Gegen das Vergessen – Eine Chance für die Zukunft

Gedenkstätten sind nicht nur Erinnerungen an eine unverzeihliche Schuld. Sie geben den Opfern ein Gesicht, das uns unvergessen bleibt. Sie mahnen uns, unsere Zukunft umsichtiger und menschlicher zu gestalten und geben uns damit eine Chance.

Im Geschichtsunterricht dachte ich zunächst, dass Holocaust als dunkler Fleck in unserer geschichtlichen Vergangenheit bis in alle Ewigkeit als große Schuld auf unseren Schultern lastet. Doch ich kannte niemanden von ihnen, habe keine Juden in meinen Verwandtschaftszweigen und – wie die zahllosen unbekannten Kriegsopfer in aller Welt – waren sie für mich namenlos, gesichtslos und ganz weit weg.

Dann las ich das Buch „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker und plötzlich hatten die Opfer Gesichter, Wünsche, Hoffnungen und – meine Sympathie. Umso größer war die ohnmächtige Trauer, als ich in Buchenwald in der Verbrennungskammer stand oder die Haken berührte, an denen sogar Kinder aufgehängt worden waren. Doch diese Erfahrung lässt mich auch umdenken.

Gedenkstätten – aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

Das Geheimnis der Gedenkstätten liegt für mich nicht in der Vergangenheit, nicht in ohnmächtiger Trauer, nicht in hilfloser Wut über Dinge, die wir nicht mehr ändern können, sondern in der Zukunft. Mit dem Erinnern können wir das Verantwortungsgefühl für unsere Demokratie neu ausbalancieren und unsere Toleranz überdenken. Weil wir aus den Erfahrungen von Zeitzeugen lernen können. Und weil eine alte Dame mir gezeigt hat, dass Erinnerungen zwar wichtig sind, ein Leben ohne Schuldbewusstsein aber auch.

Was uns prägt

Für mich schaffen Zeitzeugen eine seltsame Verbindung zu all den Geschehen. Sie geben dem Geschehen ein Gesicht, das wir in unserem Alter begreifen können. Und auch wenn kommende Generationen keine lebenden Zeitzeugen mehr treffen werden, so bleiben ihre Aufzeichnungen erhalten. Ihre Bilder, ihre Lebensläufe, ihre Geschichten in Bild- und Tonaufnahmen kennzeichnen all diese Menschen als einen von uns. Aus ihren Geschichten können wir so vieles lernen und verstehen.

  • Zu viele haben damals weggeschaut.
  • Zu viele haben nichts gewusst oder es vielleicht auch nicht wissen wollen.
  • Zu viele haben sich dem NS Regime gebeugt. Zu lange gezögert. Zu lange geschwiegen. Zu wenig Zivilcourage gezeigt. Zu wenig hinterfragt.
  • Zu viele Anwohner in unmittelbarer Nachbarschaft grausamer Orte waren überrascht, als die Alliierten sie zu Besuchen und Mitarbeit zwangen.

Hinschauen

Wir alle können hinschauen statt wegsehen, nachfragen statt schweigen und Zivilcourage zeigen. Wir können wachsam sein und reagieren, wenn ein Verbrechen noch am Anfang steht.  Wir können Menschlichkeit zeigen, auch gegenüber Menschen mit anderen Wurzeln, anderer Hautfarbe oder anderer Religionen.

Sind Erinnerungen an Holocaust eine Pflicht gegenüber den unzähligen Opfern? Kann sein. Aber der Sinn dieser Gedenkstätten ist nicht, uns schlecht zu fühlen. Wir dürfen Mahnmale und Gedenkstätten nicht nur als Schuldbekenntnis sehen, sondern als Chance.

Wir können daraus Toleranz lernen. Wir können verhindern, dass es irgendwann Gedenkstätten für hunderte oder tausende von Flüchtlingen gibt, die sterben mussten, weil wir Hilfe verweigerten, weil wir unseren Platz nicht teilen wollen, weil wir ausgrenzen und niemanden in unserer Mitte aufnehmen mochten.

Wir können hinschauen, hinterfragen und aus anderen Kulturen lernen, um mit diesem Wissen unsere Kultur zu bereichern. Wir können unsere Nachbarn mögen, auch wenn sie Juden sind, weil es für uns nicht wichtig ist. Weil wir Menschen nicht nach der Rasse, der Religion oder der Hautfarbe bewerten, sondern nach ihrer Menschlichkeit. Weil wir bei dem Besuch einer Gedenkstätte ein ganz neues Verantwortungsgefühl für unsere Demokratie erhalten haben. Weil wir verstanden haben. Weil eine alte Dame uns gezeigt hat, dass es trotz unserer dunklen Vergangenheit auch eine strahlende Zukunft geben kann.

Menschen sind vielfältig und unterschiedlich. So sind auch die zahlreichen Gedenkstätten, die ich besucht habe. Und doch erzählt jede Gedenkstätte die gleiche Geschichte. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Mit unterschiedlichen Mitteln. Sie greifen unterschiedlich tief in unser Bewusstsein ein. Unterschiedliche PerspekTiefen eben.

Und auch die Besucher nehmen die Botschaft mit unterschiedlichen Augen wahr. Doch nicht das, was wir sehen, ist entscheidend, sondern was wir fühlen, was wir wissen, was wir zulassen und was wir daraus machen.

Gedenkstätten sind wichtig gegen das Vergessen. Bei Besuchen von Gedenkstätten werden Erinnerungen gesammelt und je nach Darstellung und persönlicher Erfahrung in unseren Herzen konserviert. Dort werden sie bleiben und können unser Handeln in die richtige Richtung lenken. Es ist die Macht unserer Gedanken, die uns Dank der Besuche von Gedenkstätten Vorstellungskraft gibt. Wie es war. Wie es ist. Und wie es werden kann.