‚Kinder als Störenfriede‘

Kinder galten als absolute Störenfriede in den Konzentrationslagern. Hierfür gab es mehrere Gründe. „Sie beeinträchtigten den normalen Lagerrhythmus, waren gleichzeitig aber zu klein, als dass sie hätten arbeiten können“[1] Zum Teil verstanden sie die komplizierte Struktur des Tagesablaufes im KZ nicht. Besonders beim Appell, der einmal am Tag stattfand, verlangte man den Kleinen Stillstehen für mehrere Stunden ab, was natürlicherweise nicht einwandfrei funktionieren konnte. Außerdem waren Kinder in der Regel erst ab zwölf Jahren fähig, die harte Zwangsarbeit zu bewältigen und waren vorher „unnütz“.

 Ein weiterer wichtiger Grund, warum Kinder als besondere Störenfriede angesehen wurden, war, dass sie Gefühle und Emotionen in Erwachsenen hervorrufen konnten. Es gibt viele Beispiele, die belegen, dass selbst die Lagerführer manchmal dem Liebreiz der Kinder erlegen waren. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Handeln der Lagerführerin Maria Mandel im Außenlager Birkenau. Allseits bekannt war sie als eine kalte und herzlose Person, die keine Skrupel hatte. Doch ausgerechnet sie zeigte Gefühle für einen kleinen zweijährigen Jungen, der sie ans Bein fasste und bittend zu ihr hoch sah. Normalerweise trat sie die Leute einfach mit ihren Stiefeln weg aber diesen kleinen Jungen nicht. Sie nahm ihn auf den Arm und trug ihn fort. Die  nächste Zeit behielt sie den Jungen in ihrer Nähe, kleidete ihn wie ihren eigenen Sohn und nahm ihn zu allen Veranstaltungen mit. In seiner Gegenwart sahen die Leute sie zum ersten Mal lachen. „Und wir sehen die Mandel lachen .Lachen. Dann geht sie wieder, Hand in Hand mit dem Kleinen…zügelt ihren Schritt, passt ihn dem des kleinen Jungen an.“[2] Doch nach einer Woche trug sie das Kind eigenhändig in die Gaskammer.

Die letzte Störung, die durch Kinder hervorgerufen werden konnte, war das Problem ethischer Konflikte unter den Häftlingen. Diese Störung war den Häftlingen besser bekannt als den Aufsehern. Es ging darum, dass es öfters vorkam, dass zum Beispiel Kinder in Koffern ins Lager geschmuggelt wurden, von Verwandten mitgenommen auf den Weg ins Ungewisse. Dann war es die Aufgabe der Häftlinge zu entscheiden, ob das Kind im Lager bleiben sollte und was geschah. Denn ein verstecktes Kind brachte durchaus große Schwierigkeiten für die Häftlinge mit sich. In manchen Lagern organisierten sich sogenannte Widerstandsgruppen die die Entscheidung in solchen Fällen trafen. Den Leuten fiel es schwer, in solchen Situationen objektiv zu handeln. So wurde ein Häftling, der sich gegen das geheime Verstecken des Kindes äußerte als herzlos bezeichnet, dieser jedoch antwortete: „Kein Herz im Leib? Hier geht es nicht nur um ein Kind, sondern um 50000 Menschen!“[3]


[1] Adolphs, Lotte, Walter Braun Verlag Duisburg, Kinder in Ketten, S.47 (Zitat von Hrabrar u.a., 110)

  Vgl. Adolphs, Lotte, Walter Braun Verlag Duisburg, Kinder in Ketten, S.47-61

  Vgl. http://www.gedenkstaettenpaedagogik-bayern.de/jugendliche_kz.htm, Stand 26.02.2012

 

[2] Adolphs, Lotte, Walter Braun Verlag Duisburg, Kinder in Ketten, S.56 Autor unbekannt

[3]Adolphs, Lotte, Walter Braun Verlag Duisburg,  Kinder in Ketten, S.59 Zitat von Apitz,29