Holocaust Memorial Ressource and Education Center, Orlando, Florida

Das Museum der Schuld

In Orlando/Floridholocaust100a haben es sich Überlebende des Holocaust schon vor 30 Jahren zur Aufgabe gemacht, dass die Opfer, die Überlebenden und vor allem die Schuld der Deutschen nicht vergessen werden. Sie sehen es als ihre Pflicht, zukünftige Generationen darüber zu informieren, welche Folgen blinder Nationalsozialismus und Vorurteile mit sich bringen. Und so steht in diesem Museum die Darstellung der deutschen Unmenschlichkeit im Vordergrund. Große Displays zeigen Originalphotos von Ghettos, Konzentrationslagern und Todesmärschen mit emotionalen Berichten über Entrechtung und Entwürdigung. Auf großen Tafeln kann man lesen, dass Juden sich in Deutschland zu Hause fühlten wie sonst nirgendwo in Europa. Sie sprachen Deutsch, dienten beim deutschen Militär, besuchten deutsche Schulen, teilten alle deutschen Traditionen und Kulturen und besaßen die deutsche Staatangehörigkeit.  Es gab somit keinen Grund für die deutsche Grausamkeit.

Collagen mit Lebensläufen von Überlebenden, emotionale Tagebucheinträge von Kindern und Hörproben von Augenzeugen zeigen, wie viele Leben die „Intoleranz der Deutschen“  zerstört hat und welches Leid hätte verhindert werden können, wenn wir Deutschen nicht aus blindem Nationalsozialismus jegliche Menschlichkeit vergessen hätten.

Regelmäßig erzählen Zeitzeugen an Vortragsabenden von ihren grausamen Erinnerungen. Die meisten sind als Kinder geflohen und wohnen somit schon fast ihr ganzes Leben in den USA. Sie haben Familien, Kinder und Enkelkinder und doch lassen ihre Lebensläufe, die sich in zahlreichen großen Bilderrahmen durch die Ausstellung ziehen, diese Zeitspanne von über 60 Jahren meist aus. Viele der Lebensläufe kann man an Hörstationen anhören. Auch Befreier kommen hier zu Wort, die die Schuld mehr oder weniger dem Naziregime geben und erklären, dass sie selbst keine Möglichkeit hatten, anders zu handeln.

Eigentlich wollte ich an diesem Abend einen der Vorträge besuchen. Als ich jedoch die hereinströmenden Zuschauer betrachte, überlege ich es mir anders. Das Publikum besteht vorwiegend aus einer 60+ Generation, darunter Kriegsveteranen und Juden, wie man teilweise an der Kleidung bzw. an den Kopfbedeckungen unschwer erkennen kann. Manche scheinen vor Beginn des Vortrags zu beten. Ein kleiner Junge sitzt neben einer älteren Frau. Wahrscheinlich seine Großmutter. Er schaut zu mir herüber und ich frage mich, mit welchem Gedankengut er wohl aufwachsen wird.

Hier fühle ich mich schuldig, ein Deutscher zu sein. Aber es ist nicht die Vergangenheit, die mir zu schaffen macht, denn ich bin erst 16, sondern die Gegenwart. Ich kann fühlen, dass diese Menschen nie vergessen werden und obwohl ich seit Jahren jedes Jahr mehrere Wochen in Amerika verbringe und mich dann immer fast als Amerikaner gefühlt habe, gehöre ich plötzlich nicht mehr dazu.

Ich frage mich, wie unsere heutigen Nachbarländer, die zum Teil sogar einst zum Deutschen Reich gehörten, wohl heute über uns denken. Ich rufe auf meinem Smartphone die Landkarte der Bundeszentrale für politische Bildung auf, die zeigt, wie viele Juden in unseren  Nachbar- und Urlaubsländern während des Nazi Regimes getötet wurden. In all diesen Ländern gibt es auch Gedenkstätten. Sehen diese Menschen uns heute auch noch als Teil einer schuldigen Nation? Was fühlt ein Besucher beim Besuch einer Gedenkstätte, wenn er nicht zur Täternation gehört? Können diese Erinnerungsstätten dann auch zu mehr Toleranz führen? Oder bewirkt es eher das Gegenteil?

Wird ein Besuch im Holocaust Memorial Ressource & Education Center den Besucher zum Umdenken bewegen, zu mehr Toleranz und Menschlichkeit erziehen? Oder ist es nur der ewig andauernde Hass auf uns Deutsche, der damit erhalten bleibt und ein Vergessen unmöglich macht? Liegt der Unterschied zu deutschen Gedenkstätten vielleicht darin, dass diese Gedenkstätte nicht von einer Täternation geführt wird? Um diese Frage zu beantworten, müsste man wohl mehrere Ausstellungen und Gedenkstätten in anderen Ländern besuchen.

Am Abend gehe ich mit ein paar Nachbarjungs und ihren Familien auswärts essen. Ich weiß, dass die Großeltern beider Familien entweder beide oder zumindest ein Teil aus Deutschland stammen, aber bisher habe ich mich nie gefragt, warum sie ausgewandert sind. Und heute traue ich mich nicht mehr, danach zu fragen.

Ich beschäftige mich lieber damit, meinen deutschen Akzent zu verbergen.