Das Janowska Orchester

Foltern, Misshandlungen und Erschießungen im Lager Janowska wurden von den Deutschen unter Musikbegleitung ausgeführt. Gewöhnlich traten die Orchestermusiker auf dem Hof im Zentrum des Lagers auf. Es waren inhaftierte Musiker. Im geschlossenen Kreis stehend, spielten sie zu Wehklagen und Geschrei der gequälten Opfer mehrere Stunden nacheinander eine und dieselbe Melodie – „den Tango des Todes“ – so nannten sie die Häftlinge. Wer hat sie geschrieben? Jemand von den gefangenen Komponisten. Sie wurde im Lager geboren und blieb auch dort zusammen mit den erschossenen Orchestermusikern, dem Leiter des Orchesters Professor Stricts und bekanntem Lwiwer Dirigenten Mund.

Janowski Orchester "begleitet" die Erschießung

Das Janowska Orchester „begleitet“ die Erschießung

Bei den Nürnbergerer Prozessen diente das Foto des Orchesters der Häftlinge des Konzentrationslagers Janowska als eines der Anklagedokumente. Der Fotograf hat den Augenblick der Aufführung des „Tango des Todes“ vom Orchester während der Todesstrafe der Gefangenen aufgenommen. Nach der Durchsuchung und dem Entdecken dieser Fotografie wurde er erhängt, und das Orchester gezwungen, den Tango neben dem Galgen zu spielen. Der Fotograf war Häftling Streinberg – der Arbeiter der Kanzlei des Lagers.

"Der Tango des Todes": Dieses Photo diente als Anklagematerial bei dem Nürnberger Prozess

„Der Tango des Todes“: Dieses Foto diente als Anklagematerial bei den Nürnberger Prozessen, USHMM (78708-01), courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

Vom Objekt der Aufnahme erzählt karg „Das Memorandum des Staatsanwalts“ 1944:
„Das Lwiwer Konservatorium und die Philharmonie wurden vertrieben, die Besatzer haben die Mehrheit der Musikprofessoren verhaftet und ins Lager Janowska getrieben“.

Aus den Dokumenten der Nürnbergerer Prozesse, Band drei folgt: „Kommandant des Janowska Lagers Wilhaus mochte es, mit einem Maschinengewehr vom Balkon des Lagerbüros auf Menschen zu schießen, die in den Werkstätten arbeiteten. Dies aus „sportlichen Gründen“ und auch zur Belustigung seiner Frau und Tochter. Dann übernahm seine Frau das MG und tat dasselbe. Um seiner neunjährigen Tochter zu imponieren, ließ er einmal zwei vierjährige Kinder als fliegende Ziele in die Luft werfen und schoss auf sie. Seine Tochter klatschte Beifall und rief:
„Papa, mach’s noch einmal! Papa, mach’s noch einmal!“ Er tat es“.

Knochenmahlmaschine im Janowska Konzentrationslager

Knochenmahlmaschine im Konzentrationslager Janowska, USHMM (67019), Belarusian State Archive of Documentary Film and Photography

Und das Orchester spielte. Der Vorgesetzte des Lagers hatte die Musik gern. Gerne hörte er dem Orchester während der Erschießungen zu. Walzer von Strauss. Er fand es komisch zu beobachten, wie Menschen zu den sorglosen Lauten der spielerischen Melodien auf die Erde fielen. Für Erhängte gab es den Tango. Und während der Foltern etwas energischeres, zum Beispiel, den Foxtrott. Abends spielte das Orchester unter seinen Fenstern. Etwas majestätisches dann, Beethoven wohl. Es spielte die erste Stunde, die zweite. Es war schon eine Folter für die Musiker. Die Hände der Geiger erstarrten, in feinen Strömen floss das Blut aus wunden Lippen der Trompeter …

Das Janowska Orchester

Das Janowska Orchester, USHMM (78710), Novosti Press Agency

„Der Tango des Todes“ … Für Tausende und Tausende wurde jene schmelzende Melodie der letzte Laut der Welt.

Diese Tragödie geschah kurz vor der Befreiung Lwiws durch die Rote Armee, als die Deutschen anfingen, das Janowska Lager zu liquidieren. An diesem Tag hat man 40 Menschen aus dem Orchester in einen Kreis gestellt. Die bewaffnete Wache des Lagers umzingelte die Musiker. „Musik!“ — befahl jemand, und der Dirigent des Orchesters Mund winkte wie üblich ab. Ein Schuss erschallte und als erster fiel der Dirigent der Lwiwer Oper Mund. Aber die Klänge des „Tangos“ ertönten weiter über den Baracken. Auf Befehl des Kommandanten ging jeder Orchestermusiker ins Zentrum des Kreises hinaus, legte das Instrument auf die Erde, zog sich ganz aus, danach klang der Schuss, der Mensch fiel tot um.

Der letzte aus diesem verdammten Kreis, in dessen Zentrum ein Berg von Instrumenten, Kleidung und Leichen der Musiker lag, war der Professor des Lwiwer Konservatoriums, der bekannte Komponist und Musiker Stricts. Die SS-Männer lachten voll Freude, zuschauend, wie der lebendige Ring der Musiker um den Professor taute, und noch lauter lachten sie, wenn er allein vor ihnen blieb und solo weiterspielte. Der Kommandant sagte:

„Der Tango des Todes. Das Kommando bedankt sich bei Ihnen für das Musizieren, es hat uns das wahrhafte Vergnügen bereitet“.

Aber der stolze Alte hat die Geige nicht auf die Erde gelegt. Mit einer feinen Geste des Virtuosen hat er den Bogen gehoben und, die Wange zum Instrument niedergeworfen, angefangen, zu spielen und das polnische Lied „Ihnen wird es morgen schlechter sein als uns heute“ auf Deutsch zu singen. Die höhnischen Lächeln sind von den Gesichtern der Wachmänner verschwunden. Nach Befehl des Kommandanten hat einer von ihnen auf den Professor geschossen.