Opfergruppen

Vorwort

Die Arbeit in der KZ-Gedenkstätte war für unsere Gruppe anfangs schwer einzuschätzen, aber es war kein Vergleich zum Recherchieren in der Schule, wo man subtil aus einem Buch liest und sich dann Notizen macht. Sicherlich waren Vorort die Methoden dieselben; lesen und das notieren, was wichtig zu sein schien, doch wir hatten das Gefühl, dass jede Information eine schwerwiegende Bedeutung hatte, denn die Namen, welche man liest, waren nun keine Wörter mehr, sondern Leben; wahre Geschichten und aus diesen wurden Menschen, die Unfassbares erlitten hatten. Erst mit der Zeit wurde uns bewusst, wie bedeutsam all dies eigentlich war und ist. Es fehlte die Distanz zu den Begebenheiten, die Objektivität, denn die Historie, die uns umgab war allgegenwärtig und beständig. Erst als wir das ehemalige Lager verließen, war es uns möglich, wirklich Abstand davon zu nehmen.
Wir waren umgeben von Geschichte und das 24 Stunden lang.

Häftlingsgruppen

Die Häftlinge im Lager wurden durch unterschiedlich gefärbte Dreiecke, mit dem Anfangsbuchstaben ihres Herkunftslandes, gekennzeichnet. Die größte Gruppe machten die politischen Häftlinge aus, welche größtenteils aus Kommunistinnen und Sozialistinnen bestand. Schätzungsweise waren 70.000 Frauen mit dem roten Dreieck versehen. Mit jenen wurde mit dem Kriegsverlauf immer brutaler umgegangen, denn später wurden Frauen schon wegen kleinster Bemerkungen inhaftiert. Auch Liebesbeziehungen mit sogenannten „Fremdländischen“ stellten einen Verhaftungsgrund dar.
Das blaue Dreieck bekamen Immigranten. Der erste Transport dieser Frauen kam aus Österreich im Juni 1940, wobei 440 Häftlinge auf einmal eingelagert wurden. Die Auflagen gegen Immigranten waren vor der Deportation streng; so wurde im Oktober 1939 beschlossen, dass auch das Verlassen der Wohnung ausreichend war. Mindestens 2800 Frauen trugen das blaue Dreieck.
Jüdinnen trugen das gelbe Dreieck, wobei bis 1942 nur ca. 2800 Frauen mit dieser Kategorisierung inhaftiert waren. Da bis zum Frühjahr 1942 schon knapp 800 Jüdinnen durch Giftgas getötet worden waren und im Oktober desselben Jahres 522 nach Ausschwitz, durch die SS, deportiert wurden, sprach man ab diesem Zeitpunkt davon, dass Ravensbrück „judenfrei“ sei. Bis 1944 trugen nur noch wenige das gelbe Dreieck, denn erst nach der Räumung von Ausschwitz erfolgten weitere Massentransporte. Schätzungsweise gab es in dem ganzen Bestehen von Ravensbrück ca. 20.000 Jüdinnen vor Ort.
Die Gruppe der „Asozialen“; sie trugen ein schwarzes Dreieck, machte, mit 5.500 Gefangenen, in den Anfangsjahren die größte Gruppe aus. Zu ihnen zählten laut der nationalsozialistischen Denkart Obdachlose, Alkoholkranke und Frauen, welche man Vorwürfe wegen ihres Sexualverhaltens machte. Auch Sinti und Roma gehörten dazu.
Kriminelle trugen grüne Dreiecke. Man spricht von 1.100 Gefangenen, wobei ab 1943 auch Frauen aus einfachen Gefängnissen dazu kamen. Diese waren in Haft durch kleinere Delikte, wie das Stehlen von notwendigen Lebensmitteln, geraten. Sie fungierten oft als Funktionshäftlinge, weswegen andere Häftlinge diese Gruppe nicht mochten.
Die Bibelforscherinnen, sprich Zeugen Jehovas, waren schon zu Beginn eine große Gruppe, da die Bibelforschung schon ab 1933 verboten war und ihre negative Haltung gegen den Nationalsozialismus der SS ein Dorn im Auge war. Die Zeuginnen Jehovas machten dies deutlich, indem sie beispielsweise den Hitlergruß nicht vollzogen. Sie verweigerten den Personenkult um Hitler somit deutlich. Sie wurden mitunter wegen illegaler Arbeit oder Versammlungstätigkeiten verhaftet und lehnten auch die kriegsunterstützende Arbeit im KZ ab. Beispielsweise weigerten sich im Jahr 1939 Frauen Patronentaschen für die Armee anzufertigen. Ihre Entlassung konnten sie erwirken, wenn sie ihrer Religion abschworen.
Homosexuelle Frauen wurden im KZ nicht mit dem rosa Dreieck gekennzeichnet, da der Paragraf 175, welcher sich mit der gleichgeschlechtlichen Liebe befasste, nur auf das männliche Geschlecht bezogen war, und man Frauen nicht die Fähigkeit zugestand, eine sexuelle Identität aufzubauen. Sie waren mit dem schwarzen Dreieck markiert.

