‚Alltag im KZ‘

Gedenkstätte KZ Theresienstadt ¹

Wie im obigen Text schon genannt  waren Kinder in den Konzentrationslagern unerwünscht und wurden deswegen so schnell wie möglich vergast. Eine logische Schlussfolgerung daraus wäre, dass es nicht viele Kinder in den Lagern gegeben hat, die dort längere Zeit überlebten. Doch diese These erweist sich als falsch. Durch Tricks der Häftlingsverwaltung, mutige Helfer und die miserable Großorganisation der NS gab es außerordentlich viele Kinder in den Lagern.

Doch der Lageralltag war hart, viele Kinder starben, bevor sie in die Gaskammern kamen. Das Prinzip des Stärkeren dominierte den Alltag. Jedoch muss man hier wiederum differenzieren zwischen dem Alltag in einem Konzentrationslager wie Theresienstadt, welches eine Mischung aus Ghetto und Konzentrationslager darstellte[1] und den Konzentrationslagern, wie zum Beispiel Auschwitz, was ein Arbeits- und Vernichtungslager war, und vom welchen hier die Rede ist.

 Zum Alltag im Konzentrationslager gehörte die strenge Geschlechtertrennung. Es gab viele verschiedene kleine Lager , die noch mal unterteilt wurden, und wo die Häftlinge sich in Baracken aufhalten und schlafen mussten. Auch den Kindern wurde eine Häftlingsnummer auf dem Arm tätowiert, sie wurden geduscht und rasiert. Nachdem die Kinder als Häftling registriert waren, begann die Selektion. Man kann sagen, dass in der Regel Kinder unter 12 Jahren zu schwach zum Arbeiten waren und deswegen so schnell wie möglich vergast, erschossen oder erschlagen wurden. Nicht nur Vergasung, sondern auch Spritzungen und Experimente sollten bei der Behandlung von Kindern berücksichtigt werden. So kam es vor, dass Kinder unter einem Vorwand in ein Krankenlager gerufen wurden, sich dort in eine Reihe aufstellen mussten und dann nacheinander ein tödliches Gift gespritzt bekamen. Außerdem wurden immer wieder Kinder als Versuchspersonen selektiert, was sie vor dem sofortigen Tod schützte. KZ Ärzte, wie zum Beispiel Dr. Mengele oder SS-Arzt Kurt Heißmeier , führten schreckliche medizinische Versuche an den Kindern durch, wie sie mit Tuberkulose zu infizieren und danach die Lymphdrüsen ohne erwiesenen wissenschaftlichen Grund zu entfernen. Infolgedessen starben viele Kinder während der Versuche.[2]

 Auch die Kinder hatten oftmals eine Vorahnung, was auf sie zukommen würde wenn sie nicht zum Arbeiten ausgewählt wurden, und so kam es immer wieder vor, dass Kinder bei der Selektion ein höheres Alter angaben, als sie wirklich hatten. Manchmal gelang es den Kindern dadurch, wirklich auf die Seite der Arbeiter zu kommen und dem Tod kurzfristig zu entgehen.

Der schreckliche Durst, der ungemeine Hunger und die mangelhafte Hygiene beherrschten das Alltagsleben der Kinder.  Eine Zeitzeugin berichtet: „Durst machte mir weit mehr zu schaffen als Hunger. Wer nie wirklich und wiederholt gedurstet hat, hat mehr Sympathie mit den Hungernden. Aber man muss nur bedenken, wie lange es dauert, bevor ein Mensch verhungert, und im Gegensatz dazu, wie schnell er verdurstet. Dementsprechend ist der Durst qualvoller als der Hunger“[3]  Der große Durst hat die Kinder manchmal sogar dazu gebracht unreines, verpestetes Wasser zu trinken, das sie im Lager finden konnten. Auch wenn der Durst schwerwiegender war als der Hunger, war auch er von großer Bedeutung. Die kargen Essenrationen, üblicherweise Suppe, machten nicht ansatzweise satt und die Kinder magerten bis auf die Knochen ab. Kinder die für Experimente ausgewählt wurden, waren hier eine Ausnahme, da sie oftmals größere Essensrationen bekamen. Die hygienischen Verhältnisse waren schlecht. Hemden wurden nur alle zwei Wochen ausgetauscht und die Kinder waren oftmals nicht dazu fähig, ihr Hemd in dem überfüllten Waschräumen selber zu waschen, und wollten es auch nicht, denn dann hätten sie es nass wieder anziehen müssen und hätten nachts in einem nassen „Bett“ gelegen. Durch die mangelnde Hygiene im Lager breiteten sich Epidemien besonders schnell aus und die geschwächten Körper der Kinder und Alten fielen ihnen oftmals zuerst zum Opfer. Zweimal am Tag, jeweils vor und nach den Arbeitszeiten der Erwachsenen, fanden Appelle statt. Diese dienten der Überprüfung und Zählung der Häftlingen. Bei tausenden von Menschen kam man sich vorstellen, dass sich diese Apelle ungemein in die Länge zogen. Stimmte die Zahl der Häftlinge nicht mit der von den NS aufgezeichneten überein, mussten alle solange stehen bleiben, bis der Fehler gefunden wurde. Teilweise fanden auch Selektionen während der Appelle statt.

