Befreiung und ihre Auswirkungen

Gitter

Gedenkstätte KZ Theresienstadt 1

Grundsätzlich ist es geradezu unmöglich, ein Kapitel über die Befreiung und ihre Auswirkungen zu verallgemeinern. Eine einfache These wäre zum Beispiel: Nach der Befreiung waren alle glücklich und fuhren nach Hause. Sie lebten ihr altes Leben weiter und wurden zu der Persönlichkeit, die sie auch vor ihrer Zeit im KZ waren. Doch dies entspricht schlichtweg nicht der Wahrheit. Viele Kinder wurden in der Lagerzeit geboren und geprägt. Sie kannten kein normales, behütetes Leben. Ihre Persönlichkeit formte sich im Lager ebenso wie ihr Verhalten. Viele Kinder waren auch nach ihrer Entlassung misstrauisch, aggressiv, ruhelos, verunsichert, depressiv und feindselig. Außerdem waren sie körperlich geschwächt und hatten oftmals Sprachstörungen. Kurz vor der Befreiung tat die SS alles, um die Häftlinge aus dem KZ zu bringen.[1] Sie versuchten die Häftlinge aus dem Osten nach Westen zu schaffen. Bei diesen langen und anstrengenden Märschen kamen viele weitere Kinder um. Einige wenige hatten das Glück, auf diesen langen Märschen eine Fluchtmöglichkeit zu finden. Wer doch ein Auffanglager erreichen konnte, musste oftmals gegen die vorherrschenden Seuchen ankämpfen. Der letzte vergebliche Versuch der Nationalsozialisten die Lager zu räumen, bevor die Sowjettruppen eintrafen, bestand darin alle  Kinder erschießen[2] und die Kranken mit Giftspritzen töten zu wollen. Bei ihrer Befreiung durch die Sowjettruppen und später auch die US Army, 1944-1945, übernahmen natürlich die Glücksgefühle der Kinder Überhand. Sie lachten und tanzten und fühlten sich frei. Ein internationales Lagerkomitee sorgte dafür, dass viele Kinder bis zum Sommer, in Heimen aufgenommen oder in Fürsorge gegeben wurden. Doch die Kinder, die an der Hoffnung festgehalten haben, dass ihre Eltern noch leben könnten, wurden meistens enttäuscht.

Durch die Verbindungen der internationalen Hilfskräfte leben heute Kinder, die aus dem KZ befreit wurden, rund um die Welt. Die große Schwierigkeit, die nun auf die Kinder zukam, war, dass sie sich ein neues Leben aufbauen mussten. Sie mussten lernen, ihre alten Verhaltensweisen abzulegen, die im Lager zum Überleben notwendig waren. Für das Überleben im KZ war das Lügen und Stehlen oftmals unerlässlich. Dies erwies sich bei manchen Kindern im späteren Alltag als fatal. Denn sie mussten sich an einen Alltag anpassen, der für sie völlig fremd war, neue Freunde finden und lernen zu vertrauen.  Für alle Kinder gab es unterschiedliche Probleme und Schwierigkeiten. Auch mit den tragischen Erlebnissen ihrer Kindheit gehen alle unterschiedlich um. Viele ehemalige Häftlinge versuchen ihre Erinnerungen zu verdrängen und konzentrierten sich nach ihrer Befreiung darauf, ein neues Leben und eine komplett neue Persönlichkeit aufzubauen. Oftmals wurde diese Reaktion aber mit Albträumen und Schuldgefühlen begleitet. Eine andere Reaktionsweise ist die des Auseinandersetzens mit dem Erlebten. Einigen Überlebenden war es möglich, einen Lebenssinn in der Aufklärung der Menschen und in den Berichten über das Erlebte zu finden. Jedoch ist diese Form der lebenslangen Auseinandersetzung für den Betroffenen natürlich sehr schwer.

Doch es ist eine Tatsache, dass dieses Verbrechen, das die Kinder miterleben mussten, unheilbare Wunden hinterließ, die niemals ganz verheilen werden, „…sie sind nie geheilt, und kaum werden sie berührt, beginnen sie, von neuem zu bluten“[1]


[1] Lotte Adolphs, Walter Braun Verlag Duisburg, Kinder in Ketten, in: Vegh,143, S.134

Vgl. http://www.buchenwald.de/index.php?p=140, Stand 26.02.2012


1 Foto aufgenommen und zur Vefügung gestellt von Vivian Heintz

[1] Klüger Ruth, Wallstein, weiter leben, S.164-168

[2] Brenner-Wonschick, Hannelore, Knaur, Die Mädchen von Zimmer 28, Vgl. S.321-323