Erzählungen

Perro (spanisch für Hund)
von Pauline Erdmann (13.6)

Im Jahre 1944, im Winter, als der Schnee so hoch lag, dass unsere Knie vor Nässe trieften und vor Kälte zitterten, dachte ich an meine Zeit in Spanien, dort, wo Wärme keinen Gegenpart hatte.
Wir hatten an der Küste gelebt, meine Mutter und meine beiden Brüder; mein Vater war verstorben, und ich wusste noch ganz genau, dass wir einen Hund hatten. Er war groß gewesen; ging mir bis zur Hüfte, und hatte braunes, weiches, jedoch dichtes Fell gehabt. Er hatte keinen Namen; hatte ich mich mit meinen Brüdern nie einigen können wie der heißen soll und so riefen wir ihn immer nur Perro.
Er hatte aufs Wort gehört und folgte mir stets und so war er weniger ein Hund, sondern mehr ein weiterer Bruder, ein Teil meiner Familie.
Wir wussten nie was für eine Rasse er war.
1936 begann der Spanische Bürgerkrieg und hätte ich gewusst wie all dies endet, hätte ich meine Mutter versucht zu überzeugen, nicht der demokratisch gewählten Volksfrontregierung, den Republikanern, zu unterstützen, sondern einfach den Kopf unten zu halten und es Geschehen zu lassen, doch meine Mutter war eine Sozialistin durch und durch, und so ließ sie es sich nicht nehmen zu helfen, dennoch hatten wir verloren und die Franco-Diktatur wurde errichtet.
1939, kurz nach der Niederlage, hatte meine Mutter uns früh geweckt; es war noch dunkel draußen, und sie sagt uns, wir sollen alles Wichtige packen und uns beeilen. Wir fragten was los sei, doch sie meinte, dass wir keine Zeit hätten.
Ich hatte meine Sachen in einen Rucksack gestopft und wollte mit Perro zur Tür gehen, als sie mir hinterherrief, dass er nicht mit uns kommen würde.
Für meine Widerrede hatte sie mir eine Ohrfeige gegeben und mich hinter sich her gezogen, bis einer meiner Brüder sich erbarmte und mich trug.
Perro hatte so laut gebellt und gejault, das ich ihn selbst nach einigen Kilometern noch hören konnte und ich war mit jedem Schritt, mit jedem einzelnen Schritt, mit dem ich mich von ihm entfernte, bin ich wütender auf meine Mutter geworden.
Ich war noch so jung gewesen und hatte nicht verstanden, warum er nicht mitkommen konnte. Wer sollte sich um ihn kümmern, wenn nicht ich? Mochte meine Mutter ihn nicht mehr?
Wenn ich doch nur gewusst hätte warum, dann hätte ich sie sicher nicht so gehasst, doch diese Erkenntnis kam spät.
Wir liefen lange und erst nach einer ganzen Weile bemerkte ich, dass wir gar nicht mehr in Spanien, sondern ich Frankreich waren und trotz alledem liefen wir weiter; verweilten nur kurz und machten uns dann wieder auf den Weg.
Meine Mutter hatte seit unserer Flucht ihr Lächeln verloren und blickte stets gen Horizont, mit ernster Miene und sprach so gar nicht mehr liebevoll, sondern bellte eher, so wie Perro es tat.
So zwang sie uns auch französisch zu lernen und sich von unserer Heimat abzuwenden und diese hinter uns zu lassen.
Wir wanderten einige Monate, doch dann folgte uns der Krieg, als ob er an unseren Fersen hing.
Das Deutsche Reich griff am 10.Mai 1940 Frankreich an und nun wusste ich woher die Angst meiner Mutter und gleichzeitig ihr Sinn für die Gerechtigkeit kamen. Warum ihr Lächeln bei Perro blieb und warum sie wieder beschloss zu helfen. Wir waren an der Grenze zu Belgien, als meine Mutter in einem Lazarett arbeitete und ihr bestes Tat und ich versuchte zu helfen wo es nur ging.