Herkunftsländer (eine Auswahl)

Tschechoslowakei
Frauen aus der Tschechoslowakei befanden sich schon früher im Lager, welches seit Mai 1939 bestand, denn schon im März 1939 annektierte das Deutsche Reich das Land und stellte es unter seine Verwaltung, weswegen mindestens 2000 Häftlinge dieser Nationalität mit einem roten Dreieck gekennzeichnet waren und somit als politische Häftlinge galten. Gleichzeitig verlief die systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.

Polen
Mit 36.000 Häftlingen machten die Polen die größte internationale Gruppe im Lager aus. Sie zeichnete einen starken Zusammenhalt aus; deutlich wurde dies in dem gegenseitigen Organisieren von Gegenständen. Im April 1940, am 1.September 1939 erfolgte der Überfall auf Polen, begann die Deportation von Frauen nach Ravensbrück, wobei sich der nationalsozialistische Terror besonders gegen Frauen mit einem hohen Bildungsgrad richtete. Die Anzahl der polnischen Häftlinge stieg im August 1944 mit dem Warschauer Aufstand, bei welchem ca. 12.000 willkürlich festgenommen wurden.

Sowjetunion
Die Wehrmacht überfiel die Sowjetunion am 22. Juni 1941, wobei erst im März 1942 die Deportation nach Ravensbrück begann. Während die SS ihren Raub- und Vernichtungskrieg führte, inhaftierten sie Frauen und nötigten sie zur Zwangsarbeit. Wenn sie sich weigerten wurden sie nach Ravensbrück verschleppt.
Gegen Frauen aus der Sowjetunion wurde willkürlich vorgegangen. So wurden mitunter ganze Dörfer in einer Region wegen starker Partisanenbewegungen verschleppt.

Frankreich
Am 22.Mai 1940 wurde Frankreich angegriffen.
Zwei Jahre danach begann die Deportation von Frauen, welche man des politischen Widerstandes beschuldigte. Sie waren meist nur kurz im Lager und wurden dann in Außenlager verlegt. Im April 1943 stieg die Anzahl der Häftlinge im Lager mit über 8000 neuen Insassen.
Die Aufseherinnen waren hart zu den Französinnen, da das Bild des sogenannten alten Feindes eine extreme Beständigkeit aufwies, weswegen schätzungsweise ein Fünftel der Frauen verstarben.

Norwegen und Dänemark
Die ersten Häftlinge erreichten das Lager im Jahre 1943, wobei fast alle Inhaftierten wegen Widerstandes gegen die Besatzung verschleppt wurden. Sie hatten jedoch den Vorteil ihrer nordischen Herkunft und wurden deswegen von den Aufseherinnen mitunter besser behandelt. Deutlich wurde dies durch die Möglichkeit, besser Kontakt zu den Verwandten halten zu können oder dem Überbringen von Lebensmittelpaketen durch das norwegische und dänische Rote Kreuz.

Spanien
Die spanischen Häftlinge wurden nicht in Spanien, sondern in Belgien und Frankreich festgenommen, und wurden auch oft für dieses Land kategorisiert, denn nach dem spanischen Bürgerkrieg 1936 und dem errichten der Franco-Diktatur 1939, flohen viele nach Norden. Es handelte sich meistens um Kommunistinnen und Sozialistinnen, welche ab Dezember 1943 deportiert wurden.

Ankunft im Lager
Die meisten Häftlinge wurden in Güterzügen deportiert und schon am Bahnhof Fürstenberg von den Aufseherinnen und deren Hunde erwartet. Von dort liefen sie zum Konzentrationslager Ravensbrück, wobei sie auch kleinere Siedlungen streiften. Später wurde dann durch die Reichsbahn ein Haltepunkt in der unmittelbaren Nähe errichtet.
Die Ankunft zeichnete sich durch stundenlanges Warten aus. In dieser Zeit wurden die Häftlinge ihrer persönlichen Gegenstände beraubt, wobei einige versuchten diese zu verstecken, und bekamen ihre Häftlingskleidung. Ihnen wurden die Haare geschoren; um Läusen entgegen zu wirken und dann in einen Duschraum geführt. Mit dem späteren Kriegsverlauf kam bei diesem Prozess jedoch Panik auf, denn die Gerüchte verbreiteten sich, sodass der Duschraum für den Tötungsraum gehalten wurde. Anschließend wurden sie durch einen Arzt untersucht und somit erneut gedemütigt.

Alltag
Der Tag begann für die Häftlinge schon um 3:30 Uhr. Es erfolgte die Zählung. Die Frauen wurden in fünfer Reihen aufgestellt, wobei die manchmal stundenlang stehen mussten, erst dann durften die Gefangenen in die Waschräume. Zu dieser Zeit musste das Bett schon vorschriftsmäßig gemacht worden sein. In den Arbeitskommandos erfolgte die Zwangsarbeit, wobei diese größtenteils im Freien stattfand. Wirkliche Pausen existierten nicht, denn nur mittags hatten die Häftlinge kurz Zeit, sich zu erholen. Bis zur Abendzählung wurde gearbeitet. Deutlich wird, dass es Freizeit im KZ nicht wirklich gab, denn selbst Feiertage wurden für Putzarbeiten verplant.


Lebensumstände

Ernährung
Im Vergleich zu den folgenden Jahren war die Verpflegung in der Anfangszeit von Ravensbrück besser, denn erst ab 1941 verschlechterten sich die Zustände erheblich. Die Gefangenen bekamen meist nicht alle Lebensmittel, die ihnen zustanden, denn selbst als die SS später das Schicken von Lebensmittelpaketen erlaubte, wurden diese von der SS geplündert. So bekamen die Insassen ab 1944 nur 200g Brot, einen Becher Ersatzkaffee und morgens und abends nur 500ml Gemüsesuppe. Diese Ausgaben wurden im Winter des genannten Jahres und des Folgejahres noch einmal reduziert. Man spricht von 100g Brot und einer Suppe aus Kartoffelschalen und Rübenresten. Es herrschte eine chronische Unterernährung.

Bekleidung
Bei der Ankunft wurde die persönliche Kleidung abgegeben. Zu Beginn erhielten die Gefangenen eine blaue Schürze und Kleider; ab 1940 bekamen sie gestreifte Kleidung, welche die Flucht erschweren sollte. Diese Kleidung wurde im KZ selbst hergestellt, da diese eine eigene Textilfabrik besaß. Ab Herbst 1942 kam man mit der Produktion nicht mehr hinterher, weswegen kurz darauf die beschlagnahmte Kleidung der Gefangenen ausgegeben wurde. Diese wurde zuvor mit eingesetzten Streifen oder Kreuzen aus Ölfarbe präpariert. Meist passte die Kleidung den Gefangenen nicht richtig, weswegen mitunter ein illegaler Tausch und auch Diebstahl stattfand. Schuhe wurden nur im Winter ausgegeben.

Unterbringung
Die Häftlinge lebten in Holzbaracken, welche auch als Block bezeichnet und eigentlich für den Reichsarbeitsdienst entwickelt wurden. In jedem Block existierten eine A- und eine B-Seite mit jeweils einem Schlafsaal, einem Tagesraum und auch einem Speisesaal. In der Mitter der beiden Seiten war der Wasch- und Toilettenraum, aber auch das Dienstzimmer für die Aufseherinnen. Ursprünglich war die Belegung der 430m² großen Baracken auf 100 Häftlinge festgesetzt. Später wurden dann, wegen der ständigen Zunahme von Häftlingen die Doppelstockbetten mit einer weiteren Etage ergänzt und die Aufenthaltsräume zu Schlafsälen umfunktioniert. Schätzungsweises lebten somit immer mindestens 500 Frauen in einer Baracke.

Hygiene
Durch die ständige Überbelegung musste sich der morgendliche Platz in den Wasch- und Toilettenräumen erkämpft werden. Wirkliche Körperpflege war durch den eh schon vorhandenen Mangel der Wachgelegenheiten kaum möglich, so auch das Waschen der Kleider und des Geschirrs. Durch das nicht Vorhandensein von für uns alltäglichen Dingen wurden frische Kleidung und auch Seife nur an bestimmte Häftlinge ausgegeben.
Besonders dramatisch war es für Frauen, welche Symptome wie Durchfall, oder ihre Menstruation hatten.

Funktionshäftlinge
Sie SS setzte Funktionshäftlinge in der Verwaltung und in den Versorgungseinrichtungen des Lagers ein oder übertrug ihnen die Aufsicht über die Mithäftlinge. Die Barackenälteste, Anweiserinnen der Arbeitskommandos und Lagerpolizisten, sollten für Ordnung und Disziplin sorgen. Auf diese Weise wollte die SS die Gefangenen gezielt gegeneinander ausspielen. Mit der Übernahme von Funktionen waren Vorteile verbunden. Funktionshäftlinge waren von schwerer körperlicher Arbeit befreit und wurden besser versorgt und untergebracht. Politische Häftlinge bemühten sich um diesen Posten, weil sie so u.a. Schaden von anderen Mithäftlingen abwenden konnten. Bei Hilfeleistung setzten sie sich allerdings der Gefahr von schweren Strafen aus. Die Rolle der Funktionshäftlinge variierte stark, und so existierte auch unter diesen Häftlingen eine bestimmte Rangordnung.
Die Lagerälteste stand an der Spitze der Häftlingshierarchie und leitete Weisungen der Lagerleitung weiter. Die Lager- und Revierläuferinnen mussten Befehle der Lagerleitung, der Oberaufseherin bzw. der SS-Ärzte, übermitteln und auch erkrankte Häftlinge ins Revier bringen. Die Blockältesten waren mit der Unterstützung der Stubenältesten für die Vorbereitung der täglichen Zählappelle sowie für Ordnung und Disziplin zuständig. Den SS-Blockleiterinnen gegenüber waren sie für alle Vorkommnisse verantwortlich.

Zwangsarbeit
Die Zwangsarbeit war ein wichtiger Bestandteil des KZ-Systems, denn durch diese wurde Ravensbrück ausgebaut und das Geld für die aufkommenden Kosten verdient. Neben den Arbeiten im Bau- und Transportwesen, gab es auch weniger harte Aufgaben, wie beispielsweise das Arbeiten in der Verwaltung, aber auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten im Lager und in der Gartenarbeit.
Das KZ stellte u.a. ihre Häftlinge für Aufgaben in Handwerksbetrieben und in der Landwirtschaft bereit. Allerding gab es auch sinnlose Aufgaben, wie zum Beispiel die Tätigkeit Sand hin und her zu schaufeln, welche auch als „Erziehungsmaßnahmen“ galten.
Die Arbeiten erfolgten immer unter Überwachung. Die Lebensbedingungen der Insassen hing immer von ihrer Arbeit ab. So hatten es Bauarbeiterinnen besonders schwer, weil die zu jedem Wetter draußen waren und ihre Arbeit körperlich sehr anstrengend war, während man in der Verwaltung geschützt vor den Umweltbedingungen war. Viele Arbeitskommandos arbeiteten in einer 12-Stunden-Schicht.

Strafen
Häftlinge mussten im Lager jederzeit mit Schlägen rechnen, denn die SS-Aufseherinnen und Bewacher misshandelten Gefangene mitunter aus nichtigen Anlässen. Häufig umgingen sie dabei, die in der Lagerverordnung, festgelegten Vorschriften. Die dort aufgeführten Strafen durfte nur der Lagerkommandant verhängen. Den Häftlingen, die zur Bestrafung gemeldet wurden, drohte Essensentzug, die Einweisung in den Strafblock oder Prügelstrafen. Gründe für Bestrafungen waren aus der Sicht der Täter Arbeitsverweigerung, Fluchtversuche, Protest und Widerstand, unzureichende Arbeitsleistung und der Fall einem Befehl nicht sofort nachgegangen zu sein.

Quelle:

Hauptausstellung auf dem Gelände der Gedenkstätte Ravensbrück