Die diabolische Symbiose des ethischen Übels und der ästhetischen Schönheit

Einem interessanten Thema geht in seinem Essay „Die Tränen des SS-Mannes“ der polnische Musikhistoriker Krzysztof Bilica nach: der Gestalt des von der Musik gerührten SS-Mannes.

Das Bild ist in vielen Lebenserinnerungen der Zeitzeugen zu finden und hat sich in der Literatur und im Kino etabliert.

Dezember 1949. Das innere Gefängnis des Ministeriums der öffentlichen Sicherheit in der Straße Koschikowa in Warschau. Der zukünftige polnische Historiker, Publizist und Politiker Władysław Bartoszewski wurde in eine Zelle mit Kriminalkommissar und SS-Führer Erich Engels eingewiesen. „[Er] war, — erinnert sich Bartoszewski, — für das Lager in Izbica — […] das Durchgangslager bei Judendeportationen in die Vernichtungslager in Bełżec und Sobibór verantwortlich — wo über vier Tausend Juden erschossen wurden […]. Einmal hörten wir die von den oberen Stockwerken kommende Musik. Im Radio wurde Bach übertragen. Engels stand beim offenen Klappfenster und weinte. Wie denn, — fragt sich Bartoszewski, — wurde dieser sentimentale Mensch aus einer spießbürgerlichen Familie Mörder?“

Wenden wir uns einem anderen Beispiel zu. Theodor Lise, der Musiker des Lagerorchesters in Auschwitz, erinnert sich:

„Zu uns in das Orchester (die Musikstube) kam jemand namens Palitsch. Ein einmaliger Bandit. Aus dem Kleinkalibergewehr […] hat er einige Hunderte Häftlinge erschossen. Wir spielten „Die Unvollendete“ [Sinfonie] von Schubert, und in seinen Augen waren Tränen“.

Lagerorchester Auschwitz

Lagerorchester Auschwitz, USHMM (81216), Instytut Pamieci Narodowej

Die musikalischen Vorlieben der Naziverbrecher waren manchmal unerwartet.
Der Komponist Simon Laks, der im Lager dadurch überlebte, dass er ins Lagerorchester geriet, erzählt merkwürdige Sachen:

„Der SS-Unterscharführer Heinrich Bischop liebt… die jüdische Musik über alles. Er ist zu uns heimlich […] gekommen; Bischop hat mit uns das schweigsame Abkommen geschlossen. Während seiner „musikalischen“ Besuche bemühten wir uns, dass man uns nicht „am Tatort“ erwischte. Einer von uns stand an der Tür, um uns im Falle irgendwelchen plötzlichen unerwünschten Besuches zu benachrichtigen. Die Musiker spielten leise, nicht nur damit man sie draußen nicht hörte, aber auch weil jüdische Melodien, wenn sie leise gespielt werden, rührender klingen und mehr Emotionen herbeirufen. Bischop war im siebenten Himmel“.

Er war nicht der einzige SS-Mann, der die Lagermusiker besuchte.

„Rottenführer Perry Broad, — setzt Laks fort, — ist wohl der häufigste Gast und der treue Freund unseres Orchesters. Die neugierige, farbenreiche, beunruhigte Erscheinung. Er ist in gewisser Weise Wunderkind. Er war noch nicht 22 Jahre alt […], und er hat sich schon auf das Amt des Vorgesetzten der politischen Abteilung in Birkenau […] durchgesetzt. Gerade er entscheidet über das Schicksal von nicht nur einzelnen Häftlingen, sondern auch […] von ganzen ethnischen Gruppen. „Das Schicksal“— das heißt, den Tod in den Gaskammern […]. Im Laufe des Prozesses, der in Frankfurt am Main stattfand, handelte es sich um zahlreiche Verbrechen, die in Birkenau von diesem Milchbart begangen wurden. Aber niemand hat […] seine hervorragenden musikalischen Fähigkeiten erwähnt — nicht als mildernde Umstände, sondern auch als das einfaches Beispiel einer selten begegnenden Kombination […] — die fassungslose Kriminalität und der Gipfel der Virtuosität […“] — schließt Laks.