Kurz darauf fielen meine Brüder im Kampf, später meine Mutter, welche bei einer Explosion schwer verletzt wurde und ich blieb alleine zurück, in einem Krieg, welcher sich wiederholt zu haben schien, denn wieder siegte die Diktatur mit dem Waffenstillstand, am 22.Juli 1940, in welchem Frankreich seine militärische Niederlage gegenüber dem Deutschen Reich anerkannte und nun verstand ich.
Ich arbeitete nicht mehr im Lazarett, dennoch kämpfte ich; begann Flugblätter zu verteilen und schloss mich den Rebellen an. Es war vorauszusehen. Das, was mir passieren würde war vorauszusehen.
Knapp zwei Jahre nach der Eroberung Frankreichs wurde ich von den Deutschen gefangen genommen. Deportiert und mit mir tausende andere Frauen. Es gab kein Gerichtsverfahren, keine Anhörung, nur die enge in den Wagons und den Gestank der brennenden Kohle und der aufkommenden Angst. Diese war wie ein Virus und erst jetzt bemerkte ich das Zittern meiner Hände und die Tränen in meinen Augen, doch noch viel schlimmer als das war die Einsamkeit und die Gewissheit, dass diese das einzige war, was bleiben würde.
Wir fuhren lange ohne zu wissen wohin, doch als die Bremsen quietschten, hofften wir alle die Fahrt würde niemals enden, denn das war vor uns lag war ein dichter Nebel aus Gerüchten und Vorahnungen und schon jetzt stieg mir ein süßer Geruch in die Nase, klammernd wie ein Versprechen.
Dann kam das Bellen der Hunde und ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert.
Knallend wurde die Tür des Wagons aufgezogen und eine nach der anderen wurde aus dem Zug gezerrt, grob und in einer Art und Weise, die nichts Menschliches an sich hatte:
Ich war eine der Letzten und als ich endlich draußen war und einen Blick auf die Hunde werfen konnte, stockte mir der Atem, denn die Nazis hatten genau denselben Hund, die selbe Rasse, welche ich auch hatte, doch diese Tiere waren nicht wie Perro, denn ihre Mäuler waren weit geöffnet, die Zähne gebleckt und blutig. Sie waren den Aufseherinnen so unfassbar ähnlich, denn auch diese hatten animalische Monstrosität getragen, wie ein Aushängeschild; wie etwas, auf was man stolz sein konnte.
Ich begann Hunde, welche ich so sehr geliebt hatte, zu hassen.
Dann begannen sie uns voranzutreiben, wie Vieh und mit uns Klang das Bellen, wie ein Kinderlied, zu dem Takt unserer Schritte.
Wir waren an Häusern vorbeigegangen, doch die Menschen hatten; als sie uns erblickten, schnell die Gardienen an ihren Fenstern geschlossen; geblendet von der Wahrheit, welche sich in uns widerspiegelte.
Erst später erfuhr ich, dass wir in Ravensbrück waren, doch um diesen Gedanken hatte ich mich in meiner Situation kaum geschert; schon gar nicht bei unserer Ankunft, welche so unfassbar demütigend war.
Als wir das Tor zu dem Konzentrationslager passierten, war es, als ob ich eine neue Welt betrat. Es ist mir kaum möglich, mein Befinden zu beschreiben. Es war, als ob mein Körper eintrat, meine Seele, mein Sein jedoch draußen verweilte; als ob der Backstein wie eine Schranke fungierte. Mein erster Gedanke war, dass ich hier streben würde.
In einer Welt aus Grau.
Bei unserer Ankunft wurden wir unserer Kleider beraubt und standen dann Stunden lang nackt in einem Raum, dicht aneinander gedrängt, wie im Zug. Dann kamen die Untersuchungen und auch wenn ich mich nicht mehr entsinnen konnte wer mich untersuchte, wusste ich, dass die Hände kalt gewesen waren.
Eine Frau kam zu mir, hatte mich im Nacken gepackt und mich zu einem Stuhl geschoben, neben dem eine andere stand; ihr Körper in Häftlingskleidung gehüllt.
Sie hatten mir die Haare abrasiert und mir dann ein Bündel Kleider in die Hand gedrückt.
Ich hatte mich schnell angezogen und erst später, nachdem man uns zu unseren Baracken gebracht hatte, bemerkt, was ich eigentlich trug.
