Künstlerische Erzeugnisse

Durchstoßt ihr das Herz auch, das in uns bebt,

wenn eure Horden uns überrennen

– die Fackel aber wird leuchten und brennen,

die Hoffnung, die ewig in uns lebt.“

 

(France Audoul – Reise ins Grausen – Nachdichtung von Peter Glaßmann)


Im KZ sollten Menschen entmenschlicht werden, ihn sollte jedes Gefühl geraubt werden, jede Hoffnung, jedes Mitgefühl füreinander.

Aber diese Insassen rebellierten still, waren Zeugen des Grauens und dokumentierten, stärkten, gaben einen Lichtblick und Trost für ihre Mitinsassinnen. Sie riskierten ihr Leben für die Kunst.

1. Materialbeschaffung

Woher kamen die Materialien?

Meist wurden die Utensilien „organisiert“, was hieß, dass sie durch Handel erworben oder gestohlen wurden. Es war nur möglich an Papier zu kommen, wenn man in der Verwaltung arbeitete oder zugeteilt war, Protokolle auszufüllen.

Worauf wurde gezeichnet?

Benutzt wurde alles was aus Papier bestand oder ähnlich war, das bedeutet, dass Zeitungen, die von den Offizieren gelesen wurden, verwendet wurden, aber auch Papierreste aus dem Mülleimer, Protokolle und im Zweifelsfall auch Kleidungsstoffe, die man abriss oder von anderen entwendete.

2. Zeichnungen

Die meisten Zeichnungen entstanden zwischen den Jahren 1943 bis 1945 und behandelten zahlreiche Themen. Oftmals war es das Alltagsgeschehen wie die Appelle und Zwangsarbeiten oder es waren Zeichnungen wie die Dokumentation der Natur, die Innenansichten der Baracken und politische Karikaturen. Gleichzeitig versuchte man sich abzulenken, indem man die umgebene Natur festhielt, religiöse Szenen oder Märchenfiguren zeichnete. Als Geschenk oder Tauschware dienten auch Portraits von geliebten Menschen. Die Ausübung von Kunst oder jeglichen anderen Aktivitäten war strengstens untersagt und wurde mit schweren Strafen geahndet.

3. Poesie & Prosa

Vor den brennenden Öfen
lernte ich Dinge.
Lernte ich Gedichte, von Häftlingen geschrieben
Geheim in den Nächten.
Ausdruck von Empörung und Vergeltung,
Quelle der Stärke und des Trostes.
Ich lernte, dass es noch Anderes in der Welt gibt,
das niemand konfiszieren kann.
Sogar dort.

(Batsheva Dagan)

Es wird geschätzt, dass rund 1200 Gedichte in unterschiedlichen Sprachen während der Inhaftierung entstanden sind. Oftmals nur mündlich wiedergeben und erst später niedergeschrieben, gab es kleinere ‚Vorlesungen‘, innerhalb derer vor allem Jüngere unterrichtet wurden und auch Gedichte aus dem Gedächtnis zitiert worden sind.

Kindergeschichten sowie Märchen wurden für die Kinder im KZ oder auch für die Kinder der Häftlinge außerhalb geschrieben und vorgetragen.

Anderseits ist in den Geschichten auch das Alltagsleben dokumentiert und Tagebücher über das Geschehen geführt worden.

4. Handwerkliche Kunst

Freundschaften gaben den Gefangenen halt und waren deshalb von besonderer Bedeutung, sie vermittelten Zuspruch und Mitgefühl. Um die gegenseitige Wertschätzung zu zeigen, wurden kleine Geschenke aus den unterschiedlichsten Materialien hergestellt.

Oftmals waren diese Geschenke Alltagsgegenstände, die im KZ von großem Nutzen waren, wie Besteck, Kleidung und Tücher. Aber auch Schmuck, Briefe und Spielzeug gaben Hoffnung.

Freundschaften funktionierten über nationale, politische und soziale Grenzen hinweg.

5. Musik & Veranstaltungen

In der wenig freien Zeit, die Häftlinge besaßen, versuchte man sich abzulenken, indem man kleine ‚Vorführungen‘, bestehend aus Gesang, Tanz und Theaterstücken, vorbereitete.

Diese mussten immer sehr kurz sein, weil sonst das Risiko erwischt zu werden zu hoch war, ebenso standen Beteiligte Wache und es durften nicht zu viele eingeweiht sein, da sonst gefürchtet werden musste, verraten zu werden.

Aber die Insassen nahmen dies auf sich, bauten Requisiten und Kostüme, um sich und seinen Mitgefangenen den Glauben an eine Zukunft und das Gefühl von Freude zu geben.

Es ist eine Weihnachtsfeier dokumentiert, die von der SS genehmigt und von Häftlingen organisiert wurde und im Winter 1944 stattfand. (Buch-Tipp: „Es war einmal ein Drache“ ein Kinderbuch von Bodo Schulenburg))

Heimlich wurden alte Kinderlieder gesungen, dabei musste nicht die gleiche Sprache gesprochen werden. Neben den Hoffnungsliedern existierten auch sogenannte Spottlieder, in denen über das Grauen und die Ungerechtigkeiten gesungen wurde.

6. Die Kunst danach

Durch die Befreiung aus dem KZ fand keine seelische Befreiung statt. Das erlebte Grauen war zu groß, um es einfach abschließen, weshalb sich viele entschlossen, Erlebtes aufzuschreiben und wiederzugeben.

Es dient oftmals als therapeutischer Zweck das Vergangene aufzuarbeiten, wichtig war vielen Beteiligten auch eine dokumentarische Sicht zu hinterlassen, um zukünftige Generationen aufzuklären.

„… was ich jetzt arbeite, werden immer wieder Dokumentarzeichnungen aus dem KZ. Ich muß es heraustun, …dies Erlebnis, das Sehen dieser Menschen und dieser Umgebung ist so einschneidend, hat mich so dicht an den seelischen Abgrund gebracht, daß ich es erst einmal bildlich loswerden muß.“ (Brief von Helen Ernst an Hans Grundig vom 05.10.1947)

Quelle:

Hauptausstellung auf dem Gelände der Gedenkstätte Ravensbrück