Vor der Hinrichtung des Häftlings Hans Bonarewitz im KZ Mauthausen spielt eine Häftlingskapelle

Vor der Hinrichtung im KZ Mauthausen spielt eine Häftlingskapelle, Fédération Nationale des Déportés et Internés, Résistants et Patriotes (FNDIRP)

Der Nationalsozialismus maß der Musik große Bedeutung bei. Der Historiker des Dritten Reiches Richard Grunberger bemerkt:

„Sofort nach der Machtergreifung hat das Regime das ganze Land in die Musik wie ins Lebenswasser eingetaucht“.

Es erschienen jedoch schon neue Regeln, wo, wann und welche Musik zu spielen war. Bevor man in den Konzentrationslagern begonnen hat, die Selektion der dorthin gelieferten Menschen durchzuführen, hat man die Selektion der Musik und ihrer Schöpfer durchgeführt. Man hat die „entartete“ Musik bestimmt, die verstummen sollte. Dafür klang allerseits die „rassenreine“ Musik, und besonders die nützliche Musik: Hymnen, Märsche, Massenlieder. Oft ertönte sie dort, wo sie ungehörig war. Ihre Funktionen haben sich geändert, und sie haben sich radikal geändert.

In den Konzentrationslagern stellte man ihr die Aufgaben, die sie bis zu jener Zeit nirgends und niemals erfüllte. Statt zu erfreuen, sollte sie unterdrücken; statt angenehm zu sein, sollte sie das Leben sauer machen; statt zu begeistern, sollte sie Angst säen.

„Niemandem wäre es eingefallen, — erinnern sich überlebende Häftlinge, – dass man den Gesang als Folter verwenden kann, und doch war es so und […], es war eigentlich nicht der Gesang, sondern das unmenschliche Heulen oder Gebrüll der malträtierten Menschen, die von den körperlichen Übungen [dem sogenannten Sport] abgequält waren und gleichzeitig den Rachen aufsperren sollten“.

So geschah es, dass man in vielen Lagern unterwegs zur Arbeit und zurück vom Spiel des Orchesters begleitet wurde.

„Wir kehren von der Arbeit zurück, — erzählt Romana Duratschowa. — Das Lager ist immer näher. Das Lagerorchester in Birkenau spielt spritzige Märsche, modische Foxtrotts. Das ganze Innere kommt hoch. Wie wir diese Musik und diese Musikerinnen hassen! […]. Diese Musik ist gerufen, Übermut hinzuzufügen, uns zu mobilisieren, dem Signal des Kampfrohres ähnlich, von dem sich während der Schlacht sogar die verreckenden Schindmähren erheben“.

Am furchtbarsten war dort die Musik für den Tanz … für den Tanz des Todes. Stefan Krukowski erinnert sich, dass „1943—1944 in Mauthausen, wenn der zum Tod durch den Strang Verurteilte auf dem Stuhl mit der Schlinge um den Hals stand, das Orchester den „Abschiedsschlager“ „Komm zurück“ spielte“.

Das Orchester des Ghetto Theresienstadt

Das Orchester des Ghetto Theresienstadt, Yad Vashem Photo Archives, 4613/661

 

In den deutschen Lagern wurde die diabolische Symbiose des ethischen Übels und der ästhetischen Schönheit in die Tat umgesetzt oder, wie es Laks nannte, die fassungslose Kriminalität und der Gipfel der Virtuosität.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde eine Menge Muster utilitaristischer Musik geschaffen. Solche Musik diente vor allem dazu, das Leben ihrer Zuhörer angenehmer zu machen, obwohl sie auch ihren Schmerz äußerte, der vom Tod der Nächsten verursacht wurde. Aber niemals gab es Musik, die von vornherein diejenigen psychisch zerreißen und demütigen sollte, die im Angesicht des Todes standen. Und gerade solche Rolle dachte ihr der Nationalsozialismus zu. Er hat sie in den Lagern in die Schandarbeit eingespannt, dem Tod ausgesetzte Menschen zu demütigen.

Und auch heute klingt ab und zu noch Musik, die tückisch verwendet wird, um ideologische Gegner psychisch zu brechen…