Auch ich war nun in gestreifte Kleidung gehüllt und trug ein rotes Dreieck und ein F, dessen Bedeutung ich nicht kannte.
Ich hatte leise eine Frau, mit welcher ich mir dann später auch ein Bett teilte, gefragt, was dies hieß, doch diese meinte nur, dass ich ein französischer Häftling sei.
Kopfschüttelnd erzählte ich ihr, dass ich eigentlich aus Spanien käme, doch sie meinte, dass das hier sowieso egal war.
Am nächsten Tag, die Hunde bellten noch immer, wurde ich eingeteilt und war in der Waffenproduktion gelandet.
Die Tatsache, dass ich die Nazis durch meine Arbeitskraft unterstützte, wog mehr als die Tatsache, dass ich meiner Identität beraubt wurde, doch dieser Gedanke verschwand so schnell wie er gekommen war, denn unsere Tage waren hart.
Aufstehen um 3:30, ein Klumpen Brot und Brühe zum Essen und das Arbeiten. Es lässt einen zu einem Schatten seiner selbst werden und fütterte einen mit innerlicher Kälte.
Stück für Stück bemerkte ich, wie ich nicht nur Hass gegen die Nazis, welche uns ständig schlugen, uns entwürdigten und unser Feind waren, hegte, sondern auch gegen jeden neuen Häftling, welcher eintraf, denn dies bedeutete weniger Essen, weniger Platz und eine geringe Chance zu überleben.
Erst dieses eine Ereignis ließ mich wieder hoffen.
Ich wusste nicht mehr welcher Tag es war, und im Nachhinein auch nicht mehr welche Jahreszeit, als eine Frau; ich wusste nicht einmal wie sie hieß, welche mit uns in einer Baracke lebte, es schaffte, zu fliehen.
Nach der abendlichen Zählung standen wir in einer Reihe, während die Aufseherinnen die Barackenälteste anbrüllten und sie auch schlugen, ehe sie sich zu uns drehten und brüllten. Ich hatte in meiner Zeit hier ein bisschen Deutsch aufgeschnappt und so wurde mir schnell klar, dass wir so lange stehen würden, bis man die Frau gefunden hatte und so standen wir. Einen Tag und eine Nacht durch und der Hass loderte in uns allen, denn wegen ihr zitterten unsere Beine vor Anstrengung, froren unsere Körper und zerfloss unsere so wertvolle Arbeitskraft.
Man fand sie am zweiten Tag. Ihr Gesicht war geschwollen und blau, an ihren Beinen Bissspuren von den Kötern, als man sie vor unsere Füße warf und sagte, wir können mit ihr machen was wir wollten und sicherlich, wir alle waren wütend, doch keiner rührte auch nur einen Muskel. Wir griffen sie nicht an, schrien sie nicht an, bespuckten sie nicht mal. Wir blickten nur zu den Aufseherinnen, deren Gesicherter rot vor Wut waren. Und so standen wir noch eine weitere Nacht und dennoch hatten wir mehr gewonnen als verloren, denn diese Rebellion war wie ein Funke in unseren Herzen. Nein, nicht einmal das war es. Es war ein Akt von Menschlichkeit. Ich fühlte mich als ob ich glühte. In dieser Nacht, hatte ich seit langem mal wieder gelächelt.
1945, als das Deutsche Reich fiel und die Rote Armee kam und uns befreite, war dieser Gedanke, das, was mich zum Weitermachen bewegte, auch wenn mich diese grausamen Träume Nachts wach hielten, mich schwächten und mir jeglichen Schlaf raubten.
Die Zeit im Konzentrationslager war grausam, doch man wurde taub und noch viel schlimmer, man verlor das Empfinden für die Normalität.
Als wir gehen durften, war man wie ein Fisch, welchen man zu schnell ins Aquarium warf. Betäubt und absolut überfordert.
