Hoffnungen und Gefühle der Kinder

 „In der der vergangenen Nacht hatte ich einen herrlichen Traum. Ich träumte, dass ich zu Hause war, ich sah unsere Wohnung und unsere Straße ganz deutlich. Jetzt bin ich enttäuscht und ganz verloren, weil ich auf der Pritsche statt zu Hause in meinem Bett aufgewacht bin. Aber vielleicht war das irgendein Vorzeichen eines baldigen Endes. Dann müsste es eine dauernde „Lichtsperre“ in ganz Deutschland geben.“[1]

Die Hoffnung erhielt die Kinder am Leben. Sie hofften auf ein Ende der Qualen, darauf, ihre Eltern wiederzusehen und nach Hause zurückzukehren. Viele Kinder begriffen, was in den Konzentrationslagern auf sie zukommen würde. Doch wie sollen Kinder das unbegreifliche Verbrechen verstehen, wenn es noch nicht einmal alle Erwachsenen konnten. Die Hoffnung war für den Lebenswillen unerlässlich, genauso wenig wie das Zweifeln. Denn „die Hoffnung ist ja an und für sich zukunftsorientiert.“ [2] Viele Kinder zweifelten daran, dass , das was sie gehört hatten, auch wirklich geschehen würde und hielten fest an den Glauben, dass alles gut werden würde. Teilweise malten sie sich ihre Befreiung aus und die Möglichkeiten, anderen Leuten über ihr Schicksal zu berichten. Die Träume und Gedanken gaben ihnen Trost. Doch klar ist auch, dass viele Kinder der Lageralltag, die schrecklichen Erlebnisse und die Qualen, je nachdem wie lange ein Kind schon im Lager war, emotional abstumpften.

Außerdem verunsicherte sie der Zynismus, der im Lager jeden Tag gebraucht wurde und dessen Doppeldeutigkeit für sie nur schwer zu verstehen war.  Schimpfwörter und unanständige Wörter gehörten bald zu ihrem normalen Wortschatz dazu und niemand schämte sich, diese zu benutzen.  Doch auch wenn die Kleinen so taten, als wenn sie mit der Situation umgehen könnten, und anderen Kindern von schrecklichen Erlebnissen erzählten, ohne eine Träne zu vergießen, ist klar, dass dies in den meisten Fällen eine Art Selbstschutz war, um ihre Gefühle zu unterdrücken. Ein Beispiel hierfür war ein Mädchen , dessen Vater im Sonderkommando war und bei der Beseitigung der Leichen geholfen hatte und ihr alles anvertraute, was er wusste. Ihr Wissen über die Krematorien und die Leichenschändung vertraute sie den anderen Kindern, ohne mit der Wimper zu zucken an, und bei jedem Einwand, dass es ja vielleicht doch anders zugehen könnte, schüttelte sie einfach den Kopf. Dass sie auch nur ein Kind war, das mehr erzählte als es verarbeiten konnte, zeigte sich als mitten am Tag ein Lastwagen voll Leichen durch das Lager fuhr und sie schreiend davon lief.[3]

 


[1] Weissova, Helga, Elefanten Press, Kinder im KZ, zitiert nach Stanic, 1979, S.111

[2] Klüger, Ruth, Wallstein, weiter leben, S.116

    Vgl. Klüger Ruth, Wallstein, weiter leben, S. 104-107

[3] Klüger, Ruth, Wallstein, weiter leben,S.117-118