Eine Überlebende berichtet zu den hygienischen Verhältnissen und den Appellen:

„Die Zustände dort waren unvorstellbar. Man lag in Kojen, zusammengepfercht wie Sardinen. (…) Den größten Teil der Zeit verbrachte man beim Zählappell. Man stand im Freien, in Eiseskälte oder Regen, vollkommen unzulänglich bekleidet, fünf lange Reihen, und wartete darauf, abgezählt zu werden. (…) Es war streng verboten, sich zu bewegen, und da diese Prozedur manchmal Stunden und Stunden dauerte, kann man sich vorstellen, was das für Menschen bedeutete, die fast ausnahmslos an Durchfall litten. Auf Deutsch: Man stand da, mit fürchterlichen Krämpfen, während die Scheiße einem an den Beinen herunter lief.“[4]

Man kann sich vorstellen, dass dieses stundenlange Stillstehen, welches im Normalfall circa eineinhalb Stunden dauerte, für Kinder, die einen natürlichen Bewegungsdrang  und eine besonders schlechte körperliche Konstitution besaßen, besonders qualvoll war.

Kinder hatten im Konzentrationslager außer den Appellen und den Essenszeiten nichts zu tun und hatten sich in dem ihnen zugeteilten Lagerbereich aufzuhalten. Deswegen sollte man auch auf das Spielverhalten der Kinder eingehen. Das Verhalten der Kinder lässt sich nicht verallgemeinern, denn es hing von dem Charakter des Kindes und seiner körperlichen und psychischen Verfassung ab. Außerdem konnte man feststellen, dass das Spielverhalten der Kleinen sehr wohl von den grausamen Eindrücken und Erlebnissen im Lager beeinflusst wurde. Anstatt „Mutter, Vater und Kind“ zu spielen oder andere Rollenspiele, die man bei Kindern im normalen Umfeld beobachten kann, spielten sie Apelle nach, hoben Gruben für Totengräberspiele aus und dachten sich Mutproben aus, wie so nah wie möglich an den elektrischen Zaun zu gelangen. „Aus Erde machten die Kinder eine Grube, in die sie ein Steinchen nach dem anderen schoben. Das sollten Menschen sein, die ins Krematorium kamen“[5] Die Kinder verarbeiteten ihre Erlebnisse jedoch auch auf anderen Wegen. Es ist sehr auffällig das viele Kinder Gedichte,  oder Lieder schrieben und Bilder malten, in denen sie ihre Erlebnisse festhielten. Viele Kinder und Erwachsene fanden Trost in Liedern, die sie kannten und schrieben. Ruth Klüger verfasste als Kind während ihres Aufenthalts in Auschwitz mehrere Gedichte, aus denen man entnehmen kann, wie viel die Kinder doch von den Geschehnissen im Lager verstanden, eines lautet:

„Täglich hinter den Baracken. Seh ich Rauch und Feuer stehn. Jude, deinen Nacken, Keiner hier kann dem entgehn. Siehst du in dem Rauche nicht. Ein verzerrtes Angesicht? Ruft es nicht voll Spott und Hohn; Fünf Millionen berg‘ ich schon! Auschwitz liegt in meiner Hand, Alles, alles wird verbrannt!“[6]

(Fünf Millionen war ein geschätzter Wert, der als Gerücht im Lager kursierte, in Wirklichkeit waren es bis dahin in diesem Lager weniger.)

Man erwartet außerdem nicht unbedingt, dass es selbst in dieser scheinbar ausweglosen Situation immer noch Menschen gab, die die Kinder versuchten zu erziehen und ihnen Bildung zukommen zu lassen. Viele Kinder waren sehr wissbegierig und wollten lernen, andere waren so erschöpft und traumatisiert, dass sie sich dagegen sträubten, an den Lerngruppen teilzunehmen oder es einfach nicht konnten. Diese Lerngruppen, die oftmals von ehemaligen Lehrern unter den Häftlingen organisiert wurden, waren natürlich von den NS verboten und die Mitglieder wurden bei Entdeckung bestraft. Deswegen wurden die Kinder darin trainiert im Falle einer überraschenden Kontrolle ihre wenigen Schulmaterialien schnell verschwinden zu lassen und zu erlaubten Beschäftigungen wie Singen und Tanzen überzugehen. Der Unterricht im Lager konnte für die Kinder durchaus wichtig sein, um sich besser verständigen und länger im Lager halten zu können. Beliebtes Fach war deswegen die Lagersprache Deutsch. Die Lerngruppen waren für die Kinder eine Abwechslung vom tristen Leben im Lager und ein Hoffnungsfunken, dass ihnen das Gelernte irgendwann weiter helfen würde. Die Kinder mussten lernen, sich gegenseitig zu vertrauen, um sich gegenseitig schützen zu können.


[1]  Vgl. Brenner-Wonschick, Hannelore, Knaur, Die Mädchen von Zimmer 28, S.55-59

[2] Vgl. http://www.christen-und-juden.de/html/holocaust/kinder_im_KZ.htm, Stand 26.02.2012

Vgl. http://www.stiftung-denkmal.de/jugendwebsite/r_pdf/georges.pdf , S.3, Stand 26.02.2012

[3] Klüger, Ruth, Wallstein, weiter leben, S.118

[4] http://www.polish-online.com/polen/staedte/kz-auschwitz-birkenau.php, Stand 26.02.12

Zitat  : Anita Lasker-Wallfisch: Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz

[5] Adolphs, Lotte, Walter Braun Verlag Duisburg, Kinder in Ketten, S.62 Schwarzberg

[6]Klüger Ruth, Wallstein, weiter leben, Ausschnitt eines Gedichtes verfasst von Ruth Klüger

¹ Foto aufgenommen und zur Verfügung gestellt von Vivian Heintz