Lange Zeit wusste ich nicht wo ich hin sollte, denn meine Familie war Tod und ich hatte keinerlei Freunde und Menschen, zu den ich gehen könnte, weshalb ich beschloss nach Spanien zurückzukehren, an den Ort, an welchem ich geboren worden war, doch als ich dort eintraf, war es so unnatürlich für mich und mir wurde bewusst, dass ich nie vergessen werden könnte. Das ich gebrandmarkt war. Ich schwebte in einer Traube, in der die Zeit fast still zu stehen schien und ich schien nicht die Macht zu haben, diese zu durchbrechen. Über zwei Jahre war ich gefangen in meiner Depression. Jede Nacht saß ich vor meinem Haus und blickte in die Ferne, gen Horizont, wie meine Mutter es auch getan hatte, bis zu jener Nacht, in welcher dieser Hund zu mir kam. Er sah aus wie die, welche auch im Konzentrationslager waren. Er hockte dort vor meiner Veranda und blickte mich nur an.
Ich hatte Steine nach ihm geworfen, ihn angeschrien, er solle verschwinden, doch er kam jeden Abend wieder, bis es auch für mich zu einer Routine wurde. Ich hörte auf, Dinge nach ihm zu schmeißen oder in anzubrüllen und hatte stattdessen die Reste meines Essens vor seine Nase gestellt. Langsam spürte ich, dass es das war, was ich brauchte. Ich brauchte jemanden, dem ich vergeben konnte, auch wenn es nur ein Hund war. Ich schlief wieder und nach einiger Zeit wurde aus dem Hund, welcher wie der im Konzentrationslager aussah, ein Hund, welcher wie meiner aus der Kindheit war und ohne es zu bemerken, hatte ich den Hund, vor meinem Haus, Perro genannt.


Die Flucht
von Vanessa Radünz (13.6)

Stille.
Ich atmete tief ein und wieder aus.
Beruhige dich! Ermahnte ich mich immer und immer wieder. Gleich geht es los. Gleich… werde ich frei sein!
Hoffentlich… .
Nein! So darf ich gar nicht denken. Es wird mir gelingen. Ich habe die Wärterinnen seit Monaten beobachtet und analysiert. Ich kenne ihre Abläufe. Ich weiß ganz genau, wann ich zuschlagen muss. Ich bin mir ganz sicher, wann ihre bisher unbemerkt gebliebene Sicherheitslücke zum Vorschein tritt.
Wiederholt atmete ich tief ein und wieder aus.
Es muss jetzt geschehen, sonst bin ich tot. Ich erkenne es an der Art, wie sie mich mustern. Zu schwach, sagten sie einmal zu mir. Ich sei zu schwach. Nur weil ich die Steine nicht transportieren konnte, ohne dass sie mir hinunter fielen. Die Strafen waren das Schlimmste. Ich kann sie noch immer fühlen. Die Peitsche. Auf meinem Rücken, an meiner Wange, an den Beinen. Sie war überall.
Meine eigenen Schreie hallten immer noch in meinem Kopf wieder, obwohl ich kein einziges Mal die Lippen öffnete um diesen Schrei hinaus zu lassen.
Das Glück einer Ohnmacht war mir nicht vergönnt. Ich erlebte alles mit. Nur meine kleine Schwester, die zu Hause in ihrem eigenen Bett lag und bestimmt schon lange schlief, hielt mich noch am Leben. Ihre großen Augen, als sie mich fortzerrten, ihre kleine Hand, die sich mir entgegenstreckte und ihre kleinen rissigen Lippen, die mir leise etwas zuflüstern. Ich hab dich lieb. Komm bitte wieder zurück.
Sie verurteilte mich nicht für meine Taten.
Ein helles Licht blendete mich plötzlich. Schnell machte ich mich noch kleiner in meinem Versteck. Ich musste mich konzentrieren! Doch…
Ich hatte schreckliche Angst.
Tausend Gedanken kreisten in meinem Kopf herum.
Was wenn sie mich kriegen?
Werde sie dann doch noch ihre Tat beenden, und mich zu Tode prügeln?
Was wenn es nicht gelingt?
Wenn ich meine kleine Schwester nie wieder sehen werde?
Wenn du hier bleibst, wirst du sie sowieso nie mehr sehen können. Flüsterte eine Stimme aus meinem Innern.
Das gab mir Kraft. Die Wächterinnen bezeichneten mich als schwach, weil ich zu klein war, und somit konnte ich mich bei anderen Häftlingen nicht durchsetzen. Ich bekam so gut wie kaum etwas zu essen. Freunde hatte ich auch keine. Ich war allein. Ich besaß nicht viel Kraft in den Armen, doch dafür hatte ich einen hellen Verstand. Dieser beförderte mich auch erst hier ins Lager. Eine Freidenkerin. So nannte man mich.
