Der Kaiser von Atlantis

Nach der Besetzung Tschechiens entstand in der Nähe des Städtchens Terezín (auch Theresienstadt) ein „vorbildliches“ Konzentrationslager, in dem es außer Baracken und dem Krematorium eine Schule, ein Krankenhaus, einen Klub und ein Theater gab. Terezín zeigte man von Zeit zu Zeit den Journalisten und „den Vertretern der internationalen Öffentlichkeit“, um die Mitteilungen über die Massenvernichtung der Juden in Nazideutschland zu widerlegen. Den bedeutenden Gästen führte man Kinder-Matineen und Vorstellungen vor, im Konzentrationslager gab es ein eigenes Orchester.

Das jüdische Ensemble in Theresienstadt

Das jüdische Ensemble in Theresienstadt, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Deshalb wurden dorthin systematisch Menschen der Kunst gebracht. Unter ihnen waren einige hervorragende Komponisten, die in die Geschichte der Musik als „die Terezíner Vier“ eingingen: Erwin Schulhoff, Paul Haas, Gideon Klein und Viktor Ullmann. Allen Gefangenen von Theresienstadt war klar, dass ihnen die Vernichtung bevorstand. Und die Musik, die im Konzentrationslager geschrieben wurde, war eine im Angesicht des Todes komponierte Musik.

Der Tod ist auch die handelnde Person der Oper „Kaiser Atlantis“, geschaffen im Herbst und Winter 1943-44 in Theresienstadt vom Komponisten Viktor Ullmann, deren Bühnenpremiere erst 1975 stattgefunden hat. Der Kaiser Atlantis – der beklagenswerte und grausame Diktator, der mit Staatsangehörigen wie mit Hunden umgeht, – entscheidet, dass er Herr über Leben und Tod ist. Niemand wagt, ihm zu widersprechen. Niemand außer dem Tod selbst: „Wer sterben wird und wer nicht, kann nur ich entscheiden!“. Der Tod streikt, und alle Staatsangehörigen werden unsterblich. Am Anfang ist der Kaiser sogar zufrieden und erklärt den Soldaten die Unsterblichkeit als ein Geschenk des Herrschers. Aber was soll man machen, wenn alle unsterblich sind? Und für immer? „Der liebe Tod, komm!“ – flehen die Bewohner von Atlantis. Der Tod stimmt zu, aber unter einer Bedingung: der erste, den er mitnehmen wird, ist der Kaiser.

Viktor Ullmann "Der Kaiser von Atlantis"

Viktor Ullmann „Der Kaiser von Atlantis“

„In einem Jahrhundert, in einem Lande“, – so werden im Libretto der Ort und die Zeit der Handlung von „Kaiser Atlantis“ beschrieben. Der Kaiser ist ein kleiner Kielkropf, der von der Suite aus den handelnden Personen mit Spitznamen „Lautsprecher“, „Bubikopf“, „Harlekin“, „Trommler“ umgeben ist. Mit ihrer Hilfe führt der Selbstherrscher den unendlichen Krieg „alle gegen alle“.

Aus der Dunkelheit der Szene, die rundweg ohne Dekorationen ist (abgesehen von dem Tisch, einem Paar Stühle und „Der Großen Wand“, die aus den echten Kartoffeln quadratumlaufend aufgebaut wurde), erscheinen die handelnden Personen, die in groteske Anzüge bekleidet sind, ohne Attribute einer bestimmten historischen Epoche. Der Kaiser schwebt in einem Vogelkäfig. Die übrigen handelnden Personen (zum Beispiel der schwatzhafte „Lautsprecher“) bleiben auch von Zeit zu Zeit in der Luft hängen, wie gehorsame Marionetten. Die Kartoffeln werden mal nach der Bestimmung (für die Brühe) verwendet, mal verwandeln sie sich in Geschosse.

Oper "Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung" von Viktor Ullmann

Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ von Viktor Ullmann, Théâtre National Populaire

Aber die Hauptheldin dieser Aufführung bleibt die Musik. Den alttestamentlichen Pathos zum Hauptprinzip machend („Tod! Wo ist dein Stachel? Hölle! Wo ist dein Sieg!“) vereint Ullmann die Tragik und die Posse.

In Theresienstadt wollte man die Oper von Ullmann aufführen, aber weiter als zu Proben kam es nicht: die Vorstellung wurde verboten. Einige Monate später wurde der Komponist nach Auschwitz deportiert, wo er im Oktober 1944 starb. Erst am 16. Dezember 1975 wurde die Oper in Amsterdam unter der Leitung des holländischen Dirigenten Kerry Woodward uraufgeführt.