Das Vergessen tötet zweimal

„32 hölzerne Baracken. Küche, Bunker, Betonbelag“… So beginnt ein treuherziges Lied, das von einer gewissen Sinaida verfasst wurde, die hinter dem stacheligen Draht des Konzentrationslagers Ravensbrück verschwand. Das Lied hat ihre Autorin überlebt.

Denkmal im Konzentrationslager Ravensbrück

Denkmal im Konzentrationslager Ravensbrück

Ähnliche Lieder – in allen Sprachen Europas – gab es viele. Die Lagerleitungen verboten das selbsttätige Schaffen nicht, manchmal ermunterten sie die Gefangenen sogar dazu, um von Aufruhr-Gedanken abzulenken. In einigen Konzentrationslagern erklärte man sogar einen Lagerhymne-Wettbewerb.

„Stellen Sie sich vor, die Hymne des Konzentrationslagers! So war es in Buchenwald, in Sachsenhausen. Dafür gab es sogar einen geldlichen Preis. Aber den bekam der Aufseher, der behauptete, dass er sie geschrieben habe“, – erzählt der Musiker Francesco Lotoro.

Francesco Lotoro ist ein namhafter Klavierspieler. Schon seit mehreren Jahren sucht er die Musik, die in den Konzentrationslagern geschrieben wurde. Ihm gelang es, 4 000 Werke, die zwischen 1933 und 1945 geschaffen wurden, zu sammeln.

Wie durch ein Wunder blieben verschiedene Manuskripte erhalten, darunter Schulhefte, Blocknotenblätter, sogar beschriebene Fetzen des Toilettenpapiers, welches nur Patienten bekamen, die an Dysenterie litten, zusammen mit einem Stück aktivierter Kohle, die als Bleistift diente. Unter den unmenschlichen Bedingungen, fast an der Schwelle der Gaskammer, konnten und wollten Menschen erschaffen.

Einmal im Monat nimmt Francesco Lotoro im Konzertsaal des Konservatoriums der Stadt Foggia Fragment für Fragment die musikalische Enzyklopädie der Konzentrations-Künste auf.

Ihm helfen professionelle Musiker, die Solisten der lokalen Oper. Ihr Ziel besteht darin, alle 4 000 gesammelten Werke unabhängig von ihrem künstlerischen Wert zu vertonen.

Dr. Herbert Zipper bei der 50. Jubiläumsaufführung des Dachauliedes. Graz, Österreich, September 23, 1988, USHMM, Paul Cummins

Nicht alle Werke, die hinter dem Stacheldraht verfasst wurden, hatten tragische Töne. Es gab sowohl sorglose Serenaden, als auch Liedchen für das Kabarett. Denn niemand dachte, dass der Tod morgen kommt. Alle hofften darauf, zu überleben.

Es gab mittelmäßige Musik, aber auch tatsächlich große, vom Musiker manchmal titanische Bemühungen fordernde Musik.

Die Klaviersinfonie des Tschechen Viktor Ullmann, der in der Gaskammer von Auschwitz erdrosselt wurde, repetierte Francesco Lotoro 2 Jahre. Als er sie aufgezeichnet hatte, war er an der Grenze seiner physischen und psychischen Kräfte. Ein ganzes Jahr danach setzte er sich nicht an das Klavier.

Viktor Ullmann Sonata No 6 Op 49 – III Presto, Ma Non Troppo:

„Die Bedeutung dieser Musik wird erst in 15 Jahren offensichtlich sein. Die folgende Generation wird sie wie einen Teil des weltweiten Kulturerbes wahrnehmen, und auf den Konzertplakaten werden daneben die Namen Mozarts, Beethovens und Ullmanns stehen“, – glaubt Francesco.

Diese Musik war Jahrzehnte lang unbekannt. Sie wurde im Konzentrationslager geboren und ist im Konzentrationslager zusammen mit dem Autor gestorben.

Erst jetzt wird ihr ein neues Leben gegeben. Die Musiker halten die Arbeit für ihre Pflicht. Denn das Vergessen tötet zweimal.