Ein entfernter Ruf holte mich zurück in die Gegenwart. Es geht los.
Schnell schoss ich aus meinem Versteck heraus und rannte zu einem alten Baum, der im Zentrum des Lagers stand. Für einen Moment war ich absolut ungeschützt. Doch niemand sah mich. Meine nackten Füße trugen mich, so schnell wie sie konnten, zum Baum.
Dort angekommen keuchte ich, was ich sofort hinter meiner Hand erstickte. Niemand darf mich hören. Sonst wäre alles vorbei. Ich nutzte den Schatten des Baumes, um mich so gut wie unsichtbar zu machen. In fünf Sekunden müsste eine Aufseherin vorbeikommen, ganz dicht am Baum entlang. Leise zählte ich in Gedanken mit. Noch drei… DA! Jetzt nur nicht bewegen. Nicht atmen. Gar nichts durfte ich machen.
Sie ging ganz langsam auf mein Versteck zu. Ich schloss meine Augen. Und fing an zu beten. Nur einen Spalt weit öffnete ich die Augen wieder, um sie zu beobachten.
Sie schaute in meine Richtung, kniff die Augen zusammen und trat einen Schritt näher.
Nein! Sie hat mich entdeckt.
Und dabei bin ich doch noch nicht mal weit gekommen.
Doch dann geschah das Unglaubliche. Sie zuckte mit den Schultern und nahm ihre Route wieder auf.
Fast hätte ich vor Erleichterung geweint. Doch ich musste mich zusammenreißen. Schnell schlich ich weiter, zum Ufer. Richtung Heimat.
Doch jetzt musste ich viel vorsichtiger sein, als vorher.
Die Aufseherinnen wussten, dass die Mutigen unter uns früher oder später über das Ufer flüchten wollten. Ob sie wohl auch mit mir rechnen würden? Da ich angeblich so schwach sei?
Plötzlich sehe ich grelles Licht und reagierte instinktiv. Ich wich von meinem geplanten Kurs ab und versteckte mich hinter einer Mauer. Wo kam das Licht her? Was soll das? Haben sie mich gesehen?
Doch niemand schlug Alarm. Ich spähte hinter der Mauer hervor und sah, dass eine Aufseherin mit schnellem Schritt in Richtung der Baracken lief. Ihr Gesicht war wutverzehrt und sie war viel zu tief in ihren Gedanken, als dass sie mich entdecken könnte.
Jetzt aber schnell. Sonst komme ich hier nie rechtzeitig weg.
Ich kam gerade am Ufer an, als der Alarm los ging. Ich hatte das Gefühl, mein Herz würde stehen bleiben.
Schnell änderte ich meine Richtung und rannte in den kleinen Wald neben mir, der viel zu matschig war, um ordentlich gehen zu können. Plötzlich blieb ich, mit meinem rechten Fuß, im Schlamm stecken. Mit all meiner Kraft versuchte ich meinen Fuß aus dem Schlamm zu befreien. Tränen liefen mir über die Wangen und ein Schluchzer entwich meinem Mund.
Ich will nicht sterben.
Ich möchte meine Schwester nur ein letztes Mal wiedersehen.
Ich will… ich will… Ich will doch einfach nur Leben!
Platsch.
Ich viel hin und befreite dabei irgendwie meinen Fuß. Hinter mir wurden die Rufe lauter.
„Häftling Nummer 5720638 befindet sich nicht an seinem zugewiesenen Ort! Und ein anderer Häftling habe sie gesehen, wie sie sich rausschlich. Los die einen gehen Richtung Ufer, die anderen in den Wald und die übrigen suchen den zentralen Platz und die Baracken ab. Lasst sie nicht entweichen!“
Häftling Nummer 5720638.
Das war ich! Meine Nummer. Sie nannten nur meine Nummer.
Doch ich war es satt eine Nummer zu sein. Ich hatte einen Namen. Eine Familie. Ein zu Hause. Ein Leben.
Ich kämpfte mich durch den Schlamm und, als ich das Ende des Waldes erreichte, kam es mir vor als seien schon Stunden vergangen. Mein Atem ging nur noch keuchend. Ich bekam keine Luft mehr, dennoch musste ich noch schwimmen. Ich hoffte, das schaffe ich noch.
Die Lichter hinter mir kamen immer näher. Mir blieb keine Zeit mehr zum Ausruhen.
Ich sah das Wasser und überlegte nicht lang.
Ich sprang rein.
Es war eisig, doch ich spürte es kaum. Ich hatte viel zu viel Angst.
Also schwamm ich los. Am Ufer hörte ich die Oberste Aufseherin Befehle bellen, doch das war mir egal. Ich war so weit gekommen, dass ich schon Tod sein müsste, ehe man mich in dieses Lager zurückbringen konnte.
Nach einer Weile waren meine Kräfte verbraucht. Ich kann nicht mehr. Dieser Satz hallte wie ein Mantra in meinem Kopf wieder.
Ich schaffte es nicht.
Ich bin doch zu schwach.
Dann hörte ich wieder ihre Stimme: Ich hab dich lieb. Komm bitte wieder zurück.
Also schwamm ich weiter.
Ich erreichte das Ufer bevor die Sonne aufging. Mir war kalt und ich besaß nichts anderes als zerlumpte Kleidung, die an meinem Körper klebten. Doch ich war noch nie so glücklich über diese Situation gewesen. Ich fing an zu lachen. Dann weinte ich nur noch still vor mich hin.
Während ich schnell irgendwoher Kleidung, Essen und Geld klaute, erlaubte ich mir endlich diesen einen Gedanken. Der Gedanke, der uns allen im Konzentrationslager ausgetrieben wird.
Der Gedanke an Flucht.
Der Gedanke, dass wir auch normale Menschen sind, die etwas Besseres verdient haben, als das, was uns dort angetan wurde.


Sommer in Russland 1942
von Michaela Zwick (13.6)

„Sommer ist die schönste Jahreszeit.“, stellte Katja fest. Ihre langen blonden Haare waren zu einem Haarknoten gebunden. „Ja stimmte. Wenn ich es nicht so heiß wäre.“ Mama strich sich den Schweiß von der Stirn, „Feldarbeit müsste ja nicht sein. Jetzt hör auf in der Gegend herum zu starren und arbeite weiter. Wir wollen heute noch fertig werden.“ „Jawohl Mama.“, sagte Katja und bückte sich. Plötzlich gab es einen lauten Knall. „Mama was war das?“, fragte ich und klammerte mich an sie. Auch Katja kuschelte sich an Mama. „Ich weiß es nicht.“, sagte sie und sah auf eine riesige schwarze Rauchwolke. Kurz darauf zog Mama uns ins Haus und verriegelte die Tür. Auch am Abend war der geheimnisvolle Knall noch Thema. „Was glaubt ihr, was das war?“, fragte Katja, als Mama ihr das Essen hinstellte. „Stell nicht solche Fragen Katjuscha. Du machst deiner Schwester Angst.“, antwortete Mama und setzte sich. „Ich glaub das war ne Bombe oder so.“ „Hör jetzt auf Katja.“, Mama wurde plötzlich lauter. „Darf ich mir keine Sorgen um unser Leben machen? Papa ist im Krieg, Gott weiß ob er wieder kommt und diese Soldaten sind nicht mehr weit entfernt.“, schrie Katja nun zurück, „Oder glaubst du wirklich, dass Nitschka das alles nicht mitbekommt?“ Mama sah sie wütend an. „Sie ist 5 Jahre. Du glaubst doch nicht, dass ihr nicht klar ist, was passiert.“ Katja hatte Recht. Ich hatte bemerkt, was sich veränderte. Früher war Mama viel freundlicher und entspannter. Mittlerweile wartet sie jeden Tag auf einen Brief von Vater, der irgendwo in unserem großen Land gegen die Deutschen kämpfte. Die Deutschen etwas was ich schon von Vater kannte. Er war schon immer am Militär interessiert, hatte aber nie wirklich die Chance bekommen zu kämpfen. Jetzt hatte er sie und hatte uns allein gelassen. Vor allem Katja konnte ihm das nicht verzeihen. Der Abend verging, und Mama schickte uns bald ins Bett. Ich und Katja schliefen bereits, als es plötzlich wieder einen Knall gab und Männer hereingestürmt kamen. Man konnte ihre Stimmen auch bei uns gut verstehen. Ich erschrak so sehr, dass ich vor lauter Angst zu weinen anfing. Ich wollte die Treppe vom Dachboden, auf dem wir schliefen, herunter um mich von Mama trösten zu lassen, als Katja mich zurückzog. „Nitschka, wir dürfen nicht mehr runter. Die Leute da unten sind böse. Wir verstecken uns, und warten ab.“, flüsterte sie und zog mich unter die Dachschräge hinter ihrem Bett. „Aber ich will zu meiner Mama. Ich will nicht, dass ihr was passiert. MAMA.“, schluchzte ich. „Mama wird schon nichts passieren.“ Katja hielt mir nun den Mund zu. Von unten waren immer noch Schreie zu hören. Sie waren in einer fremden Sprache, manchmal konnte man Mama sprechen hören. Ich konnte hören, wie ihre Stimme aus dem Lärm nach oben drang. Als der Lärm aufhörte, kamen wir langsam und leise aus unserem Versteck, und sahen in einen Gewehrlauf. Wir nahmen die Hände hoch und wollten uns ergeben, so hatte es unser Vater auch immer mit uns gespielt. Der Soldat schrie uns in derselben fremden Sprache an wie vorher und zog an mir. „Juscha bitte beschütz mich. Katja bitte ich hab Angst.“, schrie ich und schloss meine Augen. Katja hielt mich am Arm und wurde später auch aus dem Versteck gezogen. Der Mann schubst uns vor sich her und zwang mich und Katja die Treppe hinunter. Vor unserem Haus stand Mama, sie nahm uns in den Arm. „Mama ich hab so Angst.“, sagte ich und klammerte mich an sie. Mama nahm mich auf ihren Arm und kuschelte mich an sich. Die Soldaten scheuchten uns und andere aus unserem Dorf über die Felder. Die Gruppe, meistens Frauen und alte, liefen die ganze Nacht. Als wir an einer Art Bahnhof ankamen, wurden wir getrennt, nach Männern und Frauen, in Reihen aufgestellt. Ein Soldat stand immer daneben. Ein andere lief, mit einem Dolmetscher, die Reihe entlang und fragte jede, welchen Beruf sie habe, ob sie Kommunistin sei, und was ihr Mann sei. Bei der letzten Frage bin ich mir nicht sicher. Doch als die Frau vor uns sagte, dass ihr Mann Soldat sei, erschoss er sie. Mir spritzte warmes Blut ins Gesicht, da ich in der Nacht stark gefroren hatte, fand ich es recht an genehm, ich hielt es für warmes rot gefärbtes Wasser. Meine Mama dagegen zitterte nun erst recht. Als der Soldat nun zu uns kam, fragte er wieder, doch bevor der Dolmetscher anfangen konnte, antwortete meine Mutter schon, in derselben fremden Sprache wie der Soldat. Dieser sah sie an, zog an ihren langen Haaren und schrie sie an. Das einzige was ich von dem verstand was sie sagte, war Konservatorium, denn das Wort klang zumindest so ähnlich. Nachdem der Soldat weiterging, wurden wir in einen Zug gesperrt. Mama, Katja und ich waren im hinteren Teil. Es entstand eine unerträgliche Hitze. Durch die vielen Menschen und die kaum zirkulierende Luft wurde es immer stickiger. Nach mehreren kompletten Tagfahrten kamen wir in den frühen Morgen Stunden an unserem Ziel an. Es regnete in Strömen über dem Land. Man scheuchte uns aus dem Zug und brachte uns zu einer Baracke. Mama hatte mich heruntergelassen, und ich lief an ihrer Hand, wir mussten vom Zug an bis zur Baracke rennen. Eine riesige Pfütze war vor dem Eingang, doch die Frau zwang uns darin zu stehen. Alle in einer Reihe. „Deutsche Ordnung“, sagte Katja und kicherte. Die Frau, die uns bewachte, schien das nicht so lustig zu finden, denn sie zog Katja an ihren Haaren aus der Reihe und schlug sie mit einer Peitsche (gemeint ist eine Reitgerte). Mama versuchte sie zu beschützen, wurde aber immer wieder weggeschubst. Sie versuchte es der Frau zu erklären, doch die interessierte das nicht. Nachdem sie mit Katja fertig war, schubste sie, sie zurück in die Reihe. Nach weiteren Minuten konnten wir nun endlich aus dem Regen und Matsch in die Baracke. Dort waren Frauen, die uns zwangen uns auszuziehen. Wie ich es immer tat, zog ich mein Sommerkleid aus und begann es ordentlich zusammenzulegen, als es mir eine der Frauen aus der Hand reißen wollten, ich wollte es nicht loslassen, denn es war schließlich mein Lieblingskleid, doch Mama sagte, dass es in Ordnung wäre und ich es bald wieder kriegen würde. Meine roten Lackschuhe und weißen Socken, von beidem trennte ich mich ebenfalls nur ungern, wurden mir auch weggenommen. Ich sah mich nun um und erschrak. Noch nie hatte ich nackte Erwachsene gesehen. Nicht mal meine Mama oder Katja. Ich schämte mich etwas und versuchte nicht hinzu ehen. Mama nahm wieder meine Hand und wir wurden in die Dusche geführt. Danach mussten wir uns Nachthemden mit Nummern anziehen und kamen wieder auf den Hof. Wieder mussten wir uns einreihen. Dieses Mal wurden Namen aufgerufen. „Chanowa, Janka“, schrie die Frau und meine Mama sagte hier. „Mama, wer ist das? Und warum meldest du dich da?“, fragte ich verwirrt. „Chanowa, Katja“, fuhr die Frau fort. „Anwesend“, sagte Katja. Die Frau sah sie böse an tat ihr jedoch nichts. „Chanowa, Lana“, schrie sie. Meine Mutter meldete sich erneut, obwohl das doch mein Name war. „Hey!“, sagte ich. „Ich hab das nur gemacht, weil die dich sonst nicht sehen und Janka ist mein Vorname, das weißt du aber eigentlich.“, flüsterte mir Mama zu. „Mama“, flüsterte ich nun und zog an ihrem Kleid, „Ich will wieder nach Hause. Können wir jetzt wieder gehen?“ Mama atmete schwer, nahm mich auf ihren Arm, küsste mich auf die Stirn und sagt: „Das geht leider erstmal nicht.“ Unsere Gruppe wurde in Baracken geführt. Mehrere Leute in einem Raum. Mama, ich und Katja setzten uns auf eine Art Bett, und schwiegen. „Wir sind dem Tode geweiht. Lieber Gott lass es schnell gehen.“, hörte ich eine verweinte Stimme sagen. „Sind Sie verrückt? Hier sind Kinder.“, stellte eine Frau fest, „Sie müssen denen ja nicht noch mehr Angst machen.“ Katja strich mir übers Haar. „Mama müssen wir wirklich sterben?“, fragte ich den Tränen nah. „Nein, Nitschka. Natürlich nicht“, sagte sie, und Katja fügte hinzu, dass Gott niemals kleine Kinder sterben lassen würde und Mütter ja auch nicht. Die Kinder brauchen sie ja schließlich.
1945 befreit die Rote Armee, in der auch Nitschkas Vater dient, das Konzentrationslager Ravensbrück. Herr Chanowa hat das Glück, seine komplette Familie wieder in die Arme zu schließen. Janka überlebt als Dolmetscherin das KZ und konnte durch ihre Stellung selbiges für ihre Kinder garantieren. Viele andere sind nicht so glücklich und sterben in den vielen KZ’s und Vernichtungslagern. Auch wenn diese Personen nie wirklich existiert haben, gab es doch viele wie sie. Auch aus meiner Familie wurden Menschen ins KZ sowie in sogenannte Schutzhaftlager deportiert. Der Großvater meiner Großmutter überlebte Sachsenhausen und kehrte schwerkrank zurück. Ihr Vater musste, nachdem er in einem Schutzhaftlager war, Zwangswehrdienst leisten. Beide waren in der kommunistischen Partei. In Erinnerung an die Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg