 Leben – Neuer Börneplatz, Frankfurt

boerneplatzDie „Gedenkstätte am Neuen Börneplatz für die von Nationalsozialisten vernichtete dritte jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main“ gibt es seit 1996.

Der Platz ist leer. Die Blätter der 60 geometrisch angeordneten Platanen rund um einen Steinkubus schaukeln lautlos im Wind. Es ist 9.00 Uhr an einem Samstagmorgen. Meine Mutter kreist gefühlte 75 mal um den Block ohne einen Parkplatz zu finden. Der Platz liegt wie ein kleiner Hinterhof inmitten großer Wohnblocks.

Eine schwarze Granittafel aus dem Jahre 1946 weist darauf hin, dass hier die Börneplatz Synagoge stand, die von „Nazi-Verbrechern“ zerstört wurde. Der hier aufgeschichtete Steinkubus aus Überresten der einstigen Judengasse soll an diese Zerstörung während des Novemberpogroms 1938 erinnern. Rote Farbreste zeigen, dass jemand wohl versucht hat, sie irgendwann  unkenntlich zu machen.

Ich lehne mich an die Friedhofsmauer und warte. Meine Mutter hat die Parkplatzsuche aufgegeben. Sie wird mich später abholen. Ich zähle 27 Menschen, die den Platz in einer Stunden überqueren. Junge und alte, Einzelne, Paare und Familien schlendern oder hasten über den Schotter. Einige Frauen sind verschleiert. Niemand hat auch nur einen Blick für die Bedeutung des Platzes. Und das, obwohl der Geröllboden das Laufen und das Schieben von Kinderwagen erheblich erschwert. Vielleicht liegt es daran, dass das angeschlossene jüdische Museum wegen Umbauten geschlossen ist. Bis auf die Steintafel gibt es hier keinerlei Informationen.

Was soll ich hier mitnehmen? An was soll ich mich erinnern? Welche Botschaft verbirgt dieser Platz? Der Steinkubus sagt mir nichts. Die ordentlich aufgereihten Platanen auch nicht.

In Wikipedia lese ich, dass das Laub der Platanen für das Leben in der jüdischen Gemeinde stehen soll, dass sich im Herbst verfärbt und fällt. Der Schotter soll symbolisch für jüdische Einzelschicksale stehen, auf denen herumgetreten wird. Ob das wirklich die Absichten des Künstlers wiedergibt? Das kann ich nicht nachvollziehen. Dass Laub fällt, ist naturgegeben. Antisemitismus nicht. Was für eine Botschaft soll das sein, dass wir heute noch täglich symbolisch auf den grausam hingerichteten Juden herumtreten?  Vielleicht verstehe ich das, wenn ich erwachsen bin.

Ich schlendere über den angrenzenden jüdischen Friedhof. Die Gräber sind scheinbar ohne eine sichtbare Ordnung angelegt. Dann umrunde ich den Friedhof. Ich betrachte einige der 11.957 kleine Stahlblöcke, die aus der Umfassungsmauer des angeschlossenen jüdischen Friedhofs herausragen. Ich lese Namen, Geburts- und Todestage sowie Deportationsorte von Frankfurter Juden. Die kleinen Gedenktafeln sind mit Staub und Steinen vom Geröllboden bedeckt. Das scheint niemanden zu stören. So viele Namen, so viele Menschen, so viele Schicksale. Trotz meines geschichtlichen Wissens finde ich es schwierig, all diese Namen mit einem Geschehen zu verbinden.

Ich denke an die bebilderten Lebensläufe im Holocaust Memorial in Florida, an die persönlichen Aufzeichnungen in Buchenwald, an die eingerahmten Briefe in Dresden und die Protagonisten in Jakob, der Lügner. Sie alle haben durch ihre Einzigartigkeit auf eine seltsame Art eine Verbindung zu mir hergestellt. Weil diese Zeitzeugen ein Gesicht hatten. Und eine Geschichte. Hier sind alle 11.957 Steine gleich gestaltet, alle Buchstaben in Größe und Farbe identisch. Und doch verbirgt sich hinter jedem Stein ein einzigartiges Menschenleben. Hinter jedem Namen ein Gesicht. Hinter jedem Datum eine Geschichte. Nur kenne ich sie nicht. Keine einzige davon. Ohne Zeitzeugen, ohne Gesichter bleibt meine Vorstellungskraft auf der Strecke. Und plötzlich erkenne ich, wie wichtig es ist, all die Aufzeichnungen von Zeitzeugen zu erhalten. Damit auch künftige Generationen verstehen können.

Ich säubere einige der Gedenktafeln von Staub und Geröll. Ein misstrauischer Passant fragt micht, was ich da mache. Als ich es ihm erkläre, meint er, man hätte hier lieber einen Parkplatz hinbauen sollen und geht kopfschüttelnd weiter. Vielleicht stumpft eine Gedenkstätte, die man im Alltag täglich überquert, ab?

Das jüdische Museum ist noch bis 2018 geschlossen. Ich beschließe zur Eröffnung wieder zu kommen, damit einige dieser Namen dann vielleicht doch noch ein Gesicht bekommen. Und mir wird wieder einmal klar, wie wichtig es ist, Photos, Ton- und Filmaufnahmen von Zeitzeugen für die nächsten Generationen aufzubewahren.