Eine alte Dame – Begegnung in Buchenwald, Weimar

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Als ich das Gelände betrete, ist es leer. Ich bin der Erste an diesem Morgen. Mit der Guide-App, die ich auf mein Handy geladen habe, bleibe ich vor leeren Gefängniszellen stehen, vor hohen Zäunen und Gedenktafeln und schließlich lande ich auf einem großen kargen Platz, der mit Geröll und Wegen an einen leeren Friedhof erinnert.

Ich versuche mir die Baracken vorzustellen, die hier gestanden haben, die Menschen, die hier gelebt haben, aber alles ist weit weg. Irgendwie unwirklich. Was soll ich hier mitnehmen? An was erinnern? Und vor allem wie? Der leere Platz raubt mir meine Vorstellungskraft.

Durch die App erfahre ich, dass Buchenwald am Ende des Krieges das größte KZ im Deutschen Reich war. Hier sollten Juden, Sinti und Roma sowie Homosexuelle, Obdachlose, Zeugen Jehovas und andere „Gemeinschaftsfremde“ von den Deutschen ferngehalten werden. Über 50.000 Menschen starben hier an Folter, medizinischen Experimenten und Auszehrung.

Ich betrete das Krematorium und betrachte die pathologische Abteilung. Hier wurden die Leichen vor der Verbrennung ausgeplündert, Goldzähne entfernt und aus ihren Körpern Präparate hergestellt. Es ist vollkommen still.

Ich bin allein. Plötzlich betritt eine alte Dame den Raum. Ihr kleiner, schmaler Körper verschwindet fast ganz unter einem weißen Fellmantel. Sie ignoriert mich, legt Nelken auf den kahlen Seziertisch, der den kleinen Raum dominiert. Ich habe mein Handy noch in der Hand, weil hier die Buchenwald-App läuft und gehe auf Kamera. Doch dann stecke ich das Handy ein. Die alte Dame stützt sich auf ihren Stock und steht ganz still. Als ich neben sie trete, bemerkt sie mich. Sie lächelt mich an. „Waren Verwandte von Ihnen hier?“, frage ich. „Alle“. Sie nickt. „Außer mir.“ Sie nickt wieder. Ich betrachte die Nelken. Drei davon haben einen langen Stil, zwei sind gekürzt. Ich frage nicht. Ich finde keine Worte. Nicke nur.

Ich betrete den Keller, dann den Verbrennungsraum. Im Keller sind Haken an den Wänden befestigt. Hier wurden die Menschen mit einem Tuch über dem Kopf stranguliert. Aufgehängt bis zum Tod, die meisten davon ohne das Wissen, was passieren wird. Tiefer angebrachte Haken für die Kinder. Ich denke an die alte Dame und plötzlich kann ich mir die Menschen vorstellen. Vielleicht waren es ihre Eltern, ihre Brüder und Schwestern oder ihr Ehemann. Plötzlich hat das Grauen ein Gesicht.

In der Ausstellung verbringe ich viel Zeit damit, authentische Berichte zu lesen. Über Experimente. Über Folterungen. Über Informationsbriefe, die nach dem Tode an Verwandte geschickt wurden. Über Hoffnungslosigkeit. Über Entrechtung. Briefe an zu Hause. Vielleicht habe ich einen Bericht von Verwandten der alten Dame gelesen. Vielleicht auch nicht.

In der Cafeteria treffe ich die alte Dame wieder. Sie lächelt mich an. Ich bleibe vor ihrem Tisch stehen, traue mich nicht, mich einfach dazu zu setzen. Ich denke an Einsamkeit und die Haken im Keller. Sie scheint meine Gedanken zu lesen. „Ich war 46 Jahre verheiratet“, sagt sie, „und ich habe einen Sohn zwei Enkel und einen Urenkel.“ Sie strahlt mich an.

Irgendwie bin ich erleichtert. Und mir wird klar, dass es trotz aller Vergangenheit auch immer eine Zukunft gibt. Dass man sich erinnern und trotzdem sein Leben leben kann. Eine Gedenkstätte ist ein Ort wider das Vergessen, aber kein Ort, um darin zu verweilen. Diese alte Dame hat es vorgemacht.

Und noch etwas habe ich hier gelernt.

Zeitzeugen werden unserer Gesellschaft